Ukraine: Lenin im Venedig der Ukraine

Knoller, Vilkovo: Angler im Morgengrauen.

Eigentlich wäre Vilkovo durchaus eine Reise wert. Das „Venedig des Ukraine“ ist das Tor zum Donaudelta. Trotzdem bleiben Pelikane, Schwäne und Gänse weitgehend unter sich.   

Fotograf: Rasso Knoller,  Erinnerung an alte Zeiten: Das Lenindenkmal im ukrainischen Ort VilkovoDie Stadtführerin bringt es auf den Punkt: „In Vilkovo passiert nichts“, sagt Ludmilla. „Hier gibt es nur zwei Sehenswürdigkeiten, das  Fischerdenkmal und das Lenindenkmal“, erzählt sie weiter.  Das Leninmonument habe man vor ein paar Jahren abreißen wollen, aber dafür habe das Geld gefehlt. Jetzt lasse man den silbernen Koloss einfach stehen. Für die Touristen sei er ja ein schönes Fotomotiv, so Ludmilla.
Das wenige Geld, das man in Vilkovo hat, hat man offenbar für die Renovierung der beiden Stadtkirchen ausgegeben. Die orthodoxe St. Nikolaus Kirche strahlt frisch gestrichen in sattem Gelb. Die der Gottesmutter  Maria geweihte katholische Kirche hält mit einem fetten Blaugrün dagegen. Ansonsten ist nicht viel Buntes zu sehen in der Stadt.
Wer arbeiten kann, geht weg. „Die Jungen schauen, dass sie woanders einen Job kriegen“, sagt Ludmilla. Noch zählt Vilkovo 9000 Einwohner, aber von  Jahr zu Jahr werden es weniger. Das Hotel Venedig hat inzwischen geschlossen – auch das Restaurant mit demselben Namen empfängt schon lange  keine Gäste mehr.
Immerhin, ein Gemischtwarenladen hält noch die Stellung Sein Name macht Hoffnung – Glamour heißt er. Eigentlich ist Vilkovo ja ein Touristenort. Das ist gar nicht so überraschend, denn das Donaudelta vor den Stadttoren steht auf der  Liste des Weltnaturerbes der UNESCO.  Wegen seiner Kanäle nennt sich das Vilkovo stolz das „Venedig der Ukraine“. Boote sind das wichtigste Verkehrsmittel – statistisch gesehen besitzt jeder Einwohner zwei davon.

Mit dem Boot zur Donaumündung

Von Vilkovo aus schippert man hinaus zum Deltader Donau. Da die aber mehrere Mündungsarme hat, verteilt sich auch das touristische Geschäft. Zum Leidwesenfür die Menschen in Vilkovo fahren die meisten Touristen nach „nebenan“, nach Rumänien.  

Knoller, Donaufischer im ukrainischen Vilkovo

Gemächlich tuckert das Boot die Donau hinab. Es zieht vorbei an Anglern und anFischreihern. Die stehen am Ufer und  haben dasselbe Ziel – möglichst viele Fische fangen. Und davon gibt es reichlich im Donaudelta. Schleie, Hecht, Hausen, Zander und Karpfen, listet Ludmilla die unterschiedlichen Fischarten auf. Und erzählt weiter, dass ein Hausen früher über 100 Jahre alt und bis zu zwei Tonnen schwer werden konnte. So lange hält heute kein Fisch mehr durch. Irgendwann geht er in die Netze der Fischer. Die schwersten Hausen wiegen heute immerhin auch noch um die 200 Kilo. Welse können sogar bis 300 Kilo schwer und bis zu 4 ½ Meter lang werden. „Das sind die gefräßigsten Fische in der Donau“, sagt Ludmilla. Die seltensten aber sind die Störe. Sie sind inzwischen strengstens geschützt. Ihr Kaviar ist bei den Reichen und Superreichen eine gefragte Delikatesse. Auf dem Schwarzmarkt werden 1200 Dollar fürs Kilo bezahlt. Da das in der Ukraine weit mehr als einem Monatslohn entspricht, ist die Versuchung groß, durch einen kleinen Gesetzesbruch schnell reich zu werden. Viele Fischer scheren sich deswegen nicht um das Verbot. 

Knoller, Guide Ludmilla am 0 Km-MarkerWährend Ludmilla ihre Geschichten erzählt,erreicht das Boot die Donaumündung. Dort paddeln Schwäne, Gänse, Kormorane und Pelikane im Wasser  – eigentlich ein Paradies für Vogelfreunde. Doch die wenigen Touristen, die hierher kommen, interessieren sich nur am Rande für die Vögel. Sie wollen den mannsgroßen 0-Kilomter-Marker fotografieren, der das offizielle Ende der Donau anzeigt. Jenseits des Markers beginnt das Schwarze Meer.

„Wer die Null durchsteigt, darf sich etwas wünschen und dieser Wunsch geht dann auch in Erfüllung“, verspricht Ludmilla. Damit sich ihr Glück nicht als allzu flüchtig erweist, steigt sie vorsichtshalber gleich zweimal durch die Null.    

Rasso Knoller

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