Deutschland: Hollywood im Harz

Drehort Quedlinburg

Vor der Kulisse des Weltkulturerbes entstanden rund 60 Filme – Abenteuerstreifen, Literaturverfilmungen, Dokumentationen, Kinder- und Märchenproduktionen.

Die Flammen lodern, der Mob tobt. Eine Hexe soll verbrannt werden. Ungewaschene, abgerissene, geifernde Gestalten feuern die Knechte an, die Flammen höher zu schüren. „Verbrennt sie, verbrennt sie!“, schallt es über den Platz. Eine Szene aus dem Spielfilm Der schwarze Tod. „Und danach musste ich mich einen Tag lang von riesigen Kerlen verkloppen lassen“, sagt Sabine Houben. „Das hat riesigen Spaß gemacht!“ Die Quedlinburgerin nahm als Komparsin an Dreharbeiten zu dem Streifen teil, dessen Handlung im finsteren 14. Jahrhundert spielt – gedreht in und um Quedlinburg.

Die Stadt am Rande des Harzes mit ihrem Weltkulturerbe ist prädestiniert für Filmaufnahmen mit historischem Inhalt: ein mittelalterlicher Grundriss, mehr als 1300 Fachwerkhäuser aus acht Jahrhunderten und Gassen, die so schmal sind, dass kein Auto durchpasst. Besonders beliebt bei den Location Scouts, den professionellen Drehortsuchern, ist der Schlossberg mit seinen felsigen Klippen, den historischen Wohnhäusern und der romanischen Stiftskirche in der Mitte. Winfried Glatzeder führte hier als Till Eulenspiegel einen Schimmel zu seinem Fürsten und Manfred Krug ritt in dem Mantel-und-Degen-Streifen Mir nach, Canaillen! übers Kopfsteinpflaster.

Die Karriere Quedlinburgs als „Harzer Hollywood“ begann 1954 mit der Verfilmung der Novelle Pole Poppenspäler von Theodor Storm. Die DEFA kehrte danach regelmäßig zu Aufnahmen zurück, und auch nach der Wende blieb die Stadt als Drehort populär: Pfarrer Braun ermittelte in Quedlinburg, Otto Waalkes kam für 7 Zwerge her und Til Schweiger stand für eine Ritterklamotte vor der Kamera.

Einige historische Produktionen sind nun wieder auf großer Leinwand zu erleben. Im Rahmen des Projektes „Filmstadt Quedlinburg“ werden Wiederaufführungen organisiert, zu denen Regisseure, Schauspieler und Kameraleute als Ehrengäste eingeladen sind. Gezeigt wurde zum Beispiel König Midas, eine Kinderoper von 1962, die komplett in der Harzgemeinde entstand – um dann von der DDR-Zensur ins Archiv verbannt zu werden. Hans-Jürgen Furcht, Initiator von „Filmstadt Quedlinburg“, wurde für dieses Projekt im Rahmen der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ ausgezeichnet.

Der filmverrückte Kulturmanager, der früher mehrere Kinos leitete und sich nach der Wende mit einem Wanderkino selbstständig machte, stieß bei seinen Recherchen bislang auf rund 60 Filmproduktionen mit Drehort Quedlinburg: Abenteuerstreifen, Literaturverfilmungen, Dokumentationen, Kinder- und Märchenfilme. „Die Liste der Filme wächst ständig“, sagt Furcht, der inzwischen viele Anekdoten von Filmsets erzählen kann. Aus Geldmangel wurden zum Beispiel bei den Aufnahmen zum Bürgerkriegsdrama Fünf Patronenhülsen die Felsspitzen der Harzer Teufelsmauer weiß angemalt, um die schneebedeckten spanischen Berge zu simulieren. Die Anekdoten und Erinnerungen kommen meist von alten Quedlinburgern, die als Kinderdarsteller an Filmaufnahmen teilnahmen.

Schon in den 1950er-Jahren wurden Stadtbewohner als Statisten engagiert. Eine Tradition, die bis heute Bestand hat: Auch vor den Dreharbeiten zum Spielfilm Goethe mit Moritz Bleibtreu und Henry Hübchen, der 2011 in den Kinos lief, suchte eine Agentur per Zeitungsanzeige rund 400 Komparsen zwischen zwei und 70 Jahren: Frauen, Männer und Kinder, die optisch in das 18. Jahrhundert passen: „Keine gefärbten und gesträhnten Haare, keine Piercings oder sichtbaren Tattoos, keine künstlichen Fingernägel“, stand in der Ausschreibung. Auch Sabine Houben bekam wieder eine Zusage – im Herbst 2009 wurde gedreht. Der Kostümfundus zog solange in ein Autohaus: „Im Schauraum wurden wir in barocke Kostüme gesteckt und in der Werkstatt kamen wir in die Maske“, sagt die Hobby-Komparsin.

Houben war auch dabei, als Goethe die junge Lotte kennenlernt, ein romantischer Augenblick, gedreht in der Quedlinburger Marktkirche. Nicht immer ging es so komfortabel zu wie bei dieser Szene: Für die Außenaufnahmen musste auch der historische Stadtkern „in die Maske“. Störende Elemente wie Straßenschilder wurden entfernt, die liebevoll sanierten Fassaden auf alt getrimmt und das sonst blitzblank geputzte Pflaster mit Tonnen von Matsch bedeckt – wie eine Stadt zu Goethes Zeiten nun einmal aussah.

„Wir mussten den ganzen Tag durch die Matschepampe hin und her waten – in Seidenschuhen und barocken Kleidern“, sagt Houben. Und das in der Oktoberkälte. „Das Tollste an dieser Arbeit ist das Gemeinschaftsgefühl“, sagt sie. „Man hat viel Zeit zum Reden – 90 Prozent der Arbeit besteht aus Warten.“ Das gilt auch für die Stars: Cosma Shiva Hagen nutzte ihre Drehzeit in Quedlinburg sogar, um den Führerschein zu machen.

Oliver Gerhard

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