Schweiz: Der Rheinfall von Schaffhausen

Micha L. Rieser

Zwei Perlen am Strom

Sie gehören zu den schönsten und besterhaltenen mittelalterlichen Städten im Land der Eidgenossen: das bezaubernde Schaffhausen und das märchenhafte Stein am Rhein

Da müssen wir rauf, sagt Patricia Seif und zeigt nach oben, wo die Turmspitze des Munot in den zartblauen Himmel ragt. Hoch über der Stadt gelegen, ist die Festung ist das Wahrzeichen Schaffhausens und ein beliebter Treffpunkt von Einheimischen und Touristen. Eine Autostraße und ein Treppengang führen nach oben. Wir gehen zu Fuß  treppauf und genießen immer wieder den Blick auf die Dächer der verwinkelten Altstadt . Ein Burggraben, auf dessen Rasen ein Rudel Hirsche weidet, umgibt den kreisrunden wuchtigen Bau. 25 Jahre habe es gedauert, bis die in Fronarbeit der Schaffhausener Bürger errichtete Festung 1589 fertig war, weiß unsere Stadtführerin zu berichten. Vom Innern der mächtigen Halle aus vier bis sechs Meter dicken Sandsteinquadern führt ein Wendelgang nach oben – keine Treppe, sondern ein breiter Weg, denn einst sollten Menschen und Güter durch Pferde auf die Zinne befördert werden.

Blick auf Schaffhausen  Foto: Christel Seiffert

 400 Jahre Tradition

Von jeher war der Turm bewohnt, und wenn der Munot-Wärter jeden Abend um neuen Uhr das „Glöggli“ schlug, war es das Zeichen, das die Stadttore geschlossen wurden. Mehr als vierhundert Jahre hat sich diese Tradition erhalten. Heute ist es Christian Beck, der genau um 21 Uhr fünf Minuten lang von Hand die Glocke schlägt. Mit seiner amerikanischen Frau und dem Pudel bewohne er die fünfeinhalb Zimmerwohnung im Turm, sagt Patricia. Von der Zinne bietet sich ein herrlicher Blick auf die Stadt, den Rhein und das Umland. Hier oben werde auch gern gefeiert – es gibt open-Air-Kino, Konzerte und Kinderfeste unter freiem Himmel. Ein besonderes Ereignis sei immer der Munotball in historischen Kostümen, schwärmt sie. Schon seit dem 19. Jahrhundert gibt es einen Munotverein, der sich um die Pflege und Erhaltung dieses Wahrzeichens kümmert. An seinen Gründer erinnert eine Gedenktafel auf der Zinne. Durch Weinberge führt eine schmale Treppe zur Unterstadt und zur Schifflände, an der Ausflugsdampfer für eine Rheinfahrt ankern. Dort ist der Güterhof ein neuer Treffpunkt der Schaffhausener. In einer ehemaligen Lagerhalle wurde vor fünf Jahren ein attraktives Restaurant mit offener Küche eröffnet. Von der großen Terrasse kann man wunderbar den Sonnenuntergang beobachten, weiß Frau Seif. Seit 2004 begleitet sie Gäste in deutsch, englisch, französisch und spanisch zu den Sehenswürdigkeiten Schaffhausens. Nach Jahren mit Mann und Kind im hektischen London genießt sie jetzt das Leben in der kleinen Stadt. Ganz bewusst hat sich die Familie das bezaubernde Schaffhausen als neue Heimat gewählt – hier sei es beschaulich, ländlich und der Weg zur Großstadt nicht weit. Patricias Mann arbeitet in Zürich und fährt täglich dorthin.

Stadt der 171 Erker

Einer der schönsten Erker  Foto: Christel SeiffertLebendiger Mittelpunkt Schaffhausens ist der blumen- und brunnengeschmückte Fronwagplatz. Im Mittelalter standen hier die Marktstände der Bauern, Bäcker und Metzger, im Fronwagturm mit der astronomischen Uhr befand sich die große Messwaage, mit der Güter gewogen wurden, die vom Schiff ausgeladen und unterhalb des Rheinfalls wieder aufgeladen werden mussten. Hier beginnt die autofreie Vordergasse, die nicht nur längste sondern auch schönste Straße der Altstadt. Mit ihren pastellfarbenen Häusern aus Spätgotik, Renaissance, Barock und Rokoko bezaubert sie jeden. Und es fällt schwer, den Blick von den prächtigen stuckverzierten Erkern zu lösen, die Ausdruck des Reichtums ihrer Hausbesitzer waren. Allein in der Vordergasse können 121 der insgesamt 171 Erker bewundert werden. Und die Plätze in den Erkern der Restaurants sind stets heiß begehrt, weiß die Stadtführerin.  „Die Lust zu sehen ohne gesehen zu werden treibt in dieser Stadt seltsame Blüten“, soll schon Goethe bei seiner Reise durch die Schweiz festgestellt haben. Jeden Sonnabendvormittag lockt der große Bauernmarkt Besucher aus der ganzen Umgebung in die Vordergasse. Dann flaniert man auch am prächtigsten Bürgerhaus, dem Haus der Ritter, vorbei. Seine  Fassadenbemalung gehört zu den bedeutendsten Renaissancefresken nördlich der Alpen. Mitte der 1930ger Jahre wurden die Originalfresken abgelöst, konserviert und sind nun im Museum zu Allerheiligen ausgestellt. Doch auch mit der meisterhaft neu erstellten Bemalung ist das Haus eine Augenweide und beliebtes Fotomotiv. Etwas Zeit sollte man sich auch nehmen für den Münsterplatz mit dem berühmten Kreuzgang und Münster zu Allerheiligen, dessen Turm als einer der schönsten Kirchtürme der Schweiz gepriesen wird.

Grandioses Schauspiel

Doch was wäre ein Besuch in Schaffhausen ohne die erfrischendste Touristenattraktion – den Rheinfall bei Neuhausen. Schon von Weitem hört man sein Donnern und Rauschen. Und es ist ein atemberaubendes Schauspiel zu sehen, wie sich gewaltige Wassermassen über die Felsen stürzen. Einem Vergleich mit den Victoriafällen würde er nicht Stand halten, aber immerhin – er ist der größte Wasserfall Europas: 150 Meter breit, 23 Meter hoch und rund 600.000 Liter Wasser fließen in jeder Sekunde hinunter. Nur der einsame Felsen in der Mitte, auf dem stolz die rote Fahne mit dem weißen Kreuz flattert, kann der tosenden Wasserkraft dauerhaft widerstehen. Dorthin fahren im Minutentakt die kleinen, meist überdachten Boote, nah an den zischenden und sprühenden Hexenkessel heran. Mutige steigen dann über Leitern ganz nach oben und erleben eine erfrischende „Dusche“. Für den Rückweg nach Schaffhausen empfiehlt Patricia Seif den Rhyfall-Express, einen kleinen roten Zug, der gemächlich bis zum Herrenacker in der Altstadt tuckert.

Wie aus einem Märchenbuch

Fronwagplatz   Foto: Christel SeiffertEs heißt, die Rheinfahrt von Schaffhausen nach Konstanz sei eine der schönsten Schifffahrten Europas. An Bord eines der eleganten Ausflugsschiffe zieht die grüne Flusslandschaft beschaulich langsam vorbei. Nach zwei Stunden ist Stein am Rhein erreicht. Ein Städtchen, als sei es einem Märchenbuch entstiegen. Kopfgepflasterte Straßen, um den Rathausplatz stehen dichtgedrängt reich bemalte Bürgerhäuser, benannt nach den Bildern, die sie schmücken. Da gibt es die Sonne, das Schwarze Horn, den Weißen Adler, Rothen Ochsen und Steinerner Trauben. Und Lore Vetterli weiß zu jedem eine Geschichte zu erzählen. So sei der Rothe Ochsen die älteste Taverne, der Weiße Adler dürfe sich rühmen, die frühesten erhaltenen Fassadenmalereien der Renaissance zu haben und der Lindwurm, das einzige Haus mit Empirfassade und einem Museum für bürgerliche Wohnkultur im 19. Jahrhundert, sei als „Europäisches Museum 1995“ ausgezeichnet worden. Ein eigenes kleines Stadtviertel bildet das Klostermuseum St. Georgen, bekannt als eine der besterhaltenen Klosteranlagen der Schweiz. Hoch über dem Städtchen thront die Burg Hohenklingen. Im 13. Jahrhundert von den Freiherrn von Klingen als Wehrburg erbaut, spielte sie im Dreißigjährigen Krieg eine wichtige Rolle als Wachposten. Trotz mehrfacher Restaurierung hat sie sich ihr mittelalterliches Aussehen bewahrt. Vom hölzernen Wehrgang bietet sich ein wunderschöner Blick auf das von seiner Stadtmauer umschlossene Städtchen am Rheinufer.   

Christel Seiffert

 

 

 

 

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