Deutschland: Für 2 Euro 60 in Berlins angesagtesten Club

Knoller Partytram M 10

In Berlin verwandelt sich eine  ganze normale Straßenbahn am Wochenende zum fahrenden Club. In der M10 trifft sich das feiernde Partyvolk auf der Fahrt zwischen den Ausgehbezirken Prenzlauer Berg und Friedrichshain.

Erik ist begeistert. Lässig hält er eine Bierflasche in einer Hand und steigt in die Bahn. So etwas gäbe es zu Hause nicht, erzählt der junge Schwede mit heißerer Stimme. In Stockholm dürfe man in der Öffentlichkeit keinen Alkohol trinken, sagt er. In der Berliner Straßenbahn M10 ist Erik aber lange nicht der einzige der mit einer Flasche unterwegs ist. In den Nächten am Wochenende fällt eher der auf, der ohne eigenen Alkoholvorrat unterwegs ist. 

Zwischen Prenzlauer Berg und Friedrichshain 

Erik brüllt mir ins Ohr, aber ich kann ihn trotzdem kaum verstehen. Es ist Samstagnacht und da geht es in der M10 hoch her. Neben Erik grölt sein Kumpel  Emil ein schwedisches Partylied. Dessen Freundin Anne unterstützt ihn mit rhythmischen Hüftschwüngen und dadurch, dass sie im Takt die Hände nach oben reckt. Den kleinen Italiener im Sitz vor ihnen stört das nicht. Er ist vermutlich schon länger unterwegs. Konzentriert umfasst er eine halb geleerte Flasche Sternburg. Die – so lässt ein Blick in seine glasigen Augen vermuten – ist nicht die erste, die er an diesem Abend leert. Ein junges Pärchen drängt sich mir in den Rücken. Es geht eng zu in der Bahn, da bleibt selbst für Verliebte nicht viel Platz zum knutschen.  

Die M10 ist Berlins bekannteste Straßenbahnlinie. Sie verbindet auf knapp acht Kilometern die beiden Partybezirke Prenzlauer Berg und Friedrichshain. Tagsüber unterscheiden sich die Fahrgäste der M10 nicht von denen anderer Berliner Straßenbahnen. Abends aber trifft sich hier das Feierpublikum auf dem Weg von einem Club zum nächsten –  auffällig viele Berlinbesucher aus dem Ausland sind dann mit der Tram unterwegs. 

Laut und unterhaltsam 

Im Internet wird auf einschlägigen Seiten neben den Berliner Clubs auch die M10 gelistet. Die Userin Lydia schreibt über die Bahn: “Was sich da am Wochenende abspielt, will ich niemandem vorweg nehmen, aber es kann durchaus laut, dumm und unterhaltsam sein, manchmal auch eine Grenzerfahrung, wenn es Fahrgästen plötzlich durch übermäßigen Alkoholkonsum nicht mehr ganz so rosig geht.“ Und Karoline, die sich im Netz als Berliner zu erkennen gibt schreibt eine Lobeshymne auf die Straßenbahn: „Hoch soll sie leben! Die gute, alte, dicke Gelbe ist quasi die Lebensader der zwei besten Bezirke!“

An der Endhaltestelle an der Warschauer Brücke wechselt die Besatzung. Die einen steigen aus, um in Friedrichshain zu feiern, die anderen machen sich auf dem Weg in den Prenzlauer Berg. Vier Franzosen warten an der Haltestelle. Sie bitten mich ein Foto von ihnen vor der Straßenbahn zu machen. Für sie ist die Bahnfahrt eines der Highlights ihres Berlintrips, die gelbe Bahn eine Sehenswürdigkeit. Die Franzosen waren im  Berghain, dem angesagtesten Club der Stadt und dem, mit der strengsten Türpolitik. Für die Franzosen war dort, wie für viele andere, schon am Eingang die Party zu Ende. “Wir haben eine Stunde gewartete und dann durften wir nicht hinein”, erzählt einer der Vier. Jetzt fahren sie zurück in den Prenzlauer Berg. Dort, in der Kulturbrauerei, wollen sie einen neuen Versuch starten. Aber eigentlich ist es den jungen Franzosen ohnehin egal, wo sie feiern. “Here is best”, sagen sie einvernehmlich in gebrochenem Englisch und deuten in Richtung der Bahn. Für sie findet das eigentliche Fest schon auf dem Weg zum Club statt.

In Berlin gibt es noch eine andere Partytram. Sie kommt im Gegensatz zu den regulären Bahnen mit einem silbernen Anstricht daher, nennt sich “Berliner Fahrbar” und wird von den Verkehrsbetrieben für Familien- oder Firmenfeiern vermietet. Auch in vielen anderen deutschen Städten kann man Geburtstage, Junggesellenabschiede und Betriebsjubiläen auf Schienen feiern – in München oder Leipzig beispielsweise, aber auch in Augsburg oder Kassel. Anders als in der M10, muss man dort für eine Feier wesentlich mehr Geld anlegen als 2 Euro 60 für einen Einzelfahrschein.

Rasso Knoller

 

 

 

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