Dänemark: Farbenfroh und friedlich – Bornholm im Spätsommer

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Allein das Licht lohnt die Reise. Wer Bornholm, Dänemarks kleine Insel vor der südschwedischen Küste, noch nicht im Spätsommer erlebt hat, kann sich von Pete Hunner dazu inspirieren lassen: „Eine Wiese aus frischem Grün, auf die ein Sonnenstrahl fällt, der seinen Weg durch das dunkle Blaugrau des Himmels gefunden hat, die Sonnenuntergänge mit ihren kühlen und feuriger Farben.“ Jeden Tag aufs Neue gerät der Glasbläser über das Zusammenspiel von Landschaft, Meer und Licht ins Schwärmen. Mit seiner Frau Maibritt Friis Jönsson fängt er dieses Licht ein.

Bornholm 1Die kleinen Kunstwerke, die bei Baltic Sea Glass entstehen – Vasen, Schalen in Muschelform, Weingläser und grüne, blaue, weiße Schnapsgläser – werden in Glasvitrinen ausgestellt. In ihnen spiegelt sich der Hintergrund: Wiesen, Felsen und das weite Meer. „Das brillante Licht, der Himmel und das ewig wechselnde Wetter, die Uferfelsen und ihre Reflexionen im Meer“, das sind die unerschöpflichen Zutaten, aus denen das Glasgläserpaar seine Inspiration bezieht. Und wenn die Sonne untergegangen ist und die Glasbläserei geschlossen wird, stellt Pete Hunner das Schild mit dem Wort „Feuerabend“ auf. Was Urlauber für ein geniales Wortspiel halten, ist ein Versehen: Als er das Schild malte, hielt der Glasbläser die Beschriftung für die korrekte deutsche Übersetzung.

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Ein halbes Dutzend Glaspuster

Es gibt auf der Insel noch ein halbes Dutzend weitere Glaspuster, wie Glasbläser auf Dänisch heißen. Die Werkstatt im Fachwerkstädtchen Gudhjem beispielsweise nennt sich Glasrøgeri, weil sie in einer ehemaligen Heringsräucherei untergebracht ist. Früher säumten die Ufer der Insel unzählige dieser Fischräuchereien, heute arbeiten nur noch ein paar von ihnen. Sie sind schon von weitem an ihren Kaminen zu erkennen, die wie eckige, auf dem Kopf stehende Trichter aussehen. Wenn geräuchert wird, stehen weiße Rauchsäulen über den Kaminen, und es riecht würzig nach Erlenholz.

Mit Wasser, das sie über die brennenden Holzscheite gießen, und mit nassen Lappen, die sie mit Hilfe von Stangen über das Feuer halten, sorgen die Mitarbeiter in den Räuchereien für eine gleichmäßige Rauchentwicklung. Dreieinhalb Stunden dauert es, bis sich die silbern glänzenden Heringe, zum Räuchern paarweise an den Kiemen verhakt und aufgehängt, zu goldgelben Bücklingen verwandelt haben – eine Delikatesse! Am besten schmecken die „Bornholmer“, wie sie genannt werden, warm, mit grobkörnigem Salz bestreut.

10-014=DK-0272Auch auf Bildern von Oluf Høst, des berühmtesten Bornholmer Malers, sind die charakteristischen Räucherkamine zu finden. Der Maler war Meister darin, das Bornholmer Licht einzufangen, seine Bilder sind von glühender Farbigkeit. Viele hängen in seinem Haus in Gudhjem, wo er mit seiner Familie von 1929 bis zu seinem Tod 1966 wohnte. Heute gehört es als Museum zu den größten Touristenattraktionen der Insel. In Høsts Atelier im ersten Stock sieht es so aus, als sei er eben erst für ein paar Minuten aus dem Raum gegangen: Hat er die Palette nicht gerade beiseitegelegt, das Bild auf der Staffelei betrachtet und dann gedankenverloren das Zimmer verlassen?

Maler vom Licht inspiriert

Schon vor hundert Jahren hat das magische Licht auf Bornholm, das vor allem an der Ostküste von besonderer Intensität ist, zahlreiche Maler vom dänischen Festland auf die Insel gelockt. Die Kustoden im schneeweißen und mit zahlreichen Exponaten dänischer Künstler gespickten Bornholms Kunstmuseum hören es gar nicht gerne, dass diese Landschaftsmaler unter der Rubrik „Bornholmer Schule“ zusammengefasst werden. Ihnen wäre „Bornholmer Inspiration“ lieber. Dieser Begriff wäre auch treffender. Die Maler, die sich heute vom Licht der Insel Bornholm inspirieren lassen, stellen meist in ihrer eigenen Galerie aus. Es ist ganz selbstverständlich, dass man ihnen bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen darf. Den Glasbläsern natürlich auch, den vielen Bornholmer Keramikern, den Schokoladenherstellern, den Bonbonkochern, den Lakritzmachern.

Einen guten Überblick über die Bornholmer Kunsthandwerker vermittelt Grønbechs Gård. Das Ausstellungshaus des Verbandes für Kunst und Kunsthandwerk auf Bornholm trennt die Spreu vom Weizen. Im umgebauten, 200 Jahre alten prächtiger Kaufmannshof im Städtchen Hasle an der Westküste werden nur Künstler vorgestellt, die den hohen Qualitätsansprüchen des Verbandes entsprechen. Wer einem etwas abkaufen will, muss sein Atelier oder seine Werkstatt aufsuchen.

Die einzige Serpentine Dänemarks

Bornholm ist so klein – 40 Kilometer in der Länge, 30 in der Breite -, dass Auto fahrende Besucher schnell an ihrem Ziel sind. Radfahrer haben es da schwerer, denn abgesehen vom Wind, der – gefühlt – immer von vorne kommt, ist Bornholm kein plattes Land. An der Ostküste schlängelt sich sogar die einzige Serpentine Dänemarks von Gudhjem hinauf auf die Hauptstraße. Dennoch ist Bornholm eine beliebte Fahrradinsel. Die 230 Kilometer Radwege sind ausgezeichnet beschildert. Die meisten liegen weit vom Verkehr entfernt und führen zum Teil auf alten Eisenbahntrassen quer durch die Insel durch Felder und Wälder. Nicht umsonst trägt jedes zweite Auto auf der Fähre „Povl Anker“ von Sassnitz nach Bornholm Fahrräder auf dem Dach.

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Ob als Auto- oder als Radfahrer: Immer wieder kommen Inselbesucher an einem der Wahrzeichen Bornholms vorbei, an einer der vier mittelalterlichen Rundkirchen. Unumstritten ist, dass sie als Wehrkirchen genutzt wurden. Aber wurden sie einst zu diesem Zweck errichtet? Der deutsche Schriftsteller Hans Henny Jahnn („Fluss ohne Ufer“), der lange auf Bornholm 11der Insel lebte, hält die Kirchen für heidnischen Ursprungs – „vorgeschichtliche Bauten, die in die christliche Geschichte eingegangen sind“. Das Licht auf Bornholm hat ihn zu der Überzeugung gebracht, dass die Rundkirchen ursprünglich Sonnentempel waren. Der Unterraum war danach der Wintersonne geweiht, der Oberraum der Sommersonne. Wer erlebt, wie die Frühlingssonne durch das schwere Gemäuer dringt und die Mittelsäulen der Rundkirchen mit ihrer erstaunlich frisch wirkenden Freskobemalung in Szene setzt, ist vielleicht geneigt, dem Schriftsteller zu folgen.

Horst Schwartz

 

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