USA: Auf Wolfspirsch am gelben Fluss

 

Im Yellowstone Nationalpark lassen sich Bären und Wölfe beobachten. Forschung, Tierschutz und Tourismus gehen dabei Hand in Hand.

„Einheit Neun, hier Einheit eins, bitte kommen“, krächzt es aus dem Funkgerät. Schnell dreht Naturführer Zack Baker den Ton lauter: „Wir haben hier einen Grizzly. Er nähert sich dem Wolfsbau von Rudel Nummer zwölf“, meldet sich die Stimme wieder. „Den sehen wir uns an. Das ist hier in der Nähe“, ruft Zack und treibt uns ins Auto. „Eine Begegnung zwischen Bär und Wölfen, das habe selbst ich noch nicht erlebt“ sagt er aufgeregt und gibt Gas.

Seit dem frühen Morgengrauen sind wir im Yellowstone Nationalpark im Nordwesten der USA unterwegs – nicht nur einer der größten Nationalparks der USA, sondern mit dem Gründungsjahr 1872 auch der älteste der Welt. Pünktlich zum Sonnenaufgang hat Zack uns zum ‚Grand Canyon of the Yellowstone’ geführt: Eine Schlucht mit 400 Meter hohen Felswänden, die in hellem Gelb, in Kupfer, Orange, Ocker und Rot schimmern.

Quellen, Geysire und Schlammtöpfe

Die Geologie der Region ist ein Resultat vulkanischer Aktivität. Unter der Erde brodelt es in einer gewaltigen Magmakammer. Die vielfältigen Formen des Vulkanismus zeigen sich in Tausenden heißer Quellen, Geysire und Schlammtöpfe: Im „Mund des Drachen“ schmatzt und gluckt es unappetitlich. Im „Schlammvulkan“ brodelt ätzende Flüssigkeit. Qualmende Erdspalten säumen die „Feuerstraße“.

Die Tierwelt lässt sich davon nicht beeindrucken. Zum Beispiel die Büffel, denen man unter Garantie begegnet: In kleinen Gruppen weiden die zotteligen Tiere im Haydon Valley, vorsichtig umkreist von Fotografen mit der Kamera im Anschlag. Schnaubend drohen die Bullen mit ihrem massigen Schädel, wenn sie ihre Jungen in Gefahr sehen. Erschreckt sprinten die Menschen dann beiseite.

Studienobjekt Wolf

„Beeilt euch, die Wölfe haben ihn jetzt bemerkt“, tönt es wieder aus dem Gerät. Zack gibt Gas. „Ich liebe diese Momente“, erzählt der junge Führer. „Ich merke dann, dass ich Teil eines wichtigen Projekts bin.“ Für seinen Arbeitgeber Carl Swoboda gehen Tourismus und Tierschutz Hand in Hand. Dessen Firma nimmt offiziell am Wolfsprojekt der Parkverwaltung teil, in dem Wissenschaftler und Ranger das Verhalten der Wölfe studieren.

Mitte der 90er Jahre wurden 31 Grauwölfe aus Kanada in den Yellowstone ausgewildert, wo sie ausgestorben waren – Wölfe, Kojoten und Pumas waren in der Anfangszeit des Parks gnadenlos getötet worden. Zeitweise musste sogar die Armee einschreiten, um Wilderei und Zerstörung der Natur zu verhindern. Heute fühlen sich die scheuen Jäger im Park wieder so pudelwohl, dass sich ihre Zahl mehr als verzehnfacht hat.

Rund ein Drittel der Wölfe ist mit einem Halsband und Sender markiert, einige sogar mit GPS. Die Wissenschaftler sammeln Daten über Rudelgrößen und Reviere, die Auswahl der Beute und die Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem. Während Zack erklärt, erreichen wir endlich den Hügel des Geschehens, auf dem sich schon eine schwer bewaffnete Armee in Stellung gebracht hat: Teleskope, Ferngläser und Teleobjektive sind auf die Prärie im Lamar Valley gerichtet, in dem mehrere Büffelherden grasen.

Grizzlies, Wölfe und Touristen

Hektisch setzt Zack sein Beobachtungsgerät aufs Stativ, dann hat er ihn direkt im Visier: Gemütlich bummelt der Grizzly durch die Wiese, schnuppert an den Büschen und hält die Schnauze in die Sonne. Auch Bären machen mal einen Morgenspaziergang. Aus der Ferne wirkt der gefährliche Koloss wie ein knuddeliger Teddy. Noch hat er die beiden Wölfinnen nicht bemerkt, die ihn in sicherem Abstand lauernd umkreisen.

„Wenn er so weitertapert, muss er direkt über die Wolfsjungen stolpern“, flüstert eine dick in Decken gehüllte Frau in ihrem Campingstuhl – nur ihre Augen lugen unter einer Fellmütze hervor. Die Profis unter den Wolfsfans kommen mit teurem technischem Gerät, heißem Kaffee gegen die Morgenkälte und viel, viel Geduld – so spektakulär wie heute ist es nicht jeden Tag.

Manche reisen jedes Jahr für mehrere Wochen an und folgen den Tieren wie Groupies ihren Stars. „Ganz gewiefte hören unseren Funk ab“, erzählt Zack. „Dann kommen ganze Horden zu den gemeldeten Orten.“ Der Leiter des Forschungsprojektes musste sogar sein Auto wechseln. Das gelbe Fahrzeug war schnell bekannt und wurde regelmäßig von fanatischen Tierliebhabern verfolgt.

Der Grizzly ist jetzt nur noch hundert Meter vom Bau mit den Jungen entfernt. Attacke! Die Wölfinnen greifen von zwei Seiten an, der Bär brüllt und schlägt mit der Tatze nach ihnen, doch sie lassen nicht locker. Bis der Bär schließlich aufgibt und sich zurück in den Wald trollt. „Bei solchen Konflikten ziehen Wölfe oft den kürzeren“, erklärt einer der anwesenden Wissenschaftler. „Aber hier ging es ja um ihre Jungen.“

Inzwischen ist bei den Wölfen wieder Ruhe eingekehrt, die Fangemeinde stellt sich auf Stunden – oder Tage – des Wartens ein, bis wieder etwas passiert. Doch da quäkt es schon wieder aus Zacks Funkgerät: Zwei Grizzlys tummeln sich auf einer Wiese nicht weit von hier. Zack dreht den Apparat gleich leiser: Diesmal will er die Tiere für seine Gruppe ganz alleine haben.

Oliver Gerhard

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