Färöer: Ein ganzes Jahr in einer Stunde

Eine Geschichte von Schönheit, Leidenschaft und außerirdischem Zauber

Mit der Liebe geht es manchmal schnell. Besonders dann, wenn sich einer der Partner von Anfang an richtig ins Zeug legt. Mit allem aufwartet, was er zu bieten hat, und allen Emotionen freien Lauf lässt. So viel Leidenschaft lässt sich nur schwer widerstehen.

Bei mir hat es nur eine Stunde gedauert, dann war ich ihr verfallen – oder ihnen. Denn eigentlich waren es gleich mehrere. Genauer gesagt 18! So viele Inseln gehören zu den Färöern, dem einsamen Land im Nordatlantik. J.R. Tolkien, der angeblich auch färöisch gesprochen haben soll, hätte an der wilden Landschaft seine Freude gehabt, und wenn Peter Jackson, der Regisseur von „Der Herr der Ringe“, die Färöer gekannt hätte, hätte er seinen Film sicher hier und nicht in Neuseeland gedreht.

Als ich an einem Märztag auf dem Flughafen der Insel Vágar lande, begrüßen mich die Färöer mit  Sonnenschein, nur um mir von da an im schnellen Wechsel Regen, Schnee und  Hagel zu bieten – alles, was das Wetter in seinem Spektrum vorsieht; ein Jahr im Schnelldurchlauf.

Schon in den ersten Stunden meiner neuen Affäre treibt mich meine Liebhaberin zur Ekstase, bietet sich mir in ihrer ganzen Schönheit dar und entlockt mir immer neue Komplimente. Mit ständig wachsender Begeisterung steuere ich meinen Mietwagen über die leeren Straßen der Inseln. Ich bin auf dem Weg nach Gásadalur, einem Ort fast am Ende der Welt. Erst seit einigen Jahren, seit man einen Tunnel aus dem Berg gesprengt hat, kann man ihn auf der Straße erreichen. Früher mussten die Bewohner auf einem Bergpfad über zwei Stunden ins Nachbardorf wandern, und noch im 19. Jahrhundert wurden sogar die Toten auf diesem Weg zum Friedhof gebracht.

Ich aber komme ganz entspannt in Gásadalur an, spaziere hinaus zu einem Aussichtspunkt und blicke hinüber nach Mykines. Meine Liebhaberin versteht sich auf das Spiel der Verlockung, geizt nicht mit ihren Reizen. Mykines, die angebliche schönste der färöischen Inseln, liegt vor mir im Nordatlantischen Meer. Im Sommer sind ihre Vogelkolonien beliebte Ziele für die Touristen, jetzt im Frühjahr verhindern Stürme die Überfahrt und mir bleibt nichts als der sehnsuchtsvolle Blick hinüber zu den schroffen grünen Berghängen und den vier Vogelfelsen, die nur ein paar hundert Meter von der Hauptinsel entfernt liegen. Der erste Fels liegt wie eine Schildkröte im Wasser, daneben steckt ein riesiges, vielleicht einhundert Meter hohes Schwert, dann ragt eine Sprungschanze aus dem Meer und gleich daneben ein überdimensionierter Stab, den vermutlich irgendein Riese vor langer Zeit in den Meeresgrund gerammt hat. Da wird mir klar – ganz von dieser Welt sind die Färöer nicht. Sie haben die Macht, ihre Besucher zu verzaubern.

Rasso Knoller

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *