Deutschland: Mit Rad und Skizzenblock

Lyonel Feininger war nicht nur Architekturmaler, sondern auch passionierter Radfahrer. Auf seinen Radspuren führen zwei ausgeschilderte Rundwege zu Motiven des Künstlers auf Usedom und in Thüringen

Ein bisschen suchen muss man schon, doch wenn nicht gerade ein Auto auf der bronzenen Plakette parkt, ist sie schnell gefunden. Vor dem hölzernen Schlauchturm des alten Feuerwehrgebäudes in Benz liegt sie und zeigt mit einem Pfeil genau die Richtung an, in die der Betrachter schauen muss. Der Blickwinkel auf den Kirchturm der kleinen Gemeinde Benz auf Usedom beträgt ungefähr 45 Grad und ist ziemlich exakt der gleiche, mit dem der Maler, Grafiker und Karikaturist Lyonel Feininger (1887-1956) den Turm betrachtet und bis zuletzt wiederholt in unterschiedlichen Techniken auf seinen berühmten Bildern verewigt hat.

Ein Radweg führt seit einiger Zeit zu den Malorten des Deutsch-Amerikaners im hügeligen, mit Buchenwäldern bestandenen Hinterland der Ostseeinsel Usedom, knapp 40 Kilometer lang mit 45 bronzenen Sichtpunkten versehen. Ein aufwändig gestaltetes Buch mit dem Titel „Papileo auf Usedom“ und eine ebensolche Homepage geben Orientierungshilfe. Benz, Mellenthin, Alt-Sallenthin, Balm, Zirchow, Korswand, Gothen und natürlich Neppermin, das Feininger oft Peppermint nannte – kleine Dörfer auf der Insel, die im übergroßen Schatten der historischen Seebäder praktisch unsichtbar sind. Gäbe es nicht die kraftvollen Bilder Lyonel Feiningers, der dem Charme der Moränenlandschaft und der typischen Dorfarchitektur erlegen war.

Inmitten der Motive

Zwischen 1908 und 1918 verbrachte der Maler regelmäßig die Sommermonate an der Ostsee, logierte sowohl in der Villa Zander in Heringsdorf als auch im alten Gasthaus von Neppermin. „Ich bin inmitten der Motive, die ich kenne und lieb gewonnen habe“, schrieb der Künstler 1912 aus Benz. So ist die dortige Dorfkirche in New York ebenso ein Begriff wie in Australien – zumindest unter den Liebhabern Feiningers. Und davon gibt es einige. Nicht zuletzt unter der Dorfbevölkerung von Usedom, die den Maler praktisch nur noch mit seinem familiären Spitznamen „Papileo“ betitelt. Der einstige Bauhaus-Lehrer hat mittlerweile sogar eine eigene Fanpage bei Facebook.

Vielleicht liegt es daran, dass der so wichtige Vertreter der Klassischen Moderne vor allem kleinen Städten und Dörfern große Aufmerksamkeit schenkte. Vielleicht hatten diese auch Glück, dass Feininger so ein passionierter Radfahrer war. Stets besaß er die neuesten Sporträder, Tausende Kilometer soll er im Jahr gefahren sein. Unterwegs füllte sich sein Skizzenblock mit seinen berühmten Natur-Notizen, mit Ansichten alter Scheunen, knorriger Alleebäume, weiter Ackerflächen, erhabener Kirchen oder pompöser Villen. Mit diesen Skizzen ist Feininger zugleich Chronist seiner Zeit geworden. Denn in ihrer Detailliertheit und Wiederholung über die Jahre geben sie auch heute einen Einblick in das Leben der damaligen Zeit. Die Natur-Notizen waren für den Künstler noch wertvolle Erinnerungshilfe, als er – in Deutschland als „entartet“ verfemt – längst zurück in den USA war. Viele seiner damaligen Malorte lassen sich zumindest erahnen, manche genau so besichtigen wie zu Lebzeiten des Künstlers.

Durch die Dörfer Thüringens

Nicht nur auf Usedom und später an der pommerschen Ostseeküste hat er seine Motive gefunden. Auch in den Städten und Dörfern Thüringens rund um das Weimarer Bauhaus. Die Marktkirche von Halle, die Dorfkirche von Gelmeroda, von Mellingen, von Vollersroda oder Niedergrunstadt, ohne Feininger wären sie kaum über ihren Sprengel hinaus bekannt geworden. So verwundert es kaum, dass auch Thüringen seit einigen Jahren einen knapp 30 Kilometer langen Feininger-Radweg ausgewiesen hat. Statt bronzener Plaketten im Boden stehen dort Pulte vor dem Malort, auf denen etwas zur Geschichte des Motivs zu lesen ist sowie das daraus entstandene Bild Feiningers gezeigt wird.

Die Initiatoren der Themenradwege mögen von der Strahlkraft des Feiningerschen Werks getrieben worden sein. Doch sie folgen damit einem Trend, sagt der Hamburger Tourismusforscher Dr. Ulrich Reinhardt von der Stiftung für Zukunftsfragen: Der gemeine Tourist heutzutage sucht das Erlebnis, will eintauchen in eine Traumwelt – und sei es die eines Anderen, eines Künstlers umso besser. „Bedingung ist, dass das angebotene Erlebnis authentisch ist und die Qualität stimmt“, sagt Reinhardt. Authentischer, als ein Motiv des Malers Feininger mit dem Fahrrad anzusteuern und praktisch den gleichen Blick darauf zu werfen, geht es wohl nimmer. Die umfangreichste Sammlung Feiningerscher Holzschnitte findet sich übrigens nur 200 Kilometer nördlich von Weimar: in der Lyonel-Feininger-Galerie zu Quedlinburg.

Papileo auf Usedom

Die Radtour besteht aus zwei Rundkursen, die miteinander verbunden werden können. Die kleinere Runde führt von Benz über Neppermin, Balm nach Mellenthin und zurück und ist etwa 15 Kilometer lang. Die größere Tour ist etwa 40 Kilometer lang und startet ebenfalls in Benz. Sie führt über Sallenthin in die Kaiserbäder Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin, weiter nach Swinemünde und zurück über Zirchow, Korswandt, Gothen und Neuhof nach Benz. Wen die häufigsten Motive Feiningers interessieren, der sollte unbedingt den kleinen Rundkurs abfahren – und sich dabei von der hügeligen und bewaldeten Landschaft des Usedomer Hinterlandes faszinieren lassen. Sehenswert ist auch die Villa Oppenheim in Heringsdorf, ebenfalls häufiges Motiv. Nehmen Sie sich unbedingt Zeit, die Punkte zu finden und den Blick lange ruhen zu lassen.

Feininger in Weimar und Weimarer Land

Start und Ziel der etwa 28 Kilometer langen Tour ist das Hauptgebäude der Bauhaus-Universität in Weimar. Von dort führt die Route zunächst zu Arbeits- und Wohnorten des Malers in der Stadt. Dann geht es ins Kirschbachtal und nach Niedergrunstedt. Nächste Stationen sind Gelmeroda, Possendorf, Vollersroda, Mellingen und Oberweimar. Von dort gelangt man durch den Goethepark von Weimar zurück in Stadtzentrum. Neben der Kirche von Niedergrunstedt, die Feininger 1919 in einem Gemälde verewigt hat, ist dort das an die sehenswerte Barockkirche angrenzende Hofatelier einen Besuch wert. Ebenfalls ein Muss: Die byzantinischen Secco-Malereien der ganzjährig geöffneten (Autobahn-)Kirche von Gelmeroda. Das Dorf ist durch allein zehn Ölgemälde Feiningers weltberühmt. Bei Vollersroda öffnet sich der Blick auf die bewaldeten Höhenzüge des „Mittleren Ilmtals“. Zwischen April und Oktober werden ein bis zweimal pro Monat jeweils an einem Samstag geführte Radtouren angeboten.

Nadine Kraft

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