Gut oder schlecht? Zwei Journalisten streiten über ein Buch

Buchcover Carl Hoffman Frauen und Kinder zuerstVor gut einem Jahr hatten wir die folgende Rezension von Rasso Knoller veröffentlicht – eine Kollegin hat sie gelesen und ist anderer Meinung.

Im Anschluss an Knollers Text deswegen heute die Rezension von Barbara Schaefer. Wer trifft eher den Geschmack unserer Leser?

 

 

 

Frauen und Kinder zuerst!

In seinem Buch “Frauen&Kinder zuerst” erzählt der amerikanische Journalist Carl Hoffman von einer Reise um die Welt, bei der er sich die Aufgabe gestellt hat, für jede Strecke das jeweils gefährlichste und unbequemste Verkehrsmittel zu wählen.

Ist schon die Themenstellung an sich sonderbar, wird sie zum richtigen Ärgernis, wenn die Vorgabe nicht eingelöst wird. Denn Hoffman meistert auf seinen Reisen weder Abenteuer, noch erlebt er irgendwelche Katastrophen. So muss er sich darauf beschränken, von früheren Unglücken zu erzählen. Nur weil sich irgendwann auf der Strecke, die er bereist, ein Unglück zugetragen hat, fühlt sich auch Hoffman als Held. Als er mit einer brasilianischen Fluglinie von Porto Alegre nach Sao Paolo fliegt, schreibt er: ”Ich spielte eindeutig mit dem Feuer, das begriff ich auf einmal. Als ich durch die Flughalle voller Menschen lief, hätte ich am liebsten meine Familie umarmt, menschliche Nähe, Trost und Wärme gespürt”.
Als Gefahrenpunkt hat Hoffman auf diesem Flug die gut aussehenden Flugbegleiterinnen ausgemacht: “Die Stewardessen trugen eng anliegende blaue Röcke und exakt sitzende weiße Blusen mit ausladendem Dekolleté und zehn Zentimeter hohen Stöckelschuhen. Der Airbus war lupenrein sauber”. Klar, dass man sich da unsicher fühlen muss. Die Brasilianerinnen seien zwar freundlich, aber im Falle einer Katastrophe sicher überfordert, vermutet Hoffman. Im US-amerikanischen Luftraum können man sich da schon sicherer fühlen. Denn dort seien die Stewardessen griesgrämig,  hätten aber eben “jahrzehntelange Erfahrungen gesammelt.”
Frauen&Kinder zuerst! ist ein ärgerliches Buch. Es ist das Buch eines eitlen Journalisten, der gerne im Mittelpunkt steht, und deswegen alles, was er macht, zu einer Heldentat stilisiert. Hoffman reist ohne jeden Luxus, ist auf einfachstem Niveau unterwegs  – das aber macht jeder Rucksackreisende auch, ohne sich deswegen gleich für Superman zu halten.
Eine Reise um die Welt, wie sie Hoffman unternommen hat, wäre eine hervorragende Gelegenheit gewesen, sich mit den Menschen zu beschäftigen, die einem begegnen. Aber auch diese Gelegenheit nutzt der Autor nicht. Ihn interessieren die Menschen nur, wenn er sie – wie etwa die schönen Brasilianerinnen – als mögliches Gefahrenpotential ausmacht.

Carl Hoffman, Frauen&Kinder Zuerst!, btbVerlag, 14,99 Euro  ´

Und hier die Rezension von Barbara Schaefer

Carl Hoffman, amerikanischer Reporter, der unter anderem für Outside und National Geographic Traveler schreibt, hat eine ungewöhnliche Weltreise unternommen: Einmal um den Globus mit den gefährlichsten Fortbewegungsmitteln der Erde. Er fliegt mit Cubana Airlines, fährt mit den schlechtesten Bussen über die Anden, mit den schrottigsten Fähren über Flüsse, und immer wieder mit Kleinbussen über kaum vorhandene Straßen in Afrika. Herausgekommen ist dabei weit mehr als eine launige Reisereportage, wie es der alberne Titel vermuten lässt, sondern ein kluges Buch übers Reisen. Hoffman ist nicht nur um die Welt gefahren, um etwas über sich zu erfahren, sondern weil er erleben wollte, wie die Millionen von Menschen tagtäglich unterwegs sind, die in keiner Tourismusstatistik auftauchen. Reisen war, so weiß Hoffman, fast immer ein mühsames Unterfangen, das man nur notgedrungen auf sich nahm. Und die Menschen, die in klapprigen Minibussen die „Erde auf dieser kaum wahrgenommenen Hauptschlagader des Massenverkehrs umkreisten“ taten das, weil sie sich kein Flugticket leisten konnten, und es sich auch nicht leisten konnten, nicht zu reisen. Hoffman weiß um die Absurdität darüber, dass es für ihn „etwas Belebendes hat, mit der gefährlichsten Fluggesellschaft der Welt zu fliegen“. Wie er auch weiß, wie seltsam er oft auf seine Mitreisenden wirkt. Er kennt sich aus mit den Rhythmen des Reisens, wie sich das Reisen auf die Psyche auswirkt, das ständige Wegfahren und Heimkommen, die Ruhe im Rastlosen und das Rastlose in der Ruhe. Dennoch beobachtet er vor allem die anderen Reisenden und erst in zweiter Linie sich selbst. Dabei fehlt es nicht an unterhaltsamen Episoden. Einmal, in Kenia, bekommt er nach einer tagelangen Reise einen regelrechten Anfall, er brüllt den boy im Minivan an, er solle ihn sofort herauslassen, und stürmt hinaus „als ob ich zu lange unter der Wasseroberfläche gewesen wäre“. Und gegen Ende der Reise, als er in einem hanebüchen abgerockten 20-Tonner mitfährt, der Propangas nach Ulaanbataar bringt, ohne Heizung, bei minus 40 Grad, auf kaum sichtbarer Straße, – wird ihm langweilig. Er erkennt, Reisen lohnt sich nur, „wenn die Augen frisch waren“. Sobald die Neugier und die Offenheit der Welt gegenüber nachließen, müsse man zum Ausgangspunkt zurückkehren. „Für immer auf Reisen sein konnte man nicht.“ Für immer daheim zu bleiben scheint aber für Carl Hoffman auch keine Lösung zu sein. Im April diesen Jahres war er in Ägypten, im September in Afghanistan.                         

Und jetzt ist Eure Meinung gefragt. Wie gefällt Euch Hoffmanns Buch? Wir sind auf Eure Zuschriften gespannt. 

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