Griechenland: Kos – die Insel der Strände

Die meisten Leute liegen den ganzen Tag am Pool, obwohl wir hier die schönsten Strände der Welt haben“, wundert sich Dia Toggas über die Verhaltensweise vieler Touristen.

Dia sieht mit ihrer markanten Hakennase, den langen schwarzen Haaren, den dunklen Augen und den strahlend weißen Zähnen ein bisschen wie die Fleisch gewordene Karikatur einer hellenistischen Schönheit aus. Die überaus sympathische, gertenschlanke 42-jährige betreibt mit ihrem Mann Dimitrios einen kleinen Kiosk in Kardámena an der Südküste der griechischen Ferieninsel Kos. Nein, reich werde sie davon nicht. Doch in den sieben, acht Monaten während der Saison von Mai bis Oktober verdienten sie genug, um den Rest des Jahres gut davon leben zu können, beteuert Dia.

Ob Kos wirklich über die schönsten Strände der Welt verfügt, sei dahin gestellt. Fest steht, es gibt entlang der 112 Kilometer langen Küstenlinie einige großartige Buchten und Strände wie den Paradise Beach, Camel Beach, Sunny Beach oder die Bucht von Kamari. Kardámena selber gehört sicherlich nicht dazu. Im Gegenteil. Die Strandabschnitte sind relativ schmal und bestehen noch dazu aus einem Gemisch aus Sand und Kies. Dafür avanciert das 2.000-Seelen-Nest in punkto Nachtleben zur (heimlichen) Partyhauptstadt der Insel. Entlang der Promenade am Hafen und in der Fußgängerzone drängt sich Nachtclub an Nachtclub, locken Bars, Cafes und Restaurants.

Und wie überall auf Kos wird mit Broschüren, Handzettel und großen Reklametafeln für Ausflüge auf die Nachbarinseln, nach Rhodos oder nach Bodrum in der nahe gelegenen Türkei geworben. Gemessen an der Zahl der Anbieter, ein scheinbar durchaus lohnendes Geschäft. Doch wie merkwürdig ist dies: Da reist man auf ein Sonnen verwöhntes Island, um dann zu einem anderen zu entfliehen? Zumal Kos selber allerhand zu bieten hat. Sonne, Sand und herrliche Badetemperaturen lassen das Island in der südlichen Ägäis zu einem Paradies für alle Sonnenanbeter, Feierlustigen, Sandburgenbauen und Familien avancieren.

Die bedeutendste archäologische Ausgrabungsstätte und bekannteste Sehenswürdigkeit der Insel ist die Heilstätte Asklepíon (auch Asklepíeion genannt). Das antike Sanatorium, das als eine der ersten Kurkliniken der Menschheit gilt, liegt rund vier Kilometer südwestlich von Kos-Stadt auf einem von Zypressen bewaldeten Hügel. Die terrassenförmige Anlage, deren Ebenen über imposante Freitreppen miteinander verbunden sind, wurde im Jahre 1902 vom deutschen Archäologen Rudolf Herzog entdeckt und in den Jahren bis 1904 freigelegt.

„Hippokrates hat hier seinen Eid verfasst haben“, beteuert Dia Toggas, die nicht müde wird, die Sonnenseiten ihrer Heimat herauszustellen. Ob der Urvater der modernen Medizin tatsächlich in Asklepíon seinen berühmten Schwur begründet hat, darf allerdings bezweifelt werden. Wahrscheinlicher ist, dass die Heilstätte erst nach seinem Tod errichtet wurde. Gleichwohl sind die Insulaner permanent bestrebt, das Gedenken an den berühmtesten Sohn auf mannigfaltige Art und Weise aufrecht zu halten. Da ist zum Beispiel jene Platane in Kos-Stadt, die Hippokrates angeblich selber gepflanzt hat und unter der er zu sitzen pflegte. Der Baum ist so altersschwach, dass er nur dank eines riesigen Gerüstes überhaupt noch aufrecht steht. Und natürlich sind an jeder Ecke Hippokrates-Devotionalien käuflich zu erwerben. Zum Verkaufsschlager avancieren neben Büsten mit dem Kopf des Gelehrten vor allem Nachdrucke seines Eides, der noch heute den Ehrenkodex für die Ärzte weltweit beschreibt.

Der überaus charmante und blitzsaubere Kern der Inselkapitale erstreckt sich rund um Mandráki, den fast runden Hafen. Dieser diente schon in der Antike als wichtigster Handels- und Kriegshafen der Insel. Um ihre Flotte zu schützen, errichteten die Johanniter-Ritter hier im frühen 14. Jahrhundert die Burg Nerátzia. Um den Freiheitsplatz, den Platiá Elefetheriás, gruppieren sich die elegante Markthalle, die 1725 erbaute Defterdar-Moschee, in der heute kleine Geschäfte und ein Café untergebracht sind, sowie das Archäologische Museum der Insel. Nur einen Steinwurf entfernt lädt das östliche Ausgrabungsfeld, die Agorá, zu einer Zeitreise in die Antike ein. Das beeindruckende Areal war durch Zufall entdeckt worden, nachdem ein schweres Erdbeben am 23. April 1933 weite Teile der Innenstadt zerstörte. Ein schicksalhaftes Ereignis, das sich zumindest aus Sicht der Archäologen als Glücksfall erwies. Denn unter den Trümmern des Stadtzentrums entdeckten sie die Reste einer antiken Stadt. Noch größer und besser erhalten ist das westliche Ausgrabungsfeld, an dessen Rand ein 1.800 Jahre altes römisches Amphitheater, das Odeon, für fast eine halbe Million Euro wieder errichtet wurde. Entlang der Odós Plessa, Odós Ifestoú und der Odós Apelloú reihen sich Souvenirgeschäfte, Restaurants, Tavernen, Bars und Diskotheken aneinander. Hier soll es angeblich mehr Diskos geben als nirgendwo sonst in Griechenland.

Wesentlich beschaulicher geht es derweil in den nahe gelegenen Bergdörfern wie Asfendioú oder Pylí im Schatten des 846 Meter hohen Dikéos Massivs zu. Steinalte Griechen sitzen hier auf unbequemen Holzschemeln vor ihren weiß getünchten Häusern. Streunende Katzen huschen um die Ecken, in schwarz gehüllte Frauen palavern wild gestikulierend in den verträumten Gassen. Vielleicht erzählen sie von ihren Vor-Vorvätern, die einst in Paléo Pilí zuhause waren. Das ursprüngliche Dorf in den Bergen wurde im Jahre 1830 nach einer Choleraepidemie verlassen und entpuppt sich heute als Geisterstadt. Die Bewohner gründeten in drei Kilometern Entfernung mit dem heutigen Pylí einen neuen Ort. Hoch über den Ruinen des alten Dorfkerns thronen die Reste eins byzantinischen Kastells aus dem 11. Jahrhundert. Von hier bieten sich herrliche Blicke auf den Inselnorden und die türkische Küste.

Überall auf Kos wird einem auch eine Tour nach Ziá dringend ans Herz gelegt. Griechenland in seiner ursprünglichen Form sei dort zu finden. Zudem würden sich von dem Bergdorf aus herrliche Blicke auf den Nordosten von Kos auftun. Das mit den Blicken stimmt. Doch ansonsten erwartet einen Ziá vornehmlich mit einem Kulturschock: Voll gestopfte Reisebusse schlängeln sich die Serpentinen hinauf, wo Souvenirhändler neben Souvenirhändler Kitsch feilbietet. Daneben finden sich noch eine Handvoll Restaurants, während die schmalen Gassen zur sehenswerten Kirche Kimissis tis Theotókou mit ihren herrlichen byzantinischen Wandmalereien und zur ältesten Wassermühle in Kos führen.

Ungleich lohneswerter ist da ein Abstecher auf die Halbinsel Kéfalos im Südwesten der Insel. Hier liegen mit dem Ágios Stéfanos und Paradise Beach zwei der besten Strände der Insel. Bei Letzterem durchbrechen Blasen aus dem vulkanischen Untergrund die Meeresoberfläche und sorgen so für ein natürliches Sprudelbad. Am Ágios Stéfanos liegen die frei zugänglichen Ruinen einer Basilika aus der Frühzeit des Christentums. Zusammen mit der Insel Kastri mit der kleinen Kirche des Àgios Nicolaos, die rund 100 Meter vor der Küste liegt und halb gehend, halb schwimmend bequem zu erreichen ist, bildet die Ausgrabungsstätte einen der prächtigsten Blickfänge der Insel, die auch noch über ein ganz besonderes Naturschauspiel verfügt: Im Südosten von Kos lädt die Embrós Therme zu einem ganz besonderen Badevergnügen ein. Aus einem Felsspalt dringt hier das bis zu 49 Grad Celsius heiße Wasser einer Heilquelle und läuft in ein fast kreisrundes natürliches Becken. Die Wellen der Ägäis schlagen über die niedrige Steinmauer und mischen das heiße Wasser mit dem Meereswasser. Eine heiße Wohltat, die auch noch nachweislich gegen Haut-, Augen, Atemwegs- und Muskelerkrankungen sowie Rheumatismus und Arthritis hilft – und das bei freiem Eintritt.

Karsten-Thilo Raab

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