Costa Rica: Auf der Suche nach Öko Rica

Mit seinen Vulkanen und Feuchtgebieten, Urwäldern und Stränden hat sich Costa Rica zu einem Zentrum des Umwelttourismus entwickelt.

Ein pelziger Hintern! Mehr ist nicht zu sehen von dem Zweifingerfaultier. Mit einem ausgedehnten Mittagschlaf wird es seinem Namen gerade gerecht. Wenn es sich doch einmal bewegt, dann nur in Zeitlupe, schließlich lebt es mit gedimmter Körpertemperatur. Selbst die Horde Touristen unter dem Urwaldbaum, die das Tier mit beharrlichem Pfeifen und Schnalzen aus seiner Lethargie zu wecken versuchen, gibt schließlich enttäuscht auf.

Zum Glück gibt es im Ecocentro Danaus in La Fortuna noch mehr Tiere zu erleben: Nasenbär, Costa Rica, Mittelamerika | Costa Rica, Central AmericaAras und Kaimane, Pfeilgiftfrösche und blaue Morphofalter, Leguane und Kammschnabelreiher bevölkern den kleinen Streifen Wald des privaten Schutzgebietes. Vor gut zehn Jahren kauften junge Umweltaktivisten hier ein brachliegendes Stück Land, um darauf bedrohte Baumarten zu züchten. Inzwischen verteilen sie jedes Jahr bis zu 100.000 Bäume im ganzen Land.

„Es gibt einen starken Bewusstseinswandel in Costa Rica“, sagt Aktivistin Xenia Vargas. „Leider setzt er sich nur sehr langsam im Handeln vieler Menschen um.“ Sie konzentriert sich daher mit ihren Partnern auf Erziehungsarbeit. Inzwischen schicken viele Familien ihre Kinder zum Praktikum zu ihnen. Die Umweltschützer wollen deshalb sogar eine eigene Schule bauen. „Wenn nur nicht alles so langsam ginge“, seufzt Xenia.

Ökozentrum  am Fuße des Vulkans Arenal

Das Ökozentrum befindet sich an einem der spektakulärsten Orte Costa Ricas, direkt am Fuß des hochaktiven Vulkans Arenal. Die Besucher des Dorfes La Fortuna erleben den Berg von seiner Schokoladenseite: Dichte Wälder überziehen den ebenmäßig geformten Kegel. Darüber steht wie festgemeißelt die Rauchfahne aus seinem Krater am Himmel.

Wenn man den Arenal jedoch umrundet, stößt man auf seine Schattenseite, mit vom Feuer verbrannten Hängen und erkalteten Lavaströmen. 1968 schleuderte der 1.633 Meter hohe Vulkan Asche, Felsbrocken und Lava in die Luft, nachdem er zuvor 400 Jahre lang geruht hatte. Seitdem ist der Arenal nicht mehr zur Ruhe gekommen, brummelt und brodelt vor sich hin, stößt Lava und Gestein aus.

Dank ihrer Nähe zum Vulkan ist die Gemeinde La Fortuna in den letzten Jahren beträchtlich gewachsen – ebenso wie die Angebote für den umweltbewussten Reisenden. Es gibt Ökolodges und Ökofarmen, Ökoabenteuer und Ökotouren. Das ganze Land setzt auf Umwelttourismus als Einnahmequelle. Im Laufe der letzten Jahrzehnte wurden zwei Dutzend Nationalparks gegründet. Fast ein Drittel Costa Ricas steht inzwischen unter Schutz.

Alles Öko?

Doch der Boom hat auch seine Schattenseiten: Wo „Öko“ draufsteht, ist nicht immer Umweltschutz drin. Zum Beispiel rund um das Caño Negro Naturschutzgebiet, wo man mit dem Boot durch eine scheinbar intakte Flusslandschaft fährt. Aber schon wenige Meter vom Ufer entfernt erreicht man den Rand des vermeintlichen Urwaldes: Die Natur entlang des Flusses bildet nur eine Kulisse für die Ausflugsboote.

In manchen Landesteilen wird immer noch hemmungslos geholzt. Und die Hotelindustrie schließt einen immer engeren Gürtel um manchen Nationalpark – nicht selten unter einem Öko-Label. Umso bedeutender ist die Rolle engagierter Umweltschützer, die auf die Mängel aufmerksam machen. Menschen wie Juan Bautista Castro, der in La Fortuna eine kleine, ökologisch bewirtschaftete Farm gegründet hat.

Mit ausladenden Gesten und pathetischen Worten führt der Biobauer über seine Finca. Dann zieht er eine riesige Machete aus dem Lederköcher an seiner Hüfte. Singend fährt die Klinge in den Stamm einer Yuca-Pflanze. Ein Ruck, und Castro hält ein Bündel brauner Knollen in der Hand: Maniok-Wurzeln, eines der Hauptnahrungsmittel der „Ticos“, wie die Einwohner Costa Ricas heißen.

„Bald ernährt die Farm unsere ganze Familie“, sagt Castro und lässt den Blick über das blühende Land schweifen, das er innerhalb der vergangenen Jahre geschaffen hat. Zuvor hatte er als Lehrer gearbeitet und seinen Schülern Umweltschutz gepredigt. Doch dann beschloss er, Nägel mit Köpfen zu machen: Er kaufte 8000 Quadratmeter Weideland und begann mit ökologischem Landbau: Kakao, Kaffee, Mais, Melonen.

Eifrig wirbelt Castro über seine Felder, zeigt den Besuchern, wie er dank seiner Anbautechniken den Nahrungsbedarf einer Großfamilie decken will. Trägt einer Touristin Lippenstift und Rouge aus der Rinde eines Tropenbaumes auf. Presst aus seiner Zuckerrohr-Mühle frischen, schäumenden Saft zum Kosten. Zum Abschluss wartet ein costaricanisches Festmahl – alles „Bio“ natürlich.

Der Arenal grummelt

Am Abend wandern wir zu einem erkalteten Lavastrom am Fuß des Arenal. Unterwegs tummeln sich Nasenbären in der Hoffnung auf einen Keks oder ein Stück Brot, umlagert von ihren zweibeinigen Fans. Frisches Grün wechselt sich mit scharfkantigem Vulkangestein. Während links des Weges düstere Wolken den schwarzen Berg umkränzen, schimmert rechts die untergehende Sonne im Wasser des Arenal-Sees.

Vulkan Arenal, Costa Rica, Mittelamerika | Costa Rica, Central America

Nach Sonnenuntergang findet hier ein Happening der besonderen Art statt. Alle kommen: Familien mit Kindern und amerikanische Teenies in Flip Flops, Männer mit Trekkingboots und Panamahüten, Russen mit Limousine und Chauffeur, Gruppen rüstiger Rentner. Gespannt stehen alle am Fuße des Berges – und warten.

Plötzlich donnert und grummelt es laut, gefolgt von einem Prasseln. Ein rotes Feuerband zieht sich den steilen Rücken des Vulkans herab, ein paar Bäume gehen in Flammen auf. Dann wieder Stille bis zur nächsten Mini-Eruption. Auch das Plappern und Plaudern der Zuschauer verstummt irgendwann angesichts der Machtdemonstration des Berges – hier hat die Natur noch das Sagen.

Oliver Gerhard

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