Türkei: Märchen aus Tuff und Feenkaminen

Fern der türkischen Riviera vereinigt Kappadokien eine ungewöhnliche Landschaft mit einer faszinierenden Geschichte. Die märchenhafte Tufflandschaft wurde durch Erosion und die fleißigen Hände der Hethiter, Byzantiner und Christen geformt.

Lautlos schwebt der Ballon auf die im Morgenlicht leuchtenden Felsen zu. Aus der Tiefe einer engen Schlucht schallt der klare Gesang einer Nachtigall herauf. Deutlich zeichnet sich im Spiel zwischen Licht und Schatten ein messerscharfer Grat ab. Der mit 10 Personen besetzte Korb wirkt unter dem haushohen, gelbrot gefärbten Ballon winzig klein. Viel zu eng für ein Gefährt dieser Größe ist die schmale Schlucht, die Lars unbeirrt ansteuert. Stetig sinkt der Ballon, bis die Felsen den Korb verschlucken. Langsam verschwindet auch der Rest, bis von dem riesigen Gefährt nichts mehr zu sehen ist. Hundertfünfzig Meter über dem Tal schwebend, beobachten wir das Schauspiel aus unserem Ballon mit gemischten Gefühlen. Die Gespräche verstummen, alle halten gebannt den Atem an. Nur Mike, unser Pilot, grinst wissend unter seiner Schirmmütze hervor. Er kennt das abenteuerliche Spiel bereits. Plötzlich röhrt und faucht es unten in der Schlucht, Lars heizt seinem Ballon ein. Annähernd 8000 Kubikmeter heißer Luft heben ihn in die Höhe und lassen ihn unbeschadet in den blauen Morgenhimmel aufsteigen.

Ballonflüge gehören zu den großen Attraktionen Kappadokiens. Konstante Winde und kalkulierbares Wetter machen die Region zu einem idealen Ort für das Ballonfliegen. Kaili Kidner, eine fröhliche, jungenhafte Britin und ihr Partner Lars-Eric Möre, seines Zeichens dunkelhaariger Schwede, haben sich hier ihren Traum vom Fliegen erfüllt und ihr Hobby zum Beruf gemacht. Mehr als 20 Jahre ist es nun schon her dass die beiden ihre ersten Passagiere in die Lüfte entführten. Ungeachtet der in Europa und Amerika gesammelten, reichhaltigen Erfahrung, ist jeder Flug für sie noch immer ein einmaliges Erlebnis. „Manchmal pflücken wir im Flug Aprikosen oder der Wind trägt uns in ein entlegenes, selten besuchtes Tal. Es ist immer wieder toll zu sehen wie aufgeregt und begeistert unsere Neulinge reagieren“, verriet mir Lars während er im ersten Morgenlicht einem zum Testen der Windrichtung aufsteigenden Luftballon nachblickte.

Gut eineinhalb Stunden dauert der Flug über dieses kleine Paradies im Herzen der Türkei. Dann ist es Zeit einen geeigneten Landeplatz zu suchen. Routiniert und entspannt steuert Mike den Ballon auf ein kleines, zwischen Feenkaminen liegendes Feld zu. Kaum mehr als ein Lineal passt zwischen den Korb und eine spitze Felsnadel, die wir im Landeanflug überfliegen. Noch einige letzte Meter, ein kurzer Ruck und das morgendliche Abenteuer ist beendet. Glücklich schwatzend klettern die Passagiere aus dem Korb, um bei einem Glas Sekt diesen ungewöhnlichen Morgen ausklingen zu lassen.

Ein Land von extremer Schönheit

Kappadokien verbindet eine ebenso ungewöhnliche, wie großartige Natur mit einer faszinierenden Geschichte. Mutter Natur verlieh durch Erosion der Landschaft ihren unverwechselbaren Charakter. Insbesondere im Abendlicht erinnert Kappadokien an eine Landschaft aus „1000 und einer Nacht“. Surrealistisch anmutende Tufftürmchen, -pyramiden und -kegel leuchten in der Dämmerung in pastellenem rosa, gelb und blau. Jäh abbrechende Schluchten wechseln sich ab mit sanften, fruchtbaren Tälern aus denen Taubenflattern und im Frühling der Gesang des Pirols erklingt.

Neben diesen Naturschönheiten sind es die Höhlenwohnungen, die Kappadokien berühmt gemacht haben. Das Leben im Fels hat hier eine lange Tradition. Bereits im 4. Jahrhundert vor Chr. wurden von Xenophon unterirdische Städte erwähnt. Der griechische Historiker beschrieb in seinem Werk „Anabasis“ Menschen in Anatolien, die ihre Häuser und Straßen unter der Erde gebaut hatten. Es waren Hethiter, Byzantiner und Christen die die Region mit ihren ungewöhnlichen Höhlenbauten prägten. Eremiten und Mönche kamen als erste in die dünn besiedelte Bergwelt. Sie gruben und meißelten Wohnungen, Tunnel und Kirchen in das weiche, aber dennoch enorm stabile Gestein. Berge, zerlöchert wie ein Schweizer Käse, zeugen noch heute von Zeiten, in denen ganze Dorfgemeinschaften in den Felsen oder gar in riesigen, unterirdischen Städten lebten. Auch heute wohnen in einigen Dörfern Kappadokiens noch Familien wie vor Jahrhunderten in den kühlen Höhlenwohnungen. Für Neugierige bieten einige Pensionen ihren Gästen die Möglichkeit in den traditionellen Unterkünften zu logieren.

Weltkulturerbe Göreme

Wer von Ankara kommend die monotone anatolische Hochebene durchquert hat und in Kappadokien das Tal von Göreme erreicht, wird sogleich von der märchenhaften Landschaft verzaubert sein. Aus einem weiten, von Hügeln umgebenen Talkessel ragen eigenwillig geformte Felskegel in den blauen Abendhimmel. Harmonisch schmiegen sich die Häuser des Dorfes Göreme zwischen den zahlreichen Felskegeln ein.

Einen Steinwurf entfernt, liegt ein kleines Tal, dessen Höhlenkirchen und Wohnungen mit UNESCO-Geldern restauriert wurden: der Göreme-Museumspark. Im Halbrund des Tales sind mehrere Höhlenkirchen zu besichtigen. Eines der wichtigsten Zeugnisse der Mönchskultur Kappadokiens ist die wieder zugängliche Karanlik Kilise aus dem 11. Jahrhundert. Die Kreuzkuppelkirche wurde samt ihrer vier Säulen aus dem Fels heraus gemeißelt. Die hervorragend restaurierten Wand- und Deckenmalereien der „dunklen Kirche“ stellen Szenen aus dem Leben Christi dar.

„Bis zu Beginn der 80er Jahre hieß das heutige Dorf Göreme noch Avcilar“, erzählt mein schnauzbärtiger Fremdenführer Osman. „Als dann der Tourismus kam und täglich mehr Busse zum Göreme-Museumspark führte, benannten wir unser Dorf kurzerhand in „Göreme“ um. Heute ist das Dorfleben eine eigenwillige Mischung aus Moderne und Tradition. Verschleierte Frauen in den traditionellen, weiten Şalvar-Hosen schleppen schwere Lasten auf die Felder, während spärlich bekleidete Touristen die Sehenswürdigkeiten der Gegend erkunden. Vor den Teppichgeschäften sitzen Frauen und weben die traditionellen Kilims. Im Unterdorf sind neue, moderne Häuser entstanden, doch im Oberdorf leben etliche Familien noch immer in den althergebrachten Höhlenwohnungen. „Das Klima in den Höhlenwohnungen ist äußerst angenehm: Im Winter wohlig warm, im Sommer erfrischend kühl“, schwärmt Osman – und er muss es wissen, wohnt er doch selber in einer solchen Unterkunft.

In der Umgebung von Göreme laden Täler mit lieblichen Namen wie Honigtal, Rosental und Taubental zu einsamen Wanderungen ein. Die Felswände sind übersät mit dunklen Öffnungen, den Eingängen und Fenstern alter Wohnhöhlen und Kirchen. Wagemutige Höhlenkletterer können ausgerüstet mit einer Taschenlampe die ausgedehnten Gang- und Raumsysteme erforschen.

Vom Rande des Honigtals tut sich ein märchenhafter Blick auf einen Kessel mit freistehenden Feenkaminen auf. Die charakteristischen, schlanken Felsnadeln mit ihren dunklen Hüten aus Basalt haben Kappadokien weltberühmt gemacht. Auf den ersten Blick erinnern sie an ein steinernes Phallussymbol. Ihre Entstehung verdanken sie den in grauer Vorzeit brodelnden Vulkanen Erciyes und Hasan. Die gesamte Region verschwand unter einer meterdicken Schicht aus Tuff und Basalt. Im Laufe der Jahrtausende erodierte das weiche Tuffgestein schneller als das härtere Basalt. Während unten eine schlanke Nadel entstand, blieb oben die stabilere Haube aus Basalt zurück.

Unterirdische Städte – Vom Leben in der Tiefe

Kaymakli ist ein kleines, unauffälliges Dorf, das bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts von Reisenden links liegen gelassen wurde. Heute weist ein gelbes Schild mit der Aufschrift „Yeralti Şeheri“ den Weg zu einer der größten Attraktionen Kappadokiens – einer von circa 35 unterirdischen Städten. Darf man unserem Begleiter Osman Glauben schenken, war es ein entlaufenes Huhn, das zu ihrer Entdeckung führte. Wissenschaftler gehen davon aus, dass erst etwa ein Zehntel der Anlage erforscht ist.

Dämmriges Licht und kühle Luft empfängt die fröstelnden Besucher im Eingangsbereich. In der gegenüber liegenden Wand werden schulterhohe Öffnungen sichtbar. Es ist als betrete man einen gigantischen, durchlöcherten Schweizer Käse. Dunkle Löcher wo das Auge hinblickt. Sie verbinden benachbarte Kammern und sogar die einzelnen Etagen. Über acht Etagen führen die freigelegten, engen Gänge in die kühle Tiefe. Osman tritt an einen der lebenswichtigen Belüftungsschächte und wirft mit wissendem Blick eine Münze hinein. Erst nach einer kleinen Ewigkeit erlöst uns ein fernes „Pling“ aus unserer staunenden Starre. Acht Etagen, circa 40 Meter ist die dunkle Röhre tief – kein Ort für Klaustrophobiker.

Konstante 10 °C ermöglichten den frühen Bewohnern ihre Ernte hier unten über lange Zeit diebstahlsicher zu lagern. Allerorts sind die Zeichen des Höhlenlebens erkennbar: in Stein gehauene Gefäße zum Lagern von Wein, Wasser und Öl, vom Ruß der Fackeln und der Feuerstellen geschwärzte Gemeinschaftsküchen und sogar eine kleine Kirche. Mannshohe Rollsteine zum Verschließen der Gänge erzählen davon, dass die unterirdischen Städte vor allem in kriegerischen Zeiten bewohnt wurden. Drohte Gefahr, zogen sich tausende Menschen in die Unterwelt zurück und konnten dort bis zu 6 Monate ausharren.

Bernd Leideritz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *