Frankreich: Die Insel des Marinemalers

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«Bald fahren wir zur Ile d’Yeu» sagte meine Frau. Ich hatte zunächst „Ile Dieu“ verstanden, was im Französischen so viel bedeutet wie Insel Gottes. Das wäre gar nicht so unwahrscheinlich gewesen, schließlich liegt die Insel in Frankreich und die Atlantikküste hat allgemein einen guten Ruf.

Auf dieser Insel hatte lange Zeit der Großvater meiner Frau gelebt. Der 1999 verstorbene Mann war offizieller Maler der französischen Marine, eine seltene Auszeichnung für hervorragende Arbeit von Künstlern, die vor allem Meereslandschaften, Häfen und Schiffe auf ihre Leinwand bannen. Jean Rigaud gehörte zu den Bekannten unter ihnen. Zahlreiche Werke in großen französischen Museen, wie der „Hafen von La Rochelle“ im Pariser Marinemuseum oder der „Felsen von Yport“ ebenfalls in Paris im Museum für moderne Kunst, tragen seine Unterschrift mit dem Marineanker.

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Der Maler hatte sich 1955 in die kleine Insel Yeu verliebt, ist von den Einwohnern akzeptiert worden und hatte einige Jahre später dort ein Haus mit Künstleratelier ganz im Stil der Region erbaut.

Vor Ort werden wir von einer Tochter des Malers erwartet, die uns, ganz französisch, mit einem schmackhaften Diner empfängt. Fischsuppe mit Croutons, eine Spinat-Tarte, dazu schmeckt ein süffiger Rosé-Wein der Vendée. Doch noch bevor wir das Dessert gekostet haben, ziehe ich ein Buch über Jean Rigaud aus meiner Reisetasche. „S’il vous plaît Madame, erzählen Sie uns!“. Die Bilder, die der Marinemaler auf seiner Insel in vielen Jahren geschaffen hat, haben wir bereits genau betrachtet. Wir möchten gerne die Insel entdecken, und die Malerei soll uns als Wegweiser dienen. Noch am selben Abend markiert uns die nette Dame die „Anse des Broches“, den Schiffsfriedhof, „Saint Sauveur“, „Ker Chalon“ und noch manch andere Orte, an denen Jean Rigaud seine Staffelei aufgestellt hatte, auf einer Karte der kleinen Insel, die mit dem Fahrrad in einigen Stunden zu umrunden ist.

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Mit Fahrrädern machen wir uns am nächsten Morgen auf Entdeckungstour. Am Hafen werden Leihräder angeboten, aber wir finden einige ältere Modelle in einem Schuppen zwischen alten Bilderrahmen, Blechdosen mit Pinseln und Terpentinbüchsen.

Zunächst geht es nach „Port Joinville“, dem quirligen Hauptort der Insel. Die Straßen sind ein einziges Gewirr aus Fußgängern, Radfahrern und alten 2 CV Modellen. Normalerweise hat der Ort etwa 4.000 Einwohner, doch im Sommer verfünffacht sich die Zahl. Hier kommen je nach Gezeiten die Fähren vom Festland an und bringen neue Urlauber und Tagesausflügler. Vor einem Fischgeschäft wird ein toter Hai in den Auslagen bestaunt. Antiquitätenläden, Fahrradverleih, Bars.

Uns zieht es zur „Coopérative Maritime“, wo man alles findet, was ein Seemann benötigt: Barometer, Stiefel, Schnüre und Kordeln, Tauchanzüge, Bücher zur Meereskunde. Unter den Fachbüchern ist auch ein Farbband über Werke der Marinemaler, in dem uns zwei „Jean Rigaud“ begegnen.

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Jetzt zieht es uns in die kleinen engen Gassen des Ortes in Richtung zur Kirche hinauf. Wir müssen den Ort, an dem der Marinemaler seine Staffelei aufgestellt hatte, um dieses Bild von Port Joinville 1961 zu malen, nicht lange suchen. In mehr als fünfzig Jahren hat sich hier kaum etwas verändert. Wir können jede Linie des Bildes in der Natur nachvollziehen.

Die westliche Küste ist wild und voller Granitfelsen. Als wir an der „Pointe du But“ von den Rädern steigen, fährt ein Fischkutter mit rostroten und weißen Segeln an uns vorüber. Etwas weiter liegt eine Bucht mit feinem Sandstrand: die „Anse des Broches“. Die Szenerie, die wir als 1991 gemaltes 50×73 cm Ölbild kennen, liegt in voller Größe vor uns. Diese Perspektive hatte der Maler ausgewählt, und selbst die kleinen Hüttchen, in denen die Fischer ihr Material aufbewahren, sind noch unverändert vorhanden. Nur der Himmel ist heute etwas freundlicher als auf dem Gemälde von Jean Rigaud.

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Auf der Fahrt nach „Saint Sauveur“ begegnen uns wieder Fahrräder in Massen. Sie sind hier das Hauptverkehrsmittel. Am großen Leuchtturm vorbei und am winzigen, tief eingeschnittenen Hafen von „La Meule“, erreichen wir den Ort im Zentrum der Insel mit seiner beeindruckenden romanischen Kirche aus dem 11. Jahrhundert. Hier findet allmorgendlich ein kleiner Markt statt. Die „Patisserie Mousnier“, die wie eine Puppenstube anmutet, verkauft die besten Pflaumenkuchen, die Spezialität der Insel und „Betchet“, kleine trockene Kuchen in Brötchenform. Wir suchen eine Perspektive, die Jean Rigaud als Ölgemälde 1963 auf eine 40×100 cm große Leinwand gebannt hat. Eine markante Turmruine hilft uns weiter. Die Häuser sind hier wie überall auf der Insel ebenerdig, weiß getüncht und mit blauen Blendläden versehen. Eine Kiefer, die auf dem Gemälde bedeutend kleiner ist, zeigt uns die vergangene Zeit. Auf dem Ölbild stehen die hellen Häuser in starkem Kontrast zu einem tiefdunklen Himmel.

Uns ist der Wettergott wohl gesonnen und schickt Sonnenstrahlen in Fülle vom Himmel. Das genießen auch die Touristen, die durch die engen Gassen des historischen Ortes schlendern. Für sie ist die Insel ein Paradies zum Baden in versteckten Sandbuchten, Bräunen, Tauchen, Segeln, Promenieren und Nichtstun. Für uns ist die Ile d’Yeu die Insel des Marinemalers.

Jörg Hartwig

 

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