Panama: Viel mehr als nur der Kanal

Oh, wie schön ist …

Panama: Mit dem kleinen mittelamerikanischen Land verbinden wir meist nur einen Kanal. Ein Fehler! Abseits davon gilt es, paradiesische Natur, eine quirlige Stadt und faszinierende Indianer-Kultur zu entdecken.

Nein, das kann nicht klappen. Der riesige Frachter-Koloss mit den bunten Hamburg-Süd-Containern ist doch viel zu breit! Das wäre ja so, als wolle man eine Zwiebel durch ein Nadelöhr quetschen. Zumindest liegt der Gedanke nahe bei dem Schauspiel, das sich da vor den Augen der neugierigen Zuschauer abspielt. Träge nähert sich die MSC Bremen, die um die Taille doch recht füllig ist, der schmalen Miraflores-Schleuse. Es ist wie bei einer menschlichen Geburt: Man glaubt, dass der Kopf niemals durch den Geburtskanal passen wird, und dann geht es irgendwie doch. Jedenfalls steckt das plumpe Riesenbaby plötzlich in der Schleusenkammer drin – rechts und links bleibt gerade noch eine Handbreit Platz. Von starken Stahlseilen und mehreren Dieselloks gesichert, wird das tonnenschwere Containerschiff knapp 17 Meter angehoben und auf der anderen Seite wieder ausgespuckt. Freie Fahrt Richtung Pazifik. Die langwierige Umrundung des Kap Hoorns locker eingespart und zwei Wochen gut gemacht. All das ermöglicht durch ein technisches Wunderwerk namens Panama-Kanal. Es ist schon erstaunlich, wie sehr diese Nabelschnur von Ozean zu Ozean das kleine mittelamerikanische Land definiert.

PanamakanalPanama ohne Kanal? Undenkbar! Die Franzosen wollten ihn als Erste bauen und haben sich dabei buchstäblich verhoben. Dann kamen die Amerikaner, sprengten ganze Berge weg, legten riesige Stauseen an, schufen mächtige Dämme und rammten ihre Flagge ins trübbraune Fahrwasser. Der gehört uns, sollte das besagen, und so war es auch bis zum 31. Dezember 1999. Dann geschah das, was auf viele Panamaer noch heute wie ein Wunder wirkt: Nach 85 Jahren traten die USA den Kanal offiziell an die panamaische Regierung ab. „Ihr hättet mal die Gesichter meiner Landsleute am Tag der Kanalübergabe sehen sollen! Sie waren voller Stolz“, sagt Reiseleiter Gustavo Zevallos und dabei leuchten auch seine Augen.

Meisterleistung der Ingenineurskunst?

Nun kann man den Panama-Kanal betrachten wie man will – als Meisterleistung menschlicher Ingenieurskunst, als verheerenden Eingriff in die Natur, als eine der größten Sehenswürdigkeiten weltweit – Tatsache ist, dass er für das panamaische Nationalbewusstsein steht. Was lange Zeit nicht mehr als ein verlängerter Arm der USA war, hat sich zu einem – zumindest halbwegs möchte man sagen – unabhängigen Staat entwickelt. Und der erlebte in den vergangenen zwölf Jahren einen irren Bau- und Wirtschaftsboom, was sich schon allein an der Skyline ablesen lässt, die in Panama City aus dem Boden geschossen ist. Betrachtet man die Stadt von der Wasserseite, könnte man sie glatt mit Manhattan oder Chicago verwechseln. Im Bankenviertel schrauben sich zahlreiche kunstvoll gedrechselte Wolkenkratzer in den Himmel, so als wollten sie der Welt das neue panamaische Selbstbewusstsein entgegen schreien. Hier arbeiten, shoppen und speisen die so genannten „rabi blancos“, jene Familien, die seit jeher das Geld und den Einfluss im Land unter sich aufteilen. Dabei besitzt Panama City viele Gesichter. Ursprünglicher und wesentlich bunter geht es auf der Avenida Central im Stadtteil Caledonia zu. Von günstigen Haushaltswaren-Läden über Boutiquen mit Billig-Chic bis hin zu Zeitschriftenhändlern, die die Magazine des Vormonats vertickern, ist hier alles vertreten. Und das Essen erst! An der Ecke „lockt“ ein kleiner Mann mit dem Inhalt seines Plastikbehälters. Für das, was da in essigsaurer Marinade und Bergen von Zwiebeln schwimmt, braucht man einen starken Magen – schließlich sind eingelegte Schweinsfüße nicht jedermanns Sache, auch wenn der Händler darauf schwört, dass es in ganz Panama City keine größere Delikatesse gibt. Die gerösteten Palmnüsse und die frittierten Kochbananen-Chips, die ein paar Meter weiter ihr würziges Aroma verströmen, wirken da wie die ungefährlichere Wahl.

Mann mit PanamahutBesonderen Zulaufs erfreut sich ein alter Mann mit markantem Panama-Hut, der alle Arten von „Glückskräutern“ verkauft. Bade man drei Tage lang in ihrem Aufguss, könne man gar die Lotterie gewinnen, behauptet er ohne mit der Wimper zu zucken. Hier tut sich ein Einblick in eine der beiden großen Leidenschaften der Panamaer auf – die eine ist der Baseballsport die andere die nationale Lotterie. Losstreifen gibt’s an jeder Ecke, der wöchentliche Flirt mit dem Glücksspiel ist so selbstverständlich wie schlafen und essen. Manche Leute ziehen gar die Botanik zu Rate. Eine grün-weiß gesprenkelte Pflanze namens „Millonaria“ ziert nicht nur Vorgärten, sie soll auch die geheime Kombination verraten, mit der der Jackpot zu knacken ist. Tatsächlich kann man in der Marmorierung der Blätter mit einiger Fantasie Zahlen entdecken. Da! Das ist doch eine 44. Her mit dem Tippschein!

Jongliertricks auf der Via España

Szenenwechsel: Eine große Kreuzung an der Via España, der Hauptgeschäftsstraße der Stadt. Fernando und Santiago, zwei junge Argentinier, verdienen sich hier das Geld, mit dem sie quer durch Lateinamerika reisen. Kaum schaltet die Ampelanlage auf Rot, springen die beiden auf die vierspurige Straße und vollführen mit je drei Bällen ein paar Sekunden lang kunstvolle Jongliertricks vor Hunderten wartender Autos. Nach galanter Verbeugung schreiten sie die Reihen der Fahrzeuge ab und nehmen fröhlich Münzen und Dollarscheine entgegen, die die überraschten Panamaer den findigen Jungs gern zustecken. „Hier in Panama läuft es richtig gut“, sagen sie. „Wir nehmen zehn bis fünfzehn Dollar die Stunde ein.“ Weshalb ihnen zwei Stündchen Arbeit am Tag genügen. In Brasilien, wo man diese Form der Ampelunterhaltung bereits kennt, mussten sie deutlich länger ran, um die nächste Busfahrkarte gen Norden zu lösen.

Stadtbus in Panama CityApropos Busse. Die sind in Panama City echte Hingucker. „Rote Teufel“ heißen die qualmenden Monster im Stil der Vehikel, mit denen amerikanische Teenager normalerweise zur Highschool fahren. Das Besondere: Einer ist verrückter bemalt als der andere. Ein wahres Eldorado für Graffiti-Künstler, von dem hiesige Sprayer nur träumen können. Mit ihnen geht’s für ein paar Cent zur Plaza 5 de Mayo, dann zu Fuß weiter durch die Avenida Central bis hin zur Casco Viejo. Die Altstadt offenbart eine weitere, ungeschminkte Facette von Panama City. Lange dem Verfall preisgegeben, erwacht sie allmählich aus ihrem Dornröschenschlaf. Die Tatsache, dass der koloniale Kern mit seinen pastellfarbenen Prachtbauten spanischer und französischer Architektur Unesco-Erbe ist, dürfte nicht unwesentlich dazu beigetragen haben. Gerade abends entfaltet die Casco Viejo den ihr eigenen Zauber. Im sanften Schein nostalgischer Straßenlaternen verschwinden nicht geflickte Risse im Mauerwerk, abblätternde Farbe und bröckelnder Putz. Bars und Kneipen öffnen ihre Pforten und locken überall mit Live-Musik. In einer geschmackvollen Enoteca spielt ein Duo Bossa Novas. Ein paar Straßen weiter gibt eine fünfköpfige Salsa-Band den Ton an. Dazu dringt Merengue- oder Reggaeton-Musik aus den Fenstern und Türen etlicher Häuser. Die Bewohner feiern Privatpartys, stellen Tische und Stühle auf die Straße, köcheln Eintopf auf einem Gaskocher und laden die Nachbarn kurzerhand auf eine Cerveza ein. So gleicht die Altstadt einer bizarren Mischung aus Weggehviertel und spontanem Nachbarschaftsfest.

Schildkröten, Schlangen und Schmetterlinge

Aber Panama, das ist nicht nur Stadt und Kanal. Das ist vor allem Natur. Den Dschungel hat man hier gleich vor der Haustür. Alles, was rechts und links vom Kanal liegt, ist Naturschutzgebiet. In seinen Seitenarmen haben sich Kapuzineräffchen, Leguane, Schildkröten, Schlangen, Schmetterlinge und etliche Vogelarten ihr Wohnzimmer eingerichtet. Im Soberanía Nationalpark kann man ihnen einen Besuch abstatten. Leise gleitet das Boot an das Ufer von Monkey Island heran, worauf alle angestrengt in die Kronen der teils bis zu 40 Meter hohen Baumriesen spähen. Ja, wo sind sie denn, die Tiere, die der Insel den Namen gaben? Und dann geht es urplötzlich los. Fünf, sechs Brüllaffen stimmen eine Kakophonie an, dass die Bäume wackeln und der Kopf dröhnt. Am Timbre könnte noch gearbeitet werden, aber die Lautstärke ist allemal beeindruckend. Kaum zurück an Land, stürzt der typische, heftige tropische Regenguss hinunter. Vor der Veranda des Restaurante Lagartos entfaltet sich eine Szenerie wie aus einem Hemingway-Roman. Wasserdampf steigt vom Kanal auf und legt sich als weißer Watteteppich über die sattgrünen Wipfel des Regenwalds. Die Luft ist drückend und schwer. Neben den Holzplanken des Restaurants liegen zwei Kaimane träge im Wasser, während in der Ferne erneut ein Schiff dem Pazifik entgegenstrebt.

Panama StrandSeine geographische Lage bringt es mit sich, dass Panama über endlose Strände und unzählige kleine bis klitzekleine Inselchen verfügt. Allein von den San Blas Inseln auf der Karibik-Seite gibt es rund 365. Sie sind so etwas wie ein Staat im Staat, denn hier leben die autonomen Kuna, einer der sieben indigenen Stämme Panamas. Dass sie bis heute ihr kleines Paradies bewahren konnten, liegt vielleicht auch daran, dass das Gebiet so unzugänglich ist. Ein unchristlich früher Flug um sechs Uhr morgens mit einer zweimotorigen Maschine ab Panama City ist noch die unkomplizierteste Art, dorthin zu gelangen. Jedwede Müdigkeit verfliegt jedoch spätestens bei der Landung. San Blas empfängt seine Gäste mit derart türkisblauem Wasser und schneeweißem Sandstrand, dass man sich in einem mit Photoshop bearbeiteten Urlaubskatalog wiederzufinden glaubt. Einmal kurz die Augen reiben und vergewissern – doch ja, die Farben sind echt. Und nicht nur die der Natur. Die Kuna-Frauen tragen im Gegensatz zu den Männern noch traditionelle Kleidung. Auffallendstes Merkmal sind die „Strümpfe“ aus kunstvoll arrangierten Perlenschnüren, deren vorherrschende Farbe schönstes Holland-Oranje ist und die so fest gewickelt sind, dass sich die Indianerinnen um Krampfadern keine Sorgen machen müssen. Den Kern der Kuna-Tracht bildet jedoch die Bluse. Das Mieder besteht aus kunstvollen Molas – farbige Stoffapplikationen, die zu Tier-, Pflanzen- oder Fantasiemotiven vernäht werden. Dazu ein bunter Wickelrock und … Flip-Flops. Das lässige Schuhwerk ist nicht etwa ein Stilbruch. Es macht lediglich deutlich, mit welcher Selbstverständlichkeit die Kuna ihre jahrtausendealte Kultur pflegen und gleichzeitig der Moderne Einzug gewähren. Es gibt das Gemeindehaus, in dem das gesammelte Naturwissen ihres Volkes vermittelt wird und die Dorfschule, in der die Kleinen Englisch und Mathematik pauken. Die Häuser bestehen aus Bambus, Schilf und Palmblättern, doch das ein oder andere Dach ziert eine Satellitenschüssel. 1925 erkämpften sich die Kuna in einem Aufstand die Souveränität. Seitdem zahlen sie weder Steuern noch leisten sie Militärdienst. Stattdessen erklären sie mit einiger Verschmitztheit, dass die Wiege der Demokratie nicht etwa in Griechenland sondern in ihrem als Kuna Yala bezeichneten Territorium zu finden sei. Schließlich werde jede Insel von einem mehrheitlich gewählten Häuptling verwaltet. Dazu kommt eine Prise real existierender Sozialismus, denn die Einnahmen aus dem – bewusst begrenzt gehaltenen – Tourismus fließen der Gemeinschaft zu. Und so stören sich die Kuna auch nicht an den westlichen Urlaubern, denen sie ein paar ihrer Bilderbuch-Inseln als Gäste-Eiland zur Verfügung stellen. Völlig unbeeindruckt gehen sie ihrer Arbeit nach, begießen festliche Anlässe mit der aus Mais, Zuckerrohr und Kakao gebrauten Chicha und dösen ansonsten zufrieden in der Hängematte, in der sie nach ihrem Tod auch begraben werden. Es dauert einen Tag, dann tut man es ihnen einfach gleich, und während die Sonne langsam im Atlantik versinkt, weiß man plötzlich mit absoluter Sicherheit, dass der Kinderbuchautor Janosch San Blas im Sinn gehabt haben musste, als er den kleinen Bären zum kleinen Tiger sagen ließ: „Panama ist das Land unserer Träume, Tiger. Wir müssen sofort morgen nach Panama …“

Alexa Christ

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