Lesertext: Portugal – Vier Sterne und All Inklusive

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Nach einigen durchzechten Nächten in Portugals Hauptstadt begann unser Trip im Hoheitsgebiet des portugiesischen Prinzen: Ericeira. Auf dem einzigen Campingplatz errichteten wir für die ersten beiden Nächte unser Lager, bestehend aus einem Ford Nugget und genügend Camping Gear, um eine Mondlandung auszustatten. Direkt am ersten Morgen nach unserer Anreise joggte ich, nicht zuletzt um mein Partyo Alto Gewissen zu erleichtern, in meinem 4/3’er E-Bomb zum nahe gelegenen Ribeira de Ilhas.

Der Forecast versprach eine Session, wie man sie sich nach zwei ungesurften Monaten wünscht: vier Fuß, kaum Wind und eine zweistellige Periode. Doch bereits als ich den ersten Hügel passierte, zweifelte ich an meinen Interpretationsfähigkeiten, denn alles was ich vorfand, war eine hüfthohe Welle am Shorebreak. Gleich drauf schaute ich auf meine Uhr und bemerkte, dass ich noch immer indonesischen Tidenhub, anstelle des portugiesischen eingestellt hatte. Deprimiert und verschwitzt machte ich mich also auf den Weg zurück und versuchte im morgendlichen Berufsverkehr einen Autofahrer davon zu überzeugen, dass mein Neopren höchstens von Innen nass sei und er mich doch getrost bis zum Campingplatz mitnehmen könne.

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Sechs Stunden später war Lowtide und das südlich gelegene Sao Juliao the place to be. Nach zwei weiteren Nächten fuhren wir über die portugiesische Golden Gate Bridge und fanden uns eine Stunde später in Lagoa de Albufeira wieder. Eine Region, die ich während meiner letzten Portugalaufenthalte immer ausgelassen hatte, bekam nun erstmalig ihre surfspezifische Chance. Jedoch ist zu erwähnen, dass es auch ihre letzte war, denn außer einer riesigen Lagune inklusive Flussmündung bietet die Region oberhalb von Setubal kaum Scoring Potential. In der Hoffnung einen schönen Stellplatz zu finden, machten wir uns noch am Abend weiter gen Süden. In Porto Covo hatte ich auf unsere Karte den Vermerk „easy Camping“ ausgewiesen. Und das war es auch! Ein Stellplatz jagte den nächsten und das in unmittelbarer Küstennähe direkt neben einem verschlafenen Fischerdörfchen, in dem der Tourismus langsam aber sicher seinen Einzug zu finden schien.

Besonders gute Riffe und andere Breaks hatte ich in dieser Ecke jedoch nicht vermutet. Erst Praia de Malhao war dick und rot in unsere Karte eingezeichnet. Ein völlig überfüllter Parkplatz an einem der wohl schönsten Strände Alentejos. Wir warteten bis sich der Parkplatz lehrte und mieteten uns für die nächsten Tage direkt an einer Klippenkante ein, die unmittelbar zum Meer führte. Nach drei Tagen war der Pfad bereits einen guten halben Meter ausgetreten, weil ich bei vier Sessions pro Tag, auf und ab, wirklich gute Forstarbeit leistete.

Irgendwann zieht es uns weiter. An neue Orte, die oftmals gar nicht besser sind, aber einfach unbekannt. Besonders durch den für diese Jahreszeit aufziehenden Küstennebel war vor allem meine halbspanische Begleitung heiß auf den südlicheren Teil des Südens. Angekommen in Odeceixe fanden wir einen Stellplatz, der durch einen strandabgrenzenden Fluss abgelegen und idyllisch zum Verweilen einlud. Bei Lowtide konnten wir ihn einfach und kniehoch überqueren. Meine Freundin legte sich in die Sonne und ich machte mich auf in ein Line Up, das durch lauter Nebel völlig uneinsichtig war.

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Draußen angekommen hatte ich jedoch ein paar rechte Schönheiten, die bei Midtide an die fünf Turns zuließen (Kelly Slater = 15). Auf dem Rückweg entschieden wir uns für ein Paar Bier in eine der am Hang gelegenen Bars einzukehren und den Abend zu genießen, bevor wir den Fluss erneut überqueren sollten, um zu unserem Bus zu gelangen. Als wir uns zu späterer Stunde der Wasserkante näherten, erkannten wir jedoch, dass aus Kniehoch mittlerweile Halstief geworden war und wir daraufhin ausgenüchtert am anderen Ufer ankamen. Bereits am nächsten Morgen übermannte uns der Drang weiter zu ziehen und wir überquerten die Grenze zur Algarve.

Erste Stops: Praia de Amoreira und Monte Clerigo. Einer besuchter als der Andere und demnach kein Ort für zwei junge, einsamkeitsverliebte Menschen. Nach einer Nacht auf Monte Clerigo passierten wir die malerische Bucht von Arrifana und erkannten, dass man mit einem ganzen Monat auf dem Zeitkonto eigentlich fast jeden Stein in der Algarve umdrehen kann. Also nahmen wir die Erste rechts nach dem Ortsendeschild: Carrapateira.

Der Praia do Amado ist wohl eines der verschlissenen Juwelen Portugals. Etwas geschützter gegen Nordwind scheint er fast allen Swell anzuziehen, der sich irgendwo zwischen Island und der Biskaya anstaut. Wir fanden etwas weiter nördlich eine abgelegene Klippe, die eine Garantie gegen nächtliche Polizeikontrollen zu sein schien. Nach vier Tagen Crowdsurf suchten wir in der Region um Villa do Bispo die Einsamkeit und fanden diese personifiziert im Praia de Ponta Ruiva. Bis auf spanische Wohnwagen Kolonnen hatte man im Gegensatz zu Carrapateira endlich wieder Niveau im Wasser und einen rechten Beachie bzw. einen linken Point zur Auswahl.

Bild_19An jenem Abend sollte der erste nennenswerte Swell des Spätsommers eintrudeln. Infolgedessen brachte ich meine Bretter zu einem Shaper in Sagres und ließ diese kosmetisch grunderneuern. Am Abend fanden wir jedoch lediglich eine angefangene Flasche Rotwein und einen völlig überforderten portugiesischen Beachbreak vor uns. Ich fragte mich, wie sechs Fuß Swell und 14 Sekunden so unfassbar hässlich aussehen können und entschied im Dunkeln den südlichen Bruder des Pontas ausfindig zu machen. Abseits der Hauptstraßen befährt man somit Wege, die so tiefe Schlaglöcher haben, dass wir fast mit Sitzgeschwindigkeit fahren mussten, um den Unterbau unseres Gefährts am Leben zu lassen.

Beflügelt durch zwei Gläser Rioja und hungrig nach Abenteuern erreichten wir nach fast einer Stunde Fahrt den nur fünf Kilometer südlich gelegenen Praia de Telheiro. Es kostet Unmengen an Sprit, die verborgenen Schätze der Südwestküste Portugals ausfindig zu machen. Dennoch würde es die wohl besten Erfahrungen kosten, wenn man das nicht täte. Umdrehen steht erst gar nicht zur Debatte, also fährt man weiter. In Gewohnter Manier setzten wir das Nudelwasser mal wieder um die Mitternachtszeit auf und kochten uns ein aufwendiges Sternemenü. Bis auf einen Tag, an dem Tonel unverhofft mit Crouch – Barrels rief, verbrachten wir fast einem Woche am letzten Strand vor Cabo de Sáo Vicente. Wellentechnisch hätte dieser Spot ein wahrer Crowd – Magnet sein müssen, jedoch konnten wir den schlechten Straßen und dem massiven Strandabstieg danken, die diesen Spot fast unheimlich leer machten.

Unser Plan bot uns noch ein Paar weitere Tage an, die wir an einem der Strände um Villa de Bispo verbringen wollten. Mittlerweile kannten wir sie alle und fühlten keinen so recht. Nicht einmal Secrets wie Vale de Figuera schienen lukrativ und so entschieden wir uns kompromissbereit für den nächsten Nachbarn: Praia de Cordoama. Als die letzte Wahl betitelte ich somit den Strand, der mir die wohl besten Wellen des gesamten Trips bescherte. Türkises Wasser, das dich mit einem Vorhang von der Außenwelt abzuschneiden scheint, ist die wohl größte Errungenschaft der Natur. Vor allem, wenn du kurz darauf hinausschießt und genügend Wall für vier oder fünf knackige Turns hast, bevor du endorphindurchströmt die Fäuste ballst.

Meine Damen und Herren wir befinden uns nicht auf Sumbawa, sondern direkt vor unserer Haustür; und das Ende August. Von Malaho bis Telheiro ist der Süden Portugals der europäische Garten Eden. Riffe, Beachies, Points und maskuline Slabs bieten ein Repertoire für fast jede Form von Kondition. Staub, unbefestigte Straßen und polizeirestistente Stellplätze mit Meerblick sind dabei nur Rahmenprogram. Vor allem im September neigen sich die Touristenzahlen dem erträglichen und ablandiger Wind ist auch nach einer zu langen Partynacht keine Prämisse für frühes Aufstehen. 2007 war ich das letzte Mal in der Algarve. Damals ein Trip mit einigen Freunden. Unorganisiert, chaotisch und völlig über den Zaun gebrochen. 2013 habe ich daraus gelernt. Mit dem Star unter den fahrenden Campingschlössern machten wir uns auf den Weg. Organisiert, ausgestattet und dennoch genug Raum für Spontanität. Es gab Nähzeug und eine Karte, eine analoge Kamera mit Auslösefehler und eine Packung Pflaster. Das Wetter war gut, das Essen auch.

Konstantin Arnold

 

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