Weltseuchenlage – aktuelle Aspekte

Forum1Pressekonferenz des Centrum für Reisemedizin im Vorfeld des 15. Forums Reisen und Gesundheit im Rahmen der ITB Berlin 2014

Der Begriff „Seuche“ ist nicht definiert. Nach einer renommierten Enzyklopädie handelt es sich um eine „Infektionskrankheit, die infolge ihrer großen Verbreitung und der Schwere des Verlaufs eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt“. Das Reichsseuchengesetz von 1900, das erste dieser Art in unserem Land, nennt hierfür Aussatz, Cholera, Fleckfieber, Gelbfieber, Pest und Pocken. Heute liegen die Schwerpunkte eher bei AIDS, Tuberkulose, Masern, Polio, Grippe oder den viralen hämorrhagischen Fiebern. Im klassischen Altertum (Herodot, Thukydides) war der Begriff weiter gefasst: Das für eine Seuche verwendete Wort „loimos (loimos)“ stand für jegliche Notsituation des gesamten Volkes, was eigentlich angesichts der zunehmenden Bedeutung von Naturkatastrophen, Kriegen und Flüchtlingsbewegungen sinnvoll wäre. Für diesen Beitrag erfolgte eine Auswahl nach aktueller und reisemedizinischer Relevanz, geordnet nach Übertragungswegen.

Unter den arthropodenübertragenen Infektionen hat die Malaria noch immer die größte Bedeutung. Von den jährlich geschätzten 219 Millionen Erkrankungen und 1,2 Million Todesfällen entfallen 81 Prozent auf Afrika. Obwohl die Zahlen in einigen Gebieten zurückgehen, sind noch immer 104 Länder beteiligt, die geografische Verbreitung der Krankheit hat sich in letzter Zeit kaum verändert.

Eine stete Zunahme und Ausdehnung zeigt sich seit einigen Jahrzehnten beim Dengue-Fieber. Die jährlich weltweit geschätzten 50 bis 100 Millionen Fälle rekrutieren sich inzwischen aus über 100 Ländern. Am stärksten betroffen sind derzeit Süd- und Mittelamerika. Der durch tagaktive Aedes-Mücken übertragenen Viruskrankheit kommt daher für die bevorstehende Fußball-WM eine besondere Bedeutung zu.

Das Gelbfieber ist nach wie vor auf die tropischen Gebiete Afrikas und Südamerikas beschränkt. Die Erkrankungszahlen werden jährlich auf 200 000 geschätzt, von denen etwa 30 000 tödlich verlaufen. Das Infektionsrisiko ist in Afrika etwa zehnmal so hoch wie in Amerika. Gegen diese Krankheit gibt es eine zuverlässige Impfung.

Bei den Erregern von Chikungunya und Zika-Fieber handelt es sich um Viren, die ebenfalls von Aedes-Mücken übertragen werden. Beide wurden Mitte des vorigen Jahrhunderts in Ostafrika entdeckt. In den letzten Jahrzehnten haben sie sich zusammen mit ihren Vektoren auf andere tropische und subtropische Gebiete in der Alten Welt ausgebreitet. Seit Dezember vorigen Jahres ist Chikungunya mit Ausbrüchen in der Karibik erstmals in Amerika aufgetreten. Klinisch verlaufen beide Krankheiten mit grippalen Symptomen und Gelenkbeschwerden; Komplikationen sind selten.

Unter den oralen Infektionen liegen die geschätzten Erkrankungszahlen für Cholera pro Jahr weltweit bei drei bis fünf Millionen mit 110 000 Todesfällen. Über 90 Prozent der Fälle rekrutieren sich gewöhnlich aus Afrika. Die früher als „Asiatische Cholera“ bezeichnete Krankheit spielt in Asien seit der Jahrtausendwende zahlenmäßig kaum noch eine Rolle. 2010 ist sie nach einem schweren Erdbeben mit hohen Fallzahlen erneut in Haiti ausgebrochen. Nach weiteren Naturkatastrophen hat sie anschließend auf die Dominikanische Republik und Kuba übergegriffen, im Herbst vorigen Jahres auf Mexiko. Insgesamt sind die Zahlen rückläufig. Für Reisende ist die Cholera kaum relevant; seit 2001 wurden bei uns nur 18 Importe registriert.

Gegen die Poliomyelitis läuft seit 1988 ein Ausrottungsprogramm der WHO, das ursprünglich bis zur Jahrtausendwende abgeschlossen sein sollte und schon mehrfach verlängert werdenmusste. Im letzten Jahr wurden noch 385 Fälle gemeldet, die meisten aus Unruhegebieten wie Pakistan, Afghanistan, Somalia, Syrien und Nordnigeria, wo es immer wieder zu Behinderungen von Impfteams, teilweise mit Entführungen und Todesfällen, kommt. Es bleibt offen, ob das neue Ziel der WHO, die Welt 2018 für poliofrei zu erklären, erreicht wird.

Bei den aerogenen Infektionen haben die Masern derzeit strategisch große Bedeutung. Ihre Ausrottung ist prinzipiell möglich und teilweise auch gelungen, so ist Amerika seit 2002 masernfrei. In der Alten Welt sind sie dagegen noch weit verbreitet, auch in Europa. Hier lag Deutschland im vorigen Jahr mit 1 723 Fällen an vierter Stelle nach Italien, Großbritannien und den Niederlanden. Durch Reisende kommt es immer wieder zu Re-Importen in masernfreie Gebiete, was die Ausrottung erheblich erschwert. Eine Besserung der Situation ist nur durch eine konsequente Impfmoral auf globaler Ebene möglich.

Die Meningokokken sind im sogenannten „Meningitis-Gürtel“ in Afrika weiterhin endemisch. Die Erkrankungszahlen waren im letzten Jahr mit etwa 11 000 gemeldeten Fällen niedriger als in den Jahren zuvor, möglicherweise ein Erfolg der dortigen Impfprogramme. Leider sind die Erreger mit ihren Antigenen so flexibel, dass sie die Impfimmunität unterwandern und dadurch ihre Elimination verhindern können.

Das gilt in noch größerem Maß für die Grippe, wo immer wieder neue genetische Varianten aus menschen- wie tierpathogenen Viren entstehen. In China sind allein im letzten Jahr drei Vogelvirusstämme erstmals beim Menschen aufgetreten, von denen einer, A(H7N9), aktuell zu rasch steigenden Erkrankungszahlen bei Personen mit Geflügelkontakten im Osten des Landes führt. Ein neuer Erreger, das MERS-CoV (Middle East Respiratory Syndrome- CoronaVirus), ist seit 2012 auf der arabischen Halbinsel aufgetreten und hat bis Ende letzten Jahres zu 178 Erkrankungen mit 75 Todesfällen geführt. Ähnlich wie beim SARS-Virus, das die Welt vor zehn Jahren in Atem hielt und mit dem es entfernt verwandt ist, wurde das MERS-CoV durch Flugreisende bisher in fünf Länder verschleppt.

35,3 Millionen Menschen lebten 2012 weltweit mit HIV/AIDS, 1,6 Millionen verstarben daran, 2,3 Millionen infizierten sich neu.

8,7 Millionen erkrankten 2011 an Tuberkulose, 1,4 Millionen verstarben. Diese Zahlen wiederholen sich mit geringen Schwankungen jährlich. Die Kombination der beiden Infektionen erhöht das Risiko bis um einen Faktor 200. Am stärksten betroffen sind die Länder im südlichen und zentralen Afrika. Kleine Erfolge gibt es allenfalls auf lokaler oder regionaler Ebene. Eine etwas bessere Versorgung ärmerer Bevölkerungsschichten mit HIV-Medikamenten relativiert sich durch die rasche Zunahme multiresistenter Stämme bei der Tuberkulose. Die Problematik dieser beiden Erkrankungen ist wohl die größte Herausforderung für die Völkergemeinschaft. Sie ist allein mit medizinischen Mitteln nicht zu lösen und wird uns wohl auf absehbare Zeit erhalten bleiben.

Dr. med. Klaus-J. Volkmer und Professor Dr. med. Tomas Jelinek
CRM Centrum für Reisemedizin, Düsseldorf

 

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