Südafrika: Reisen mit gutem Gewissen

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Agnes Kumkany schiebt ihren Gast energisch durch die schmale Tür ins Haus. Was von außen einem windschiefen und staubigen Verhau aus Brettern und Wellblech gleicht, entpuppt sich innen als hübsche Wohnung mit Kühlschrank, Fernseher und einem Strauß roter Plastikblumen auf dem Couchtisch.
Agnes, 33 Jahre alt, rote Schirmmütze und weißes T-Shirt in einer viel zu engen Jeans, hat es zu etwas Wohlstand gebracht in der schwarzen Township Qolweni am Rande von Knysna, einer Stadt an Südafrikas schöner Gartenroute. Agnes arbeitet im Tourismus. Und sie bekommt einen fairen Lohn. Tourguide Agnes,

Agnes ist Tourguide bei „Ocean Blue“. Der kleine Veranstalter organisiert im Hafen der Plettenberg Bay Tauch- und Walbeobachtung-Trips – und Führungen durch die Township. Charlie Lilford, Chef des Unternehmens, hat sich ganz dem Fairen Handel verschrieben. 

 Fotografin: Martina Hahn

Gemeinsam mit dem deutschen Evangelischen Entwicklungsdienst, dem Kölner Veranstalter SKR und TransFair, dem Verein, der in Deutschland auch gerecht produzierten Kaffee oder Tee mit dem blaugrünen Fairtrade-Siegel auszeichnet, hat Fair Trade in Tourism (FTTSA) dieses Pilotprojekt entwickelt. Das heißt: Charlie Lilford setzt auf Transparenz. Er lässt nicht nur Prüfer, sondern auch seine Angestellten oder Journalisten in seine Bücher blicken. Diskutiert mit seinen Leuten das Budget, überlegt mit ihnen gemeinsam, wo etwas eingespart oder ein Posten erhöht werden kann. Und unterschreibt jeden Monat einen Scheck für den Kindergarten im Township.
Das Geld stammt von seinen Kunden, den Urlaubern. Mit ihrem Ticket für die Bootsfahrt oder die Township-Tour unterstützen sie das Mittagessen für rund 200 Kinder aus dem Slum sowie den Lohn von neun Lehrern und zwei Köchen an der Vorschule. „Ohne die Touristen gäbe es die Schule nicht. Und ohne die Schule könnten viele Kinder aus dem Slum weder lesen noch schreiben“, sagt Agnes. 80 Prozent der Eltern dort sind ohne Arbeit. Die meisten Männer warten Morgen für Morgen auf einen Gelegenheitsjob auf dem Bau. Am Abend bringen sie dann umgerechnet vielleicht zwölf, 13 Euro mit nach Hause. „Bei so viel Armut steht der Schulbesuch der Kinder nicht unbedingt oben auf der Sorgenliste“, sagt Agnes. Durch die Fair-Trade-Zertifizierung von Ocean Blue hat sich Agnes’ Lohn in den letzten drei Jahren von umgerechnet 160 auf 320 Euro im Monat verdoppelt. Damit kann sie ihre beiden Kinder und auch ihre zwei Schwestern durchbringen. Damit ist Agnes allerdings auch eine Ausnahme im Tourismusgeschäft. Denn angemessene Löhne und feste Arbeitsverträge sind in der Branche eher selten. Mitarbeiter in Hotels, Restaurants, Nationalparks oder Agenturen werden häufig ausgebeutet. Kaum ein Tourist wundert sich, wenn ein und derselbe Kellner ihm morgens das Frühstück serviert, mittagsam Buffet steht, abends noch immer den Cocktail in der Strandbar des Hotels mixt – und für seinen 14-Stunden-Tag umgerechnet einige wenige Euro und Trinkgeld erhält.Auf solche unfairen Arbeitsbedingungen trifft man vor allem bei touristischen Angeboten in armen Ländern, etwa Mexiko,Indien, Thailand, Ägypten. Doch obwohl der Anteil von Entwicklungsländern am internationalen Reisegeschäft bei bereits 40 Prozent liegt, und obgleich die Reisebranche für jedes dritte Entwicklungsland sogar die wichtigste Einnahmequelle ist, schafft es der Tourismus dort nicht, die Lage der Menschen generell zu verbessern.
Dabei hat der Tourismus in den vergangenen Jahrzehnten Millionen von Arbeitsplätzen geschaffen. Nach Angaben des World Travel & Tourism Council arbeitet weltweit jeder elfte Arbeitnehmer in dieser Branche.

Martina Hahn, Geparden Doch bei vielen Jobs handelt es sich um einfache Tätigkeiten, die keine besondere Qualifikation erfordern. Entsprechend mies sind die Löhne. Trotz Vollbeschäftigung im Tourismus vielerorts liegt der Verdienst der meisten Angestellten unter dem Existenzminimum, werden die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO nicht eingehalten. Auch Kinderarbeit ist im Tourismus weit verbreitet: Die ILO schätzt, dass weltweit dreizehn bis neunzehn Millionen Kinder und Jugendliche unter achtzehn Jahren im Tourismus beschäftigt sind. Statt die Schulbank zu drücken, verkaufen sie Souvenirs, verteilen Cocktails oder arbeiten in Küchender Touristenrestaurants. Hinzu kommen die weltweit mehr als zwei Millionen Kinder, die laut Unicef in exotischen Reisezielen von Sextouristen ausgebeutet werden. Dass es anders geht, zeigt das Pilotprojekt in Südafrika. Anders als bei den Sozial-Kodizes, die etwa auch das Forum anders reisen, ein Zusammenschluss sozial engagierter Reiseveranstalter, entwickelt hat,wird bei dieser ersten Fair-Trade-Reise die gesamte Wertschöpfungskette auf Nachhaltigkeitüberprüft. Dabei beschränkt sich der Qualitäts-Check nicht auf Umweltfragen. „Hier rückt endlich auch stärker inden Blick, wie sich touristische Produkteauf die Menschen auswirken“, sagt Heinz Fuchs vom Infodienst Tourism Watch. Denn obgleich immer mehr Reiseveranstalter und Tourismuskonzerne mit „nachhaltigen“ Schritten werben, haben sich bislang nur wenige Veranstalter außerhalbdes Forums anders reisen soziale Verantwortung als Unternehmensphilosophie auf die Fahnen geschrieben.

Einer davon ist der Südafrikaner Mike Weeks. Seine idyllisch gelegene kleine Safari-Lodge „Amakhala“ war eine der ersten, die Fair Trade zertifiziert wurde. Weeks’ 18 Mitarbeiter haben einen festen Arbeitsvertrag in der Tasche. Sein Koch verdient etwa 1 500 Euro im Monat, der Butler 400 Euro – in einem Land, in dem der Mindestlohn bei umgerechnet etwa 190 Euro liegt. In einem Land auch, in dem – gerade im Tourismus –oftmals nicht einmal dieser Mindestlohn bezahlt wird. Und wer als Reisender in der Amakhala-Lodge übernachtet, unterstützt ein Waisenhaus, das rund 130 Kindern ein Zuhause bietet.  Fotografin: Martina Hahn

Das Fair-Trade-Gütesiegel hat Weeks’ Lodge nicht automatisch mehr Gäste gebracht. Dennoch hat sich die Zertifizierung für ihn trotz der Gebühr von umgerechnet 1 100 Euro längst gelohnt. „Wir haben unheimlich viel gelernt“, sagt er. Etwa durch das Team der Internationalen Arbeitsorganisation ILO, einem UN-Ableger. Es hat Weeks und seine Leute sieben Monate darin geschult, wie man sinnvoller und fairer wirtschaftet – „Kurse, die wir ohne die Zertifizierung nicht bekommen hätten.“

Dass wegen des fairen Siegels auf dem Reiseprospekt langfristig mehr Gäste kommen, davon ist Sarah Swanepoel, Managerin des Hotels The Dunes in der St. Francis Bay, überzeugt: „Dass in der Lodge oder im Nationalpark fair gearbeitet und gezahlt wird, ist immer mehr Reisenden wichtig.“

Warum das so ist, glaubt Michael Lutzeyer zu wissen: „Der moderne Tourist will es sich gut gehen lassen – aber gleichzeitig auch etwas Gutes tun und etwas zurückgeben“, sagt der Hotelier und Chef der Fair-Trade-5-Sterne-Lodge Grootbus in Gansbaai. Lutzeyer: „Was sich bei Bananen, Kaffee oder Rosen immer mehr durchsetzt, wird auch im Tourismus Einzug halten.“

 Von Martina Hahn

Die Reiseroute: Die 16-tägige Rundreise entlang der „Garden Route“ führt über Johannesburg und Port Elizabeth nach Kapstadt. Highlights sind Safari im Addo Elephant Park, Cape St. Francis, Kap Agulhas, Tsisikama NP, Führung durch ein Township und Übernachtung bei einer Familie vom Stamm der Kamamas. Preis: ab 3 997 Euro.

Beste Reisezeit: Februar bis Mai oder September bis November (beste Zeit für Wal-Beobachtung und Blütezeit entlang der Gartenroute).

Anbieter: SKR Reisen (www.skr.de). Der Veranstalter gehört dem Forum anders reisen (www.forumandersreisen.de) an und bietet die erste Fair Trade-zertifizierte Reise an. Das Forum will einen „langfristig ökologisch tragbaren, wirtschaftlich machbaren sowie ethisch und sozial gerechten Tourismus“ entwickeln.

Kontrolle: An der Zertifizierung beteiligen sich der Evangelische Entwicklungsdienst (EED), TransFair Deutschland und Fair Trade in Tourism South Africa (FTTSA; www.fairtourismsa.org.za).

 

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