China: Die Wehrtürme von Kaiping

Maja Linnemann, Kaiping

Rund hundert Kilometer südwestlich der Provinzhauptstadt und Millionenmetropole Guangzhou (auch: Kanton) stehen inmitten von idyllischen Dörfern und leuchtend grünen Reisfeldern seltsam anmutende, gleichzeitig abweisende und verspielte „Hochhäuser“. Die Wehrtürme von Kaiping wurden erst vor wenigen Jahren wieder entdeckt und als historisches Zeugnis der südchinesischen Auswanderergeschichte im Juni 2007 in das Weltkulturerbe aufgenommen.
Im 19. Jahrhundert  war die heute wirtschaftlich führende Provinz Guangdong Schauplatz mehrerer kriegerischer Auseinandersetzungen, wie der Taiping Rebellion (1851-1864), des „Roter-Turban“-Aufstands (1854 – 1856) sowie seiner brutalen Niederschlagung und eines langjährigen Krieges zwischen den Völkern Hakka und Punti (
1856-1867). Anfang des 20. Jahrhunderts kämpften hier verschiedene Warlords um die Vorherrschaft (1916-1926). Die Folgen dieser Auseinandersetzungen wurden durch zahlreiche Naturkatastrophen noch verschlimmert. Die bäuerliche Bevölkerung verarmte, viele wanderten aus, vor allem nach Amerika, Südostasien und Australien, wo sie beim Eisenbahnbau und in Bergwerken Arbeit fanden. Heute sollen 750.000 Menschen mit Wurzeln in Kaiping im Ausland leben. Hinweise auf die Auswanderungswellen tauchen immer wieder ganz unerwartet auf: Auf einer Reise nach Kambodscha im Januar 2007 erzählte mir der Englischlehrer in dem Küstenstädtchen Kampot, dass sein Urgroßvater aus Guangdong ausgewandert sei und damals „nicht einmal ein Hemd besessen“ habe. Und China Daily berichtete im April 2006 von den Nachkommen chinesischer Auswanderer, die vor anti-chinesischen Ausschreitungen auf den Solomon-Inseln zurück nach Kaiping geflüchtet waren.

Räuber trieben ihr Unwesen

Abgesehen von der traditionell starken Heimatverbundenheit der Chinesen wurde die Bindung an den Geburtsort noch dadurch gestärkt, dass es vielen Auswanderern im 19. Jahrhundert nicht erlaubt war, Ehefrauen mitzunehmen. Es blieb ihnen also gar nichts anderes übrig, als zurückzukehren, sobald sie genügend Ersparnisse hatten, um Land zu kaufen, ein Haus zu bauen und eine Familie zu gründen. Oder, so sie bereits eine Familie hatten, diese mit Geldsendungen zu unterstützen. Die unsichere politische Lage, kombiniert mit dem Wohlstand, der aus dem Ausland in die Gegend zurückfloss, bot einen idealen Nährboden für Räuber, die – wie lokale Chroniken belegen – in großer Zahl ihr Unwesen trieben. Die Bewohner Kaipings mussten sich und ihr Hab und Gut schützen. So entstanden die Wehrtürme von Kaiping, chinesisch Diaolou. Maja Linnemann Kaiping

Wenn man sich Kaiping aus der Millionenmetropole Guangzhou kommend nähert, entsteht der Eindruck, dass die Diaolou praktisch überall sind. 1.833 von den ehemals über 3.000 Diaolous sollen gegenwärtig noch existieren vor allem in den vier 4 Bezirken Tangkou, Baihe, Xiangang and Chikan Township. Errichtet wurden sie als Wohnhäuser, Wachtürme und kommunale Schutzhäuser. Am interessantesten sind die oft opulenten Wohnburgen, die ganz unterschiedliche architektonische Stile vereinen und damit oft einen Hinweis darauf geben, wohin ihre Erbauer ausgewandert waren. Es heißt sogar, einige der Diaolous seien nach Ansichtskarten aus dem Ausland entstanden. Heute gibt es u.a. ein Kanada-Dorf, aber auch ein Mexiko- und ein Burma-Dorf.

Häuser ohne Angriffsfläche

Bis zum vierten oder fünften Stockwerk sind die grauen Mauern glatt mit kleinen Fenstern, die mit eisernen Läden verschlossen werden können und wenig Angriffsfläche bieten. Die oberen Stockwerke stehen in deutlichem Kontrast zur unteren Wehrhaftigkeit, sie ragen meist über den Grundriss des Fundaments hinaus, und erinnern an eine Hochzeitstorte: Galerien, Aussichtsplattformen und Balkone türmen sich übereinander, traditionelle chinesische Elemente wurden mit klassischen europäischen kombiniert und mit Kuppeln, Türmchen, Spitz- und Rundbögen, Mäuerchen, griechischen und römischen Säulen und Verzierungen aus dem Barock und Islam garniert. Fast jedes Diaolou trägt hoch über dem Eingang eine Inschrift mit seinem Namen. Da die neueren Diaolous mit modernen, oft importierten Materialien wie Stahl und Beton gebaut wurden, dominiert die Fassaden ein ernstes  Grau. Hier und da finden sich aber auch eher villenartige Behausungen in warmen, mediterranen Rottönen oder grauen Ziegeln. Der surreale Eindruck der zugleich abweisenden und  verspielten Hochhäuser, die eine fast urbane Würde verströmen, wird durch die ländliche, von schnatternden Gänsen bevölkerte Umgebung und die üppige tropische Vegetation – die ausladenden Bananenbäume,  die schlanken, weit in den blauen Himmel ragenden Palmen und die urigen Banyanbäume – noch gesteigert.

Weltkulturerbe

Das älteste Diaolou, das Yinglonglou, ist allerdings bereits über 300 Jahre alt und steht mitten in dem adretten Dorf Sanmenli. Es ist ein dreistöckiger, massiver Ziegelbau mit fast 1-Meter dicken Wänden, wenigen, kleinen Fenstern und praktisch ohne jede Verzierung. Die meisten der heute existierenden Diaolou wurden allerdings erst in den 1920er und 30er Jahren gebaut.Maja Linnemann, Kaiping

Der jüngste Turm ist mit 1948 datiert. Manches Diaolou ist so gut erhalten, dass man nur einmal abstauben und dann gleich einziehen möchte.  Da die Türme von Kaiping 2001 als Geschütztes Kulturgut deklariert und 2007 als Weltkulturerbe bei der UNESCO aufgenommen wurden, ist die touristische Infrastruktur erfreulich gut ausgebaut. Gleichzeitig ist Kaiping aber noch nicht so überlaufen, wie viele andere Sehenswürdigkeiten in China. Die meisten Besucher kommen aus Hongkong oder Guangdong. Schon 2006 gab es eine detaillierte, chinesische Karte der Gegend, auf der alle Sehenswürdigkeiten eingezeichnet sind. Manche der Sehenswürdigkeiten, wie der malerische Ort Chikan, sind gut mit dem öffentlichen Bus zu erreichen. Wer in Eile ist, kann ein Taxi für den ganzen Tag mieten, wobei man aber nicht davon ausgehen kann, dass der Fahrer alle interessanten Plätze kennt – hier hilft die Karte! Wer genug Zeit mitbringt, könnte die überwiegend flache Gegend auch mit dem Fahrrad erkunden.

Eine Etage für jede Ehefrau

 Einer der Höhepunkte ist das Dorf Zili in Tangkou, wo eine Gruppe gut erhaltener Diaolous steht. Um das touristische Potential der Diaolous voll ausschöpfen zu können, hat sich die Regierung von Kaiping seit einigen Jahren bemüht, die Wohntürme mit Genehmigung der Eigentümer für Besichtigungen zu öffnen. Im Erdgeschoss des Zhulin Turms in Zili liegen Küche und Empfangsraum, an der hinteren Seite führt ein Treppenhaus in die oberen Geschosse. Wer ein Diaolou bauen ließ, erfreute sich eines gewissen Wohlstands und konnte sich entsprechend auch mehrere Ehefrauen leisten. Es scheint, dass jede Ehefrau mit ihren Kindern eine eigene Etage bewohnte. Aufschluss über die Familienverhältnisse geben manche der alten Familienfotos, die in den zugänglichen Diaolou hängen. Im obersten Stockwerk über den Wohnräumen hat der Ahnenschrein seinen Platz. In den Räumen sieht man ein Sammelsurium von klassischen chinesischen und europäischen Möbeln, Haushaltgeräten, Werkzeugen und Geschirr. Ein Grammophon ist Zeuge des westlichen Einflusses.

Maja Linnemann, Kaiping

Von der Terrasse hat man einen schönen Rundblick, aber die Schießscharten an den vier „Ecken“ des Balkons, runde Ausbuchtungen, die als „Schwalbennester“ bezeichnet werden, erinnern daran, dass der Alltag der Bewohner in alter Zeit unvorhersehbaren Störungen unterworfen war. In der Nähe von Zili liegt der Liyuan Garden, eine gut erhaltene Villenanlage, die ursprünglich nach dem „Grand View Garden“ aus dem chinesischen Klassiker „Traum der Roten Kammer“ entworfen wurde, und bei den meisten Touren ganz oben auf der Liste steht.

Das Ruishilou im Kreis Xiangang, ca. 40 km südwestlich von Kaiping, gilt als das prächtigste unter den Diaolou und ist mit 9 Stockwerken auch das Höchste. Heutzutage führt ein Urenkel des Erbauers Huang Bixiu Besucher durch das Gebäude. Auf dem Dach des Ruishilou steht ein alter Stromgenerator deutscher Produktion.

Maja Linnemann

ist freie Autorin, Redakteurin und Übersetzerin in Peking

 

 

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