Hongkong: Ein Diamant im Kohlestück

 

Kunst aus der Volksrepublik China erzielt derzeit Höchstpreise. Hongkongs Kunstszene dagegen ist noch unentdeckt. Dort können auch Spitzenkünstler kaum von ihrer Arbeit leben.

Hongkong ist das Zentrum des Kunsthandels in Asien: Hier sind alle großen Auktionshäuser und Galerien vertreten. Etwa die von Nicole Schoeni, die sich auf den Verkauf von moderner Kunst vom chinesischen Festland spezialisiert hat. Manfred Schoeni, ein Schweizer Hotelier, hatte die Galerie 1993 gegründet und bis im Jahre 2004 geleitet.

Seitdem führt seine Tochter die Geschäfte. Im Träger-Shirt, Sommerrock und in Flip-Flops sitzt sie mir gegenüber. Entspannt lächelnd und gut gelaunt, wirkt die 29-jährige so gar nicht wie eine geschäftstüchtige Galeristin, die mit millionenschweren Gemälden handelt und zugleich eine der wichtigsten Figuren der Hongkonger Kunstszene ist.

Die Galeristin Nicole Schoeni

Nicole Schoeni erzählt von den Zeiten, als ihr Vater noch die Bilder unterdrückter Künstler eigenhändig aus China herausschmuggelte und Malern wie Yue Min Jun zu den ersten Ausstellungen verholfen hatte. Heute ist Yue Min Jun weltberühmt, seine Werke erzielen Millionenerlöse auf dem internationalen Kunstmarkt. Die von ihm geschaffenen „lachenden Gesichter“,  die Menschen mit einem entstellenden oder entfremdeten Lachen darstellen, sind weltbekannt.

Manfred Schoeni war ein Pionier, was den Handel mit chinesischer Kunst angeht. Der richtige Boom begann aber erst 2004, erzählt seine Tochter. „Damals sind auch die Preise für die Kunstwerke explodiert, chinesische Kunst wurde zu einem  lohnenden Investment.“ Kaum ein Kunstmarkt hat eine solch rasende Entwicklung genommen wie der chinesische. Nicole Schoeni mutmaßt, dass dies daran liege, dass China ein großes Land sei und deswegen im Bewusstsein der Sammler auch eine entsprechend wichtige Rolle spiele.

Kunst zwischen zwei Welten

Von der Beliebtheit moderner chinesischer Kunst konnten die Hongkonger Künstler bisher nicht profitieren – international werden sie kaum wahrgenommen. „Das ist schon ein bisschen komisch“, sagt Nicole Schoeni. „Der Kunst hat es hier schon immer an Unterstützung gefehlt“. Nur die wenigsten Künstler könnten von ihrer Arbeit leben.

Zudem fehle es den Hongkong-Chinesen an einer eigenen Identität. Das spiegele sich auch in der Kunst wider. „Die Künstler bewegen sich zwischen zwei Welten – Europa und Asien, bzw. Großbritannien und China – und wissen nicht  so recht wo sie hin gehören“, so Schoeni.

Das bestätigen auch Kacey Wong und  Cassian Lau, zwei Künstler, denen ich im Madhouse begegne, einer der wenigen Galerien der Stadt die auch einheimische Künstler ausstellt. Beide haben in London studiert und sprechen akzentfreies Englisch.

Sie jedoch bewerten ihre Stellung zwischen den Kulturen  positiv und als zusätzliche Quelle der Inspiration. Nirgendwo auf der Welt finde man diese einmalige Mischung: Künstler, die sowohl vom Westen als auch vom Osten beeinflusst sind. „In unseren Adern fließt chinesische Blut, wir denken wie Briten,  tragen italienische Mode, fahren deutsche Autos und schauen amerikanische Filme an“, sagt Cassian Lau.

Cassian Lau erklärt sein jüngstes Gemälde

Er beschreibt die Kunstszene in Hongkong als ein Kohlestück, das einen wertvollen Diamanten in sich trägt.  Noch jedoch hat niemand den Diamanten entdeckt.

Selbst Lau, der zu den bekanntesten Malern Hongkongs zählt, kann allein vom Verkauf seiner Gemälde nicht leben. Seine Frau hat eine kleine Textilfabrik, die sie zusammen leiten, sagt er.

Für die Leute in Hongkong sei Geldverdienen das Wichtigste. „Kunst ist für sie zweit- oder sogar drittrangig“, so Kacey Wong. „Die Menschen sind früher als Flüchtlinge nach Hongkong gekommen und mussten immer Geld verdienen  um zu überleben“, sagt er. Diese Mentalität habe sich bis heute fortgepflanzt.

Kunst wird deshalb in Hongkong nicht um ihrer selbst Willen geliebt, sie wird erst dann interessant wenn sich mit ihr Geld verdienen lässt.

Im Bereich der Hollywood Road reiht sich eine Galerie an die andere. In denen kann man aber entweder moderne chinesische Kunst oder aber Antiquitäten kaufen – Kunst, die einen hohen Preis erzielt, und mit der sich entsprechend viel verdienen lässt.

Vicki Lui leitet die Galerie Madhouse

Galerien wie das Madhouse, die Hongkonger Künstler ausstellen gehören zur Ausnahme. Bilder von Malern aus der ehemaligen Kronkolonie werden fast ausschließlich von Expats, in Hongkong lebenden Ausländern, gekauft. „Hongkonger hassen Langweile“, sagt Vicki Lui, die Galeriechefin im Madhouse.  „Kunst ist für die Leute in Hongkong etwas Langweiliges, wir müssen die Menschen nun vom Gegenteil überzeugen.“

Rasso Knoller

 

 

 

 

 

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