Lesertext: Spanien – Una Pregunta!

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Es ist Kalt; ich habe die ganze Nacht gefroren. Trotz zwei heizenden Körpern und einer Vielzahl an Decken, schafft es die Kälte, sich einen Weg zu bahnen und die Wände unseres Iglozelts in Wasser zu tränken. Doch ich muss raus. Ich habe mir geschworen jeden Morgen surfen zu gehen. Draußen regnet es. Heute Nacht musste ich irgendein Tier verjagen. Meinen Freunden würde ich im Nachhinein am liebsten erzählen, dass es ein wilder Bär gewesen ist. Doch ich denke es war ein streunender Hund mit ordentlichem Kohldampf. Ich bleibe liegen.

Später beschließen wir unser Zeltlager abzubauen, um dem nordspanischen Regen zu entkommen. Ganzjährig sammeln sich die Wolken in den mächtigen Gebirgszügen der Picos de Europa. Ab Juni wechseln sie sich mit 34 Grad Sonne ab, was den Nährboden der milchgrünen Landschaft bildet.

Wir geben Gas. Starten das Pur-Album zum 94. Mal und sind optimistisch. Da ich mich gestern in kopfhohen Wellen vor der Küste von Valdes austoben konnte, versuche ich heute eine Ecke anzusteuern, die der Surferfahrung meiner halbspanischen Begleitung entgegenkommt. Sie macht sich äußerst gut auf dem neuen 7’2er aus den Hossegor-Soorts. Aber das habe ich nicht anders erwartet. Im normalen Leben vollführt sie Spagate, Drehungen und Handstände auf galoppierenden Pferden.

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Ich spekuliere auf einen abgelegenen Secret – Spot in der Nähe von Ferrol. Er ist im Stormrider als äußerst konsistent bei großen Swells ausgeschrieben. Wir geben Gas und kommen nach guten 3 Stunden an der Westküste Galiziens an. Jetzt nur noch die richtige Strandstraße nehmen. Doch das erweist sich als äußerst schwierig. Erst als wir einen Opa in der Blüte seiner Jahre antreffen, der keine Ahnung von Localism hat, bekommen wir eine Wegbeschreibung, die uns direkt an den Playa de Campelo führt. Eine sehr versteckte Bucht, belagert von Kleinwagen mit galizischen Kennzeichen. Die Wellen sind größer als erwartet. Doch Alexandra paddelt mit mir raus. Zuerst in Richtung einer kleineren Rechten, die bei Lowtide bis zum Strand bricht. Ein leichter Take Off und langsame Sections lassen sie ordentlich Spaß haben.

Als die Tide steigt, paddeln wir weiter nach rechts wo eine Linke mit gewaltigen Close – Out – Sections herausfordernd einlädt. Plötzlich zeigt sich am Horizont das wohl größte Set des Tages und ich bemerke, wie mein Mädchen geradewegs Richtung Peak paddelt. Zwar hat sie das mit der Vorfahrt noch nicht so ganz verinnerlicht; aber sie ist ein ziemlich hübsches Mädchen, sogar im Neo und kann sich somit einiges rausnehmen. Ich rufe ihr zu, dass sie paddeln soll, paddeln, paddeln, paddeln. Sie sitzt Tief. Fast zu Tief, aber sie schafft es aufzustehen und zumindest der Weißwasserwalze zu entkommen. Ich wusste von vornherein, dass es ein Clouse-Out wird. Aber eben diese Erfahrung ist wichtig. Und wenn du sie 100-mal durchlebt hast, kannst du dich in Zukunft drauf verlassen, dass du weißt, wo und wie du zu sitzen hast.

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Es ist heiß; ich fange an zu schwitzen. Sobald die Sonne aufgeht entwickelt sich unser Iglozelt zu einer 90 Grad Sauna. Für mich alle Zeit aufzustehen, weil ich den Wecker schon wieder nicht gehört habe. Glücklich über eine weitere ungestörte Nacht mitten in der Wildnis, streife ich mir meinen taukalten Neoprenanzug über und lasse meine Freundin allein zurück. Wenn ich wiederkomme, werde ich voller Befriedigung strahlen. Und das ganz ohne sie. Ich laufe einen halben Kilometer bis ich das Meer erkennen kann. Meine Schritte werden schneller. Gestern war es ziemlich verblasen und trotzdem entschied ich mich eine weitere Nacht am Playa de Louro zu bleiben.

Bei schlechten Bedingungen verstauen wir unser Schlaflager in dem kleinen Seat Ibiza und geben Gas. In der Regel. Doch gestern Abend haben wir zu viel Weißwein getrunken, wie jeden Abend gut gegessen und die beängstigende Stille der Landschaft genossen. Als sich meine Packung Fortuna dem Ende neigte, beschlossen wir, trotz strömenden Regens und zwei Flaschen Siaglo, das nächste Dorf aufzusuchen.

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Es war mittlerweile 0:30 Uhr. Selbst am helllichten Tag ist es nicht so einfach, mitten in Galizien, einen Automaten zu finden. Doch wir hatten Glück und trafen zwei einheimische Jugendliche, die mir ohne Bedenken drei Zigaretten in die Hand drückten. Meines Erachtens waren sie nicht übermäßig freundlich, sondern bemitleideten meine Barfüße, die seit 4500 km keine Schuhe mehr gesehen haben. Ganz ehrlich: Gibt es etwas Schöneres an einem Surftrip, als Barfuss und in Boardshort durch Südeuropa zu düsen? Wohl kaum. Trotzdem wird es neopflichtig, desto weiter man die spanische Nordküste gen Westen fährt. Das Wasser wird Kälter und die Line – Up’s leerer. So leer, dass ich an diesem besagten Morgen für eine Sekunde denke, umzudrehen.

Das Meer ist unerwartet ruhig. In geordneten Abständen rollen die Sets in Richtung Brandung. Ich schätze es sind 5 ft. Es ist glassy und 10 Uhr morgens. Kein Mensch im Wasser! Für drei Stunden surfe ich mir die Nippel wund und gebe Gas als das Wasser steigt und der Shorebreak gen Norden splittet. Apropos Norden: Wie es wohl gerade in der französischen Biskaya zugeht?

Konstantin Arnold

 

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