Frankreich: Normannische Pferdewelt

IMG_9916

Es liegt an der Qualität des Grases, heißt es, weswegen sich die Normandie im Nordwesten Frankreichs so gut für die Pferdezucht eignet. Und tatsächlich, überall in der Landschaft – neben Fachwerkhäusern und unter Äpfelbäumen – stehen Pferde auf den grünen Weiden. Auf einer Reise in die Normannische Pferdewelt kann man die Vielfalt des hippophilen Frankreichs entdecken.

Die beiden Kaltblut-Schimmel ziehen mit Leichtigkeit die kleine Sportkutsche durch die nebelverhangene Landschaft. Ein schmaler Weg, eine kleine Anhöhe und William Lebègue auf dem Kutschbock ermutigt die zwei Wallache zum Galopp. Jetzt festhalten, mit beiden Händen, und sich ducken, denn die taubeladenen Äste der Bäume hängen tief. Der Wagen rumpelt und hüpft über den Feldweg. Das ist keine gemütliche Touristen-Kremser-Partie, sondern ein Abenteuer mit Percheron-Kraftpaketen. Wendig und temperamentvoll entkräften sie manches Vorurteil vom lahmen Kaltblüter.

Die ganze Familie Lebègue ist verliebt in die Percherons. Josiane und Pascal, ebenso wie Sohn William. Ihr Hof Ferme de Montaumer liegt in La Mesnière, mitten in der Region Perche, der HeiIMG_9826mat der Percherons, der wohl bekanntesten Kaltblutrasse Frankreichs. Wer die Zuchtpferde oder die vielen Kutschen der Familie besichtigt, kommt automatisch mit ihr ins Fachsimpeln und erfährt dabei vieles über die vom Aussterben bedrohte Pferderasse. „Inzwischen gibt es schon mehr Percherons in den USA als in Frankreich“, sagt Pascal Lebègue, „bei uns können die Menschen das Percheron-Pferd noch als Teil unserer eigenen Kultur kennenlernen.“

„Die Percherons haben einen absolut zuverlässigen Charakter“, davon ist Josiane überzeugt. Sobald sie die Koppel betritt, kommen die Mutterstuten mit ihren Fohlen angaloppiert und beginnen mit ihr zu schmusen. „Wir züchten vornehmlich zwei Farben“, erklärt die Französin, „die grauen Fohlen werden mit der Zeit weiß und die schwarzen bleiben schwarz.“ Am gefragtesten sind Apfelschimmel. „Nur im Tourismus und im Fahrsport werden die Percherons langfristig noch eine Zukunft haben“, vermutet William Lebègue. Der 31jährige hat auch beruflich aufs Pferd gesetzt und absolvierte eine Fahrlehrerausbildung im nahe gelegenen Haras du Pin.

Das Hippodrome de la Bergerie

IMG_0181Dieses normannische Nationalgestüt in einem 1100 Hektar großen Landschaftsareal wurde einst von Sonnenkönig Ludwig XIV. in Auftrag gegeben. 45 Deckhengste verschiedener Rassen gehören zum Gestüt, das älteste der 23 französischen Nationalgestüten. In dem Stallgebäude aus dem 18.Jahrhundert ist auch ein Pferdemuseum eingerichtet, das sich mit Wissen rund ums Pferd an ein breites Publikum wendet.

Mit dem Hippodrome de la Bergerie verfügt das Gestüt über eine eigene Galopprennbahn, die zweitälteste in Frankreich. „Im 19.Jahrhundert wurden an diesem Ort die ersten Flach- und Hindernisrennen veranstaltet“, erzählt Jean-Marie Mussat, der sich wie viele Helfer hier ehrenamtlich für die historische Rennbahn engagiert. Nur an drei Tagen im Jahr finden die Jagdrennen statt, die wie ein Familienfest auf dem Lande zelebriert werden. Es geht very british zu, wenn die Vollblüter an den Start gehen – von Perchorons keine Spur.

Selbst in der Herkunftsregion Perche ist es nur in wenigen Reitställen möglich, auf Percherons auch zu reiten. Laurence Lemaitre hat in ihrem Reitstall Perch’Orizon in Moutiers-au-Perche für solche Anfragen zwei Percherons im Stall. Der weiße Riese Lobo, ein Wallach, trägt Gastreiter durch die verträumte Landschaft und vermittelt das buchstäblich breite Gefühl, 850 bis 1000 Kilogramm unter sich zu haben.

IMG_9620Die grüne Region Perche, etwa eine gute Zugstunde von Paris entfernt, schätzen die Hauptstädter für den Wochenendausflug. Manche bleiben dann ganz hier, wie Carol und Pietro Cossu-Descordes. Sie haben einen alten Bauernhof aufwändig renoviert und bieten in ihrer Domaine de La Louveterie romantische Gästezimmer, ausgestattet mit Antiquitäten aus dem Familienbesitz. IMG_9773Ein echter Geheimtipp. Auf der Weide stehen ihre Pferde. „Mein Traum sind Wanderritte durch le Perche“, meint Carol, die ihren Mann während eines Reiturlaubs kennen gelernt hat. „Reiten verbunden mit kulinarischen Genüssen“, fügt Pedro hinzu und lächelt. Diese können Gäste übrigens jetzt schon im stilvollen Ambiente vor dem offenen Kamin genießen.

Die Normandie ist Pferdeland, über 13.500 Menschen sind in der Pferdewirtschaft beruflich engagiert. Die Züchterdichte ist die höchste in Frankreich. Eine Ursache hierfür sind die vielen Pferderennen, die hier stattfinden. Sie haben einen viel höheren Stellenwert als in Deutschland. Kinder kennen die Namen der Jockeys. Sechseinhalb Millionen Leute wetten auf Pferde, über ein Zehntel der Bevölkerung. Gewinne und Züchterprämien sind höher, davon leben viele Gestüte.

Als die prestigeträchtigsten Rennbahnen der Normandie gelten die von Deauville und Cabourg, noble Städtchen am Meer. „Zum täglichen Morgentraining haben Besucher freien Zugang“, erklärt der Direktor des Hippodrome de Deauville Yves Deshauyes, „doch die wirkliche Spannung fühlt man nur am Renntag.“ Von einem solchen IMG_9658Tag erschöpft, kann der pferdeinteressierte Tourist dann auf einem Gestüt übernachten, wie zum Beispiel in Quetteville. Cheval plus Hotel ergibt Chevotel, was soviel wie Pferdehotel bedeutet. Vom Fenster des Hotelzimmers aus sieht der Gast die Vollblüter auf der Koppel weiden. Viele internationale Rennpferde-Besitzer lassen ihre Tiere in Frankreich trainieren. Die gute Infrastruktur rund ums Pferd ist da ausschlaggebend. Vielleicht ist es aber auch das saftige Gras der Normandie

Daniela David

 

 

 

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *