Schweiz: Bergfahrt mit der Rhätischen Bahn

Gemächlich geht es mit dem Berninaexpress zwischen St. Moritz in der Schweiz und dem italienischen Tirano durch die Bünder Berge. Vor 100 Jahren wurde die Linie in Betrieb genommen.

Sterne muss Annamaria Albin nicht sammeln. Die Chefin des Hotels „Belvedere“ auf Alp Grüm hat nicht „nur“ zwei oder drei, sondern derer gleich millionenfach. „Zumindest bei klaren Nächten“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Auf 2189 Metern Höhe kann man die Graubündener Bergluft und einen überwältigenden Blick ins Val Poschiavo genießen. Nebenan rauscht der Wasserfall am Piz Palü, wo das Schmelzwasser des Gletschers in die Tiefe saust. Das kleine Berghotel ist eine der höchst gelegensten Übernachtungsmöglichkeiten an der Bahnstrecke der weltbekannten Bernina-Linie. Vor 100 Jahren wurde die eingleisige Bahnstrecke zwischen dem schweizerischen St. Moritz, vorbei an den Bündner Bergen, Gletschern und kühlen Bergseen bis zu den Palmen ins italienische Tirano gebaut.

55 Tunnels, 196 Brücken und Steigungen von bis zu 70 Promille meistert der Zug mit Leichtigkeit, wenn er sich an den Berghängen entlang schlängelt. Seit Sommer 2008 gehört die Strecke zum Unesco Welterbe, ebenso ein Teil der Schwesterbahn, der Albula-Linie von Chur nach St. Moritz.

Nicht nur Bahnreisende sind vom Bernina-Express fasziniert. Überall werden Fotoapparate gezückt, wenn der rote Zug der Rhätischen Bahn vorbeizieht. Bei einer Geschwindigkeit von etwa 30 Stundenkilometern bietet er ein lohnendes Fotomotiv vor einer atemberaubenden Kulisse aus Gipfeln und Gletschern. In Serpentinen geht es dem Ziel entgehen. Entschleunigt. Mit viel Zeit zum Sein. Ohne die Hektik des Alltags. Manchmal dreht der Bernina-Express eine „Ehrenrunde“, etwa im Kreisviadukt bei Brusio, um an Höhe zu gewinnen und die Steigung überhaupt meistern zu können.

Natürlich kann man gemütlich in den Zug steigen. Von St. Moritz aus dauert die 60 Kilometer lange Fahrt zur Endstation nach Tirano zweieinhalb Stunden. Wer sich den Fahrtwind um die Ohren wehen lassen will, setzt sich in den Panorama-Aussichtswagen. Die offenen Waggons bieten einen wunderbaren Rundumblick.

Das grandiose Panorama der Schweizer Berge lockte schon im 19. Jahrhundert die Erholungssuchenden ins Engadin und seine Seitentäler. Entlang der alten Passstraße ins Veltlin nach Italien wurde deshalb Anfang des 20. Jahrhunderts eine Bahntrasse errichtet. Von Beginn an elektrifiziert, bot sie den Ausflüglern viele Möglichkeiten, die Bergwelt auf eigenen Faust zu erkunden.

Schon damals war das „Belvedere“ auf Alp Grüm ein kleines Hotel, im Jugendstil und mit viel Charme. „Reisende aus aller Welt haben sich in den Gästebüchern verewigt“, erzählt Wirtin Annamaria Albin, die sich seit 14 Jahren von Ende Mai bis Mitte Oktober um das Wohl ihrer Gäste kümmert. „Einfache Leute kamen damals, aber auch Herzöge und Prinzessinnen, Weltenbummler und Schriftsteller.“ Und auch Thomas Mann soll auf der Hütte gewesen sein. Vielleicht hat auch er auf der kleinen Terrasse vor dem Eingang den Blick aufs Berninamassiv und ins weite Tal schweifen lassen, um die letzten Sonnenstrahlen des Tages zu genießen, ehe sich ein Nebelschleier sanft auf die Landschaft gelegt hat.

Luxus braucht man bei dieser herrlichen Aussicht nicht. „Wer das will, soll in der Stadt bleiben“, meint die Wirtin mit Nachdruck und zeigt den Gästen die Zimmer im alpinen Flair, mit Waschschüssel und Etagenduschen. Dafür darf man am nächsten Morgen den Sonnenaufgang in der Bergwelt genießen und sich von den ersten Strahlen in der Nase kitzeln lassen.

Es geht immer bergab von Alp Grüm aus. Mit der Bahn sind es bis nach Tirano 22 Kilometer, aber 1800 Höhenmeter, durch dunkelgrüne Wälder und Almwiesen zum Endbahnhof ins Tal. Und die bewältigen viele Gäste immer mehr auch mit dem Rad. Schließlich kann man an Bahnhöfen oder in Sportgeschäften die Drahtesel leihen. Spezielle Wägen für den Radtransport und zahlreiche Möglichkeiten zum Stop haben die Strecke für Biker interessant gemacht.

Ein Familienurlaub der sportlichen Art lockt vor allem Jugendliche in die Berge. „Einfach nur super“ finden die 14- und 16-jährigen Jungs einer deutschen Familie die geschotterten Pisten  entlang der Bahnlinie, spornen lautstark ihre Mutter an. Vom Gegenwind lassen sie sich nicht schrecken und nehmen die „anspruchsvollsten Passagen“ rund um Alp Grüm gleich ein zweites Mal in Angriff. Sie haben ihren Spaß an den „Querfeldein-Strecken“, die für so manchen erwachsenen Anfänger eine Herausforderung sind.

Ein kurzer Abstecher nach Cavaglia zum Gletschergarten oder nach Poschiavo ist allemal lohnenswert. Die Herrschaftshäuser und die wundervolle Piazza erzählen von der Blüte der beschaulichen Handwerkerstadt an der Passstraße, die Felder duften herrlich nach Kräutern für die berühmten Schweizer Bonbons.

Ruhe und Beschaulichkeit findet man am Lej da Staz, zwischen St. Moritz und Pontresina. Der kleine See hat sich zum idealen Ausflugsziel in der Natur gemausert. Wer höher hinaus will, radelt zum Gletscher Diavolezza oder genießt den sagenhaften Blick von der 3300 Meter hohen Bergstation am Corvatsch. Denn für 13 Anlagen der Bergbahnen der Destination Engadin-St.Moritz gilt: Wer mehr als zwei Übernachtungen in einem der über 80 Partnerhotels bucht, fährt umsonst mit der Bergbahn. Das atemberaubende Panorama auf Bergketten und die Seenlandschaft lassen garantiert jedes Herz höher schlagen.

Diana Seufert

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