Frankreich: Kunst und Kultur in Charleville-Mézières

 00 Festival Mondial des Marionnettes 2009 02 crédit photo Philippe Mangen

Charleville-Mézières in den Ardennen wird jetzt vom französischen Ministerium für Kultur mit dem begehrten Gütesiegel „Ville d’Art et d’Histoire“, Stadt für Kunst und Geschichte ausgezeichnet. In Deutschland kennt kaum jemand die 50.000-Einwohner-Doppelstadt an der belgischen Grenze. Wir haben uns dort einmal umgeschaut.

Unumgänglich ist der Herzogsplatz „Place Ducale“ im Zentrum von Charleville. Der ist so etwas wie die „gute Stube“ der Stadt, wo alle wichtigen Veranstaltungen vom Volksfest, über Demonstrationen bis zu Militärparaden stattfinden. Vor etwa 400 Jahren war hier noch freies Feld. Erst 1606 kam Herzog Charles de Gonzague auf den Gedanken seine neue Stadt „ex nihilo“, aus dem Nichts, zu gründen. Mit der Realisierung wurde der Architekt Clément Métezeau beauftragt. Jetzt erklärt sich auch unser „déjà vu“- Empfinden. Der Platz ähnelt der „Place des Vosges“ im Pariser Marais-Viertel, da die Architekten der beiden Plätze Brüder waren und sicherlich voneinander abgeguckt haben. 27 sogenannte „Pavillons“ im Stil Heinrich IV. säumen den Platz. Deren Aufbau vereint die Baumaterialien der Ardennen-Region: der rote Backstein wurde in Charleville gebrannt; der gelbe Sandstein, den die Engländer „honey-stone“ nennen, kam über die Maas von den 10 Kilometer flussaufwärts gelegenen Steinbrüchen in Dom-le-Mesnil; der Schiefer für die Dächer stammte aus dem Maastal und wurde ebenfalls per Schiff geliefert. Rund um den Platz befinden sich zahlreiche Bars und Restaurants. Doch bevor wir Charleville gastronomisch erkunden, geht es erst einmal zur Maas hinunter, die sich in mehreren Schleifen durch die Hauptstadt der französischen Ardennen schlängelt.

00 Place Ducale Charleville-Mézières crédit photo CRTCAHier ist in einer alten, prachtvollen Wassermühle aus dem 17. Jahrhundert, ein Museum für die berühmteste Persönlichkeit der Stadt untergebracht: Arthur Rimbaud! Der wurde 1854 geboren und ging als Dichterrebell in die Geschichte ein. Zärtlich ist er mit seinem Geburtsort nicht gerade umgegangen und hat über ihn in seinen Gedichten gelästert. Aber trotz weiter Reisen hat es den Dichter, Abenteurer und Waffenschmuggler immer wieder in seine Heimatstadt zurückgezogen, und seine letzte Ruhestätte findet sich unweit auf dem Friedhof am Ende der „Rue Boutet“. Rimbaud-Fans aus der ganzen Welt huldigen dort ihrem Idol. Am Eingang des Friedhofes gibt es sogar einen speziellen Briefkasten für Briefe an den „unsterblichen“ Poeten. Nicht nur das Museum in der alten Mühle ist Rimbaud gewidmet. Gleich auf der anderen Straßenseite ist dort, wo der Dichter in seiner Jugendzeit wohnte, ist die „Maison des Ailleurs“, das „Haus des Woanders seins“ zu besichtigen. Die Tapeten stammen noch aus dem 19. Jahrhundert, ansonsten wird mit viel technischem Aufwand die Phantasie der Besucher stimuliert. Von diesem Haus hatte Rimbaud einen besonderen Blick auf das Maasufer. Die Hausboote, den 3-Sterne-Campingplatz, der jetzt nur durch eine Fußgängerbrücke vom Stadtzentrum getrennt liegt, gab es bestimmt damals noch nicht.

Wir bewegen uns wieder in die Innenstadt, durch breite, symmetrisch angelegte Straßen. Im 17. Jahrhundert war Charleville ein Modell moderner Stadtplanung und selbst Zar Peter der Große soll sich für Sankt Petersburg von der Ardennenstadt inspirieren lassen haben.

In den Straßen der Stadt herrscht alle zwei Jahre im September großer Trubel. Seit 00 Charleville place Ducale 02 crédit photo Contextes - J. Villadem zweiten Weltkrieg gibt es in Charleville eine Puppenspielertradition, die alle zwei Jahre im „Weltfestival der Puppentheater“ gipfelt. 150.000 Zuschauer kommen dann an zehn Tagen in die Welthauptstadt des Puppenspiels. Und dabei sind die Aufführungen keinesfalls Kindern vorbehalten. Das letzte Festival ist gerade erst vorbei und das nächste wird für September 2015 vorbereitet. Aber ein riesiges Uhrwerk in der Hauswand des Internationalen Marionetteninstituts stellt einen gigantischen Puppenspieler dar. Sein Bauch in Form eines Theaters öffnet sich jede volle Stunde, und eine Szene aus der europäischen Haimonslegende wird aufgeführt.

00 Charleville Grand Marionnettiste crédit photo Greg OxleyFür den Besuch des modernen „Ardennenmuseums“ gleich nebenan, reicht leider die Zeit nicht. Wir wollen schließlich noch einen Eindruck von Mézières bekommen. Die beiden Städte waren baulich bereits zusammengewachsen, als sie 1966 offiziell vereint wurden. Mézières ist der ältere Stadtteil, aus dem 9. Jahrhundert. Hier gibt es noch alte Gräben und Stadtmauern. Aber die größte Sehenswürdigkeit befindet sich in der Basilika „Notre Dame d‘Espérance“. Die Kirche war im zweiten Weltkrieg beschädigt worden, und mehr als 1.000 m² Kirchenfenster wurden von René Dürrbach, einem Freund Picassos, durch moderne Glaskunst ersetzt. Die Lichteffekte, die sich bei Sonnenschein in der Basilika bieten, sind großartig.

Nach so vielen Besichtigungen möchten wir uns ein wenig stärken und steuern zum 00 Charleville Mézières Grand Marionnettiste 03 crédit photo CRTCAMittagessen eine typische „Brasserie“ in der Fußgängerzone an. Welche lokalen Spezialitäten stehen wohl auf der Speisekarte? Die nette Bedienung gerät ins Schwärmen: „ Sie können den echten Ardenner Schinken, der mindestens 270 Tage luftgetrocknet wird probieren, oder aber die elegante Weißwurst aus dem nahen Rethel. Cidre wird in den Vorardennen hergestellt und als Dessert bietet sich ein kugelhupfartiger „Gateau Mollet“ oder ein Zuckerkuchen „Tarte auf Suc‘“ an. Und zum Café empfehle ich „Schiefertäfelchen“ aus Nougat und Schokolade, die den architektonischen Besonderheiten der Stadt nachempfunden sind!“ Wir sind mit der freundlichen Dame einig: Charleville-Mézières verdient sowohl architektonisch als auch gastronomisch das Gütesiegel „Ville d’Art et d’Histoire“.

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