Islay – Hochprozentige Seelentröster im Schottenrock

K1600_Islay, Bild 1Na klar! Wer nach Islay (sprich Eila) kommt, der will trinken. Sich mit sinnlichem Vergnügen dem hochprozentigen Freund hingeben, der hier, in der Abgeschiedenheit einer vom Atlantik umspülten Hebrideninsel, jeden Tag neu geboren wird. Und zwar Fassweise! Whisky. Single Malt. Das Beste vom Besten. Ardbeg, Lagavulin, Bunnahabhain, Laphroaig, Bruichladdich, Caol Ila, Kilchoman, voller Ehrfurcht nennt der Whiskykenner die hochprozentigen Namen, die aus dem Keltischen stammen, und dem Ausländer akustisch alles andere als flüssig über die Lippen gehen. Als Getränk tun sie das allemal. Wie es dem Ritual entspricht, schwenkt der Malz-Freund andächtig die bernsteinfarbene Flüssigkeit, die sich da leicht ölig im Glase rekelt und atmet mit Kennermiene ihr rauchiges, torfiges Bukett ein. Es macht Islay-Whisky erst zu Islay-Whisky. Tropfen für Tropfen lässt er sich ihn auf der Zunge zergehen und stöhnt voller Wohlgefallen: Was für ein charaktervoller Abgang!

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Islay gehört zur Inselkette der Inneren Hebriden. Die eher flache Whiskyschatzinsel, die zu einem guten Drittel von Torfmoor bedeckt ist, misst zirka 40 km in der Länge und 32 km in der Breite. Genug Raum für 3 700 Einwohner, acht Destillerien, sechs Städtchen, 15 000 Rinder, 20 000 Schafe, 30 000 überwinternde Wildgänse und eine uralte, bis heute lebendige Geschichte. Wie ein Leuchtturm ragt aus ihr das 14./15. Jahrhundert hervor. Die hehre Zeit des Inselkönigreichs – „The Lordship oft the Isles“! Der MacDonald-Clan regierte von Islay aus die Äußeren und Inneren Hebriden, Teile Nordirlands und der Highlands. Was von jener Zeit geblieben, kann man in Finlaggan Castle besichtigen. K1600_Bild 10, die Reste von Finlaggan Castle (1)

Die einst so ruhmreiche Burg ist verfallen, und von der Kapelle, in der König MacDonald den Segen Gottes erhielt, stehen nur noch die Grundmauern. Trotzdem lohnt ein Besuch. Allein der herrlichen Lage der Burgruine wegen, die auf einer kleinen Insel inmitten eines malerischen Süßwassersees liegt.

Mit gut 800 Einwohnern ist Bowmore die „Hauptstadt“ von Islay. Auf einer steilen Anhöhe, die Hauptstraße führt direkt darauf zu, steht die Church of Kilarrow und blickt auf das Städtlein herab. Die weiße Kirche, 1767 erbaut, ist ohne Ecken und Kanten. Mit anderen Worten, sie ist vollkommen rund. Der Teufel, der ja bekanntlich den Schnaps erfand, wollte Gott mit Islay-Malt zum Trinken verführen. Als erstes bestach er die Engel. Gestattete ihnen einen Anteil aus den Whiskyfässern, den sogenannten „angel’s share“, der im Laufe der Jahre per Verdunstung aus den Holzfässern entweicht. Dann wollte sich der Herr der Finsternis Gott „gefügig“ machen. Doch der Schöpfer von Himmel und Erden widerstand. Um jede weitere Versuchung zu unterbinden, bauten die frommen Leute von Bowmore ihm die runde Kirche, in der Satan bis heute nicht eine Ecke findet, hinter der er sich verstecken kann.

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Über der Insellandschaft liegt etwas Schwermütiges. Rot und riesig ist die Heide. Sorgsam aufgeschichtet trennen Steinwälle das Land. Schafe grasen entlang der Torfabstiche. Islay hat viele schöne Gesichter. Steilküsten wechseln mit Moorland, Acker- und satte Wiesenflächen bieten seltenen Vogelarten Lebensraum. In der Laggan Bay wartet ein fast menschenleerer, traumhaft schöner Sandstrand (11 km lang) darauf, von Touristen entdeckt zu werden. Der sonnige Herbst 2009 täuscht allerdings ein wenig darüber hinweg, wie unfreundlich sich der Atlantik zuweilen aufführen kann. Gern schickt er der Insel gewaltige Stürme und wahre Regenfluten. Kein Wunder, dass das Wetter ein ewiges Thema der Inselbewohner ist. Ebenso wie der Whisky, den man braucht, um das Wetter zu ertragen.

K1600_Islay, Bild 7Whisky ist der größte Arbeitgeber von Islay. Er gibt den Torfstechern, den Bauern, die die Gerste produzieren, den Lastkraftwagenfahrern, den Fremdenverkehrsführern, den Arbeitern in den Brennereien Lohn und Brot. Übrigens sehen die Destillerien alle gleich aus. Schon von weitem erkennt man die weißgetünchten Gebäude mit den 2 Pagodentürmen in chinesischem Stil. Und doch brennt jede „Whiskybude“ ihr eigenes, unverwechselbares Lebenswasser. Hunderte Aromastoffe hat man in den Islay-Whiskys gefunden. Der Ardbeg ist ein „erdiger Whisky mit einem Anflug süßer Melancholie“ (Werbepoesie), der Bruichladdich blass in der Farbe und eher zart, der Bunnahabhain von malziger Süße. Kein Mensch weiß, wie ein so einfaches Gemisch aus Gerste, Wasser und Hefe (plus reiner Islay-Luft und schottischem Torf) so unterschiedliche Geschmacksrichtungen hervorbringen kann. Eines aber haben alle gemeinsam: Sie sind gesund. In einem alten, sehr weisen Buch steht zu lesen, dass Whisky die Verdauung unterstützt, gegen Gallensteine, Nierengrieß, Schielen, Darmkollern und Lispeln hilft, schlaffe Muskeln und zittrige Hände verhindert, das Herz erfrischt und die Seele leicht macht. Na denn: Auf nach Islay!

Text und Photos Bernd Siegmund

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