Schweiz: Silvesterchlausen

 

Nur im Appenzellerland wird der Beginn des neuen Jahres zwei Mal gefeiert – aus alter Tradition auch mit dem Silvesterchlausen

Um fünf Uhr in der Früh ist die Winternacht im Appenzellerland noch stockdunkel und klirrend kalt. Doch in einigen Wirtshäusern brennt schon Licht, denn hier machen sich die Silvesterchläuse fertig. Jede Gruppe besteht aus fünf bis acht Männern, die Einheimischen sagen dazu Schuppel. Die Männer schlüpfen in Frauenkleider mit weißen Spitzenschürzen oder in bunte Kniebundhosen aus Samt. Baumwollhauben werden gebunden, weiße Handschuhe angezogen, die lächelnde Larve mit der kleinen Blume im Mundwinkel gerichtet. Zum Schluss müssen noch die gewichtigen Kuhglocken, die Rollen und Schellen, geschultert und die riesigen Hüte aufgesetzt werden. Auf diesem Kopfschmuck – groß wie ein Wagenrad – ist ein ganzes bäuerliches Leben en miniature zu sehen. Kleine geschnitzte Figuren sind bei der täglichen Arbeit zu beobachten, manchmal tragen die Männer sogar ganze Almen auf dem Kopf. Der Vorrolli, der Anführer des Schuppel, trägt 13 Glocken vor Brust und Rücken und hat einen solch gewaltigen Kopfschmuck, das er nur noch im Entengang durch die Tür ins Freie kommt. Wenn dann endlich alles gerichtet ist, bricht die Truppe noch bei völliger Dunkelheit im Gänsemarsch auf und macht sich im Laufschritt auf den Weg zum ersten Bauernhof. Für die Chläuse wird es ein langer und anstrengender Tag, denn Masken und Glocken bringen es auf 30 Kilo und der Weg von Hof zu Hof, berauf, bergab durchs Tal und bis hinunter ins Dorf, ist weit.

Ein uralter Brauch

Hier in Urnäsch, einem kleinen Dorf mitten im schweizerischen Appenzellerland, am Fuße des Säntis, gehen die Uhren anders. Denn wenn überall woanders das neue Jahr schon fast zwei Wochen alt ist, wird hier noch einmal Silvester gefeiert und das obendrein noch mit einem einzigartigen Brauch, dem Silvesterchlausen. Die Wurzeln dieses Brauchtums kennt hier niemand mehr, vielleicht stammt es aus dem Mittelalter, vielleicht hat es aber auch einen heidnischen Ursprung. Die Kirche jedenfalls hat das Chlausen nie gerne gesehen. Früher lebten sie hier nach dem julianischen Kalender, doch als irgendwann der Papst, den sie als Protestanten sowieso nicht besonders mochten, den gregorianischen Kalender einführte und sich damit der Beginn des neuen Jahres verschob, feierten sie Silvester kurzerhand zwei Mal: Nach dem neuen Kalender am 31. Dezember, aber auch weiterhin nach dem alten am 13. Januar.

Gesang und Geläut

Auf jedem Hof werden die Chläuse freundlich empfangen, denn es ist eine besondere Ehre, ein Schuppel auf dem Hof zu Gast zu haben. Anfangs werden die Glocken und Schellen zum Klingen gebracht und dann stimmen sie ihr Zäuerli an, einen hohen Männergesang, der weit durchs Tal schallt und noch am ehesten einem Jodler ohne Worte ähnelt. Der Hausherr und seine Familie lauschen andächtig und ergriffen, auch die wenigen Zuschauer können sich der Faszination dieses eigenartigen Gesanges nicht entziehen. Drei Mal wiederholt sich das Schauspiel von Gesang und Geläut, dann wünschen die Chläuse allen mit kräftigem Händedruck ein gutes Neues Jahr. Zum Dank bekommen sie Glühwein, den sie mit einem Strohhalm durch die Maske trinken. Dezent nach Schweizerart wechselt bei dieser Gelegenheit ein Geldschein den Besitzer.

Schöne und wüste Chläuse

Gegen Mittag haben die Chläuse alle Einzelgehöfte besucht und nähern sich dem Dorf. Immer noch sieht man die einzelnen Gruppen von Haus zu Haus ziehen, mittlerweile aber unter den Augen vieler Zuschauer. Die feierliche Stimmung der dunklen, kalten Morgenstunden verwandelt sich immer mehr in ein Volksfest. Nun treffen auch die einzelnen Gruppen zusammen, die schönen Chläuse wetteifern mit den Schö-Wüschten und den Wüsten. Die wüsten Chläuse sind wahrscheinlich die ursprünglichsten und am spektakulärsten anzuschauen. Die Gesichter hinter Furcht einflößenden Masken verborgen, gleichen sie in ihren Umhängen aus Heu, Stroh, Reisig oder Ästen laufenden Bäumen und Büschen. Doch wenn sie ihre Glocken läuten und den melodischen Gesang anstimmen, geht von ihnen die gleiche Faszination aus. Die Schö-Wüschten schließlich sind eine Mischung aus den beiden anderen, bei ihren Kostümen sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Doch alle Kostüme bestehen aus Naturmaterialien, die Gesichter sind hinter Tannenzapfenmasken verborgen, die Umhänge bestehen aus Moos, Flechten oder Rinde. Am Nachmittag verlagert sich das Geschehen dann immer mehr in die Gasthäuser, wo die Schuppel mit den Gästen bis weit nach Mitternacht trinken und feiern und immer mal wieder ein Zäuerli zum Besten geben.

Christian Nowak

 

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