Island: Rauchschwaden und dunkle Burgen am Mückensee

 

Akureyri im Norden der Insel, immerhin schon in Sichtweite des Polarkreises, empfängt uns mit fast sommerlichem Wetter. Was für eine nette Überraschung, denn immerhin ist es schon Anfang Oktober. Die drittgrößte Stadt Islands liegt am Ende eines engen Fjordes, dem Eyjafjördur. Hinter den Häusern der Stadt ragen schneebedeckte Bergketten auf. Eine Landschaft, die mit Norwegens Fjordland verblüffende Ähnlichkeit hat, wenn da nicht die unübersehbaren Spuren des allgegenwärtigen Vulkanismus wären.

Zum Mückensee

Akureyri ist der beste Ausgangspunkt für einen Besuch des Myvatn. Der Mückensee hat seinen Namen verdient, denn selbst im Herbst fallen die schwirrenden Plagegeister über jeden – egal ob Mensch oder Tier – kompromisslos her. Einziger Trost ist, dass sie ihr Revier nur unmittelbar am See haben. Im Myvatn-Gebiet sind auf kleinstem Raum die gegensätzlichsten Landschaften und alle Formen vulkanischer Aktivitäten zu finden. Der nur maximal vier Meter tiefe See ist durch unzählige Inseln, Buchten und Landzungen zergliedert, alles ist mit einem grünen Teppich überzogen. Die Bauernhöfe und die frisch gemähten Wiesen am Ufer zeugen von dem für isländische Verhältnisse fruchtbaren Boden. Auf dem grün und blau schimmernden Wasser tummeln sich Singschwäne und die verschiedensten Entenarten. Selbst die ausgefressenen Lavatürme am Ufer und die über den ganzen See verstreuten, durch Dampfexplosionen entstandenen, kreisrunden Pseudokrater, stören das liebliche Bild der Landschaft nicht.

Eine Mondlandschaft im Farbenrausch

Aber nur wenige Kilometer vom Seeufer entfernt ist es mit der Ruhe vorbei. Plötzlich stehen wir in einer lebensfeindlichen Mondlandschaft. Hier tobt sich der Spaltenvulkan Krafla aus, sorgt für einen der Hot Spots Islands. Seit 1975 versucht man ihn anzuzapfen und seine geothermische Energie zur Stromerzeugung zu nutzen. Aber die Krafla ist unberechenbar. Mal sind es frische Lavaströme, die Probleme bereiten, dann verstopft Magma die Bohrlöcher oder aggressiver Dampf korrodiert die Pipelines. Was den Kraftwerkbetreibern graue Haare wachsen lässt, beschert Besuchern eines der schönsten Solfatarenfelder Islands.

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An den Hängen des intensiv ockerfarbenen Berges Namafjall brodelt und zischt es unaufhörlich. In den metergroßen Schlammtöpfen blubbert die kochend heiße, graue Tonmasse. Bläht sich zu Luftballongröße, zerplatzt, um an anderer Stelle sofort wieder eine neue Blase zu werfen. Überall riecht es nach Schwefel, aus dem durchlöcherten Boden entweicht der Dampf mit scharfem Zischen. Steigt als weiße Rauchsäule meterhoch in die Luft. Der scharfe Atem aus dem Erdinnern erzwingt sich den Weg an die Oberfläche. Unvorstellbar, welche Kräfte unter den Schuhsohlen toben. Eisenoxid und Schwefel färben die Erde in allen nur vorstellbaren Schattierungen von Gelb, Orange, Ocker, Rot und Braun.

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Namarfjall ist eine Kulisse wie aus einem Science-Fiction Film oder Endzeitdrama. Dann geht es zu den schwarzen Burgen von Dimmuborgir. Den weiten Myvatn mit seinen grünen Inseln und Ufern noch im Blickfeld, tauchen wir in ein Labyrinth von pechschwarzen Lavatürmen ein. Hier ist der Vulkanismus schon Vergangenheit. Nichts deutet mehr auf Aktivitäten hin. Zwischen den wild zerklüfteten Türmen hat sich schon wieder Vegetation breit gemacht. Moospolster und arktische Birkenwäldchen setzen Kontraste zur toten Lava. An einem ruhigen Herbsttag mit strahlend blauem Himmel lässt tief stehende Sonne das gelbe Laub der Birken erglühen. Größer könnte der Kontrast zu den infernalischen Solfatarenfeldern am Namarfjall kaum sein.

Christian Nowak

 

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