Indonesien: Zu Gast bei den letzten Seenomaden

Die Seenomaden von Bajau

Tief dringen die Strahlen der Äquatorsonne in das spiegelglatte, marineblaue Wasser der Tomini-Bucht ein. Einem silbrigen Blitz gleich saust ein Springender Fisch vor dem Boot in Panik aus dem Wasser, segelt scheinbar endlos lange über die Wasseroberfläche, um in sicherer Entfernung schließlich wieder ins Meer zu tauchen. Gemütlich tuckert der alte Bootsdiesel, aus einem Radio plärrt schnulziger Makkasarpop. Am Horizont ist die Silhouette der Togian-Inseln zu erkennen.

Unser Skipper Obé erzählt von seiner Kindheit auf den Inseln. Er ist ein junger, muskulöser Bursche mit einem gewinnenden Lachen. Er weist hinüber zur winzigen Insel Una-Una, die von einem aktiven Vulkan beherrscht wird. Gut kann er sich noch an den letzten Ausbruch erinnern, wie die herabfließende Lava in der Nacht bis zu seinem Dorf auf Batu Daka herüber leuchtete. Es ist noch gar nicht so lange her, da gab es auf den Inseln keinerlei Touristen, erst seit die indonesische Regierung die Inselgruppe zum touristischen Brennpunkt erklärte verändert sich seine Welt langsam. Obé fährt täglich zwischen den Togians und dem Küstenort Ampana auf Sulawesi hin und her, transportiert Menschen, Tiere, Fracht und natürlich immer mal wieder Touristen. Er hat uns versprochen, auf seinen Inseln könnten wir die Bajau oder Orang Laut genannten Seenomaden treffen.

Die Bezeichnung Bajau wird für eine ganze Gruppe seefahrender Nomaden verwendet, die im gesamten Südchinesischen Meer anzutreffen sind. Vom Riau-Archipel bei Singapur bis zu den Molukken, von den Philippinen bis zu den Kleinen Sundainseln erstreckt sich ihr nasser Kosmos. Vermutlich begannen die Bajau ihr Wanderleben im Zusammenhang mit dem Handel von „Trepang“, einer Seeschnecke, die von den Chinesen als Delikatesse geschätzt wird. Mehr als fünf Jahrhunderte, so vermuten Forscher, ist das nun schon her. Die Mehrheit der indonesischen Bajau lebt heute auf den Inseln und entlang der Küsten von Sulawesi. Nur noch wenige sind echte Seenomaden. Stattdessen siedeln sie in auf Stelzen ins Meer gebauten Dörfern und kehren regelmäßig zu ihren Fischgründen auf dem Meer zurück.

Die gebirgigen Inseln der Togians sind meistens bis an die Strände dicht mit tropischem Regenwald bedeckt. Riesige, rostbraune Flughunde kreisen über dem Wald, ein Seeadler schreit durchdringend. Hin und wieder passieren wir kleinere Dörfer, bis wir schließlich in Wakai, dem größten Ort der Togians eintreffen. Nur eine unbefestigte Straße durchzieht den Ort um dann irgendwo in den Bergen dahinter im Nichts zu enden. Die nach den heftigen tropischen Regenschauern meist schlammige Piste wird im Wesentlichen von Fußgängern und Radfahrern benutzt – Autos gibt es hier kaum. Der wichtigste Transportweg ist der zu Wasser.

Am nächsten Morgen holt uns Obé kurz nach Tagesanbruch ab. Es ist ein grauer, unwirtlicher Tag. Weit draußen vor den Stränden Batu Dakas stehen die Hütten einer Bajau-Familie im Meer. Obé verspricht nicht viel: Mit etwas Glück sind die Bewohner gerade zuhause, doch garantieren könne er das nicht, denn als Nomaden könnten sie genauso gut in einer anderen entlegenen Ecke des Togian-Archipels ein Korallenriff bezogen haben. Es dauert eine gute Stunde bis am Horizont einige skizzenhafte Strukturen sichtbar werden. Nicht mehr als eine Ansammlung schwarzer Striche ziert den Horizont. Mit jeder Minute, die wir näher kommen, fügen sich die Striche zu einem erstaunlichen Bild zusammen. Auf einem Riff schwebt ein kleines Dorf über dem Wasser. Etwa zwei Meter lange Stelzen tragen die mit den Blättern der Nipa-Palme gedeckten Hütten. Auf einer der kleinen Plattformen vor den Hütten spielt ein kleiner Junge, der bei unserem Anblick sofort ins Innere verschwindet. Einige kleine Boote schaukeln sanft über dem Riff. An der Riffkante fischt in seinem Boot hockend ein alter Mann. Obé bittet ihn um Erlaubnis, sein Dorf besuchen zu dürfen. Sah das Meer während der Fahrt hierher wie dicke blauschwarze Tinte aus, färbt sich die See über dem Riff in freundlichem hellen türkis. Das Boot gleitet über weiße, rote und violette Korallen, Papageifische tummeln sich in ihrem Element. In einer der Hütten aufgeregtes Getuschel und Geklapper. Offensichtlich wird für uns noch schnell aufgeräumt.

Im Innern der schwankenden Hütte empfängt uns zunächst schüchtern die Familie von Dachlan. Seine Frau Ona befestigt gerade Angelhaken an einer Schnur, eines der Kinder spielt unbeachtet mit einem riesigen Messer herum, versucht einem toten Fisch den Kopf abzuschneiden. Das „feste Boot“, wie die Bajau ihre Pfahlhütten im Meer nennen, macht einen wackeligen, luftigen Eindruck. Dicke Zwischenräume in den Wänden geben den Blick auf die benachbarten Hütten frei, selbst durch den Boden ist unter uns das Riff zu sehen. Hinter einer geflochtenen Matte aus Nipa-Blättern ist die Kochstelle zu sehen, an der Rückwand hängen allerlei Kochutensilien.

Ich wundere mich, wieso nur kleine Kinder anwesend sind. „Heute müssen alle Bajau an Land gemeldet sein“, erklärt mir Dachlan, daher besteht für die Kinder auch Schulpflicht. So verlassen sie für Jahre das Meer und leben an Land. Erst nach ihrer Hochzeit kehren sie zurück und bauen sich eigene Hütten irgendwo draußen auf dem Meer.

Ein tropisches Unwetter zieht auf, wir ziehen es vor, aufs sichere Land zurückzukehren, Dachlan und seine Familie bleiben dagegen hier, hoffen auf den Schutz des Riffs. Für die Bajau ist das Meer der sicherste Platz auf der Erde.

Bernd Leideritz

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