Spanien: Granada, der neue Hof der Löwen

Friedl,  Blick auf Granada

Es ist heiß. Die Temperaturanzeiger, von der Stadt Granada fürsorglich aufgestellt, zeigen 32 Grad Celsius an. Morgens um kurz vor halb neun Uhr. Das ist gerade noch zu ertragen. Schon zu dieser frühen Stunde drängeln sich die Touristen vor den Toren der Alhambra. Seit kurzem ist der maurische Palast wieder um eine Attraktion reicher – den neu restaurierten Löwenhof, der vor über siebenhundert Jahren zur Privatresidenz des Sultans gehörte. Lange Zeit war er für Touristen verschlossen. Zehn Jahre lang renovierten über 270 Handwerker, Restauratoren, Ingenieure und Architekten das Herz der Alhambra. Im Juli 2012 war das große Werk dann endlich vollendet.

15 Jahre und elf Brunnen

Über zwei Millionen Euro hat alles gekostet. Denn nicht nur das Prunkstück der Alhambra wurde erneuert, sondern auch das gesamte Hydrauliksystem des Palastes. Nach fast 15 Jahren eifrigen Bauens fließt jetzt das Wasser wieder und die elf Brunnen auf dem weitläufigen Gelände der Alhambra können auf Knopfdruck alle gleichzeitig lossprudeln. Vor der Renovierung bedeckte ein unansehlicher Kieshaufen den Boden im patio de los leones, im Hof der Löwen, die Statuen waren brüchig und mit Dreck überzogen. Glänzende weiße Marmorplatten schmücken jetzt wie vor Jahrhunderten den Boden. Die zwölf Löwen thronen an ihrem angestammten Platz. Sie sind die Könige. „Ich erkenne sie mit geschlossenen Augen, wie als ob sie meine Kinder wären“, sagt Carmen Tienza, die jahrelang an der Restaurierung der Figuren mitarbeitete. In der Mitte des Hofes steht ein zylindrisch geformter Brunnen, getragen von den zwölf marmornen Löwen, aus deren Mäulern das Wasser fließt. Der Löwe soll nach orientalischer Tradition ein Symbol der Sonne sein. Wenn man den steinernen Figuren ins Gesicht blickt, sehen sie aber eher wie zufrieden grinsende Katzen aus, allerdings sehr kunstvoll gearbeitet. „Die Schmutzschicht auf den Figuren war so dicht, dass sie vor der Reinigung wirklich mehr Hauskatzen glichen“, erzählt einer der Arbeiter. Für die zwölf Brunnenlöwen haben Alhambraexperten noch andere mytische Interpretationen anzubieten: Sie sollen die zwölf Sonnenzeichen repräsentieren und für die zwölf Monate stehen, die in der Ewigkeit natürlich alle gleichzeitig existieren.

Friedl, Löwenhof

Gärten als Abbild des Paradieses

Noch stehen nur einige Menschen hier, der Blick schweift ungehindert über den Platz und zu den Säulen, die den Hof wie einen Kreuzgang einrahmen. Leicht und luftig erscheint der langgestreckte Platz trotz der reich geschmückten Kapitelle und Bögen der einzelnen Pfeiler. Zu Zeiten der nasridischen Sultane war der Hof ein Garten. Ein Garten mit einem Wald von Säulen, die an einen Palmenhain erinnern, wie einmal ein früherer Bewunderer meinte. Wie die Palmen, die Oasen in der Wüste begrünen. Nach islamischer Tradition ist der von Mauern umschlossene Garten ein Abbild des Paradieses. So haben die arabischen Erbauer auch vier schmale Wasserläufe anlegen lassen, die wiederum die vier paradiesischen Flüsse symbolisieren sollen. Und um den Hof herum lagen die Räume der Haremsdamen, die in dem irdischen Paradiesgarten ungestört spazieren gehen konnten.

Jetzt bevölkern allmählich immer mehr Besucher den Hof. Amerikaner in Shorts, Araberinnen in schwarzen Burkas und Reisegruppen, die sich um ihre Führer scharen. Auch die vielen Japaner fallen auf. Eine Japanerin ist tatsächlich ganz traditionell in einen Kimono gekleidet, ein Sonnenschirmchen schwebt über ihrem Kopf. Die Menschenmassen sind hier ein alltäglicher Anblick. Das weitläufige Gelände der Alhambra, mitsamt dem Garten etwa 400 Hektar groß, ist das beliebteste Museum Spaniens, noch vor dem Prado in Madrid. Täglich werden 8.400 Tickets verkauft und kein einziges mehr, um die zentrale Palastanlage wenigstens etwas vor den Touristenströmen zu schützen. Es empfiehlt sich sehr, die Karten mindestens drei Wochen vor dem geplanten Besuch zu kaufen. Und die besten Reisezeiten sind natürlich das Frühjahr und der Herbst, nicht der glutheiße Sommer, unter dem Granada jedes Jahr ächzt. Und der eine Besichtigung der Alhambra auch schon mal zur Qual werden lässt.

 Angelika Friedl

 

 

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