Neuseeland: Ein Land im Mittelerdefieber

K1024_3-Knoller-Gollumfigur-am-Flughafen-von-Wellington-645x483

Neuseeland ist im Mittelerdefieber. Seit der neuseeländische Regisseur Peter Jackson “Der Herrn der Ringe” verfilmt hat, gehören Gandalf und Frodo zu den berühmtesten Kiwis.

Hobbits, Elfen oder Orks – die Gestalten aus J.R. Tolkien´s Romanen begegnen einem in Neuseeland fast überall. Jetzt, nachdem der erste Teil der Hobbittrilogie ins Kino gekommen ist, erlebt das Mittelerdefieber einen neuen Höhepunkt. Reisen zu den Drehorten der Tolkien-Verfilmungen sind landesweit die touristischen Highlights, und kaum ein Ort, an dem nicht Touren zu den Drehorten der Filme angeboten werden. Ein neuseeländischer Reiseführer, der zu den Schauplätzen der Filmhandlung führt, wurde fast 500.000 Mal verkauft. Und das in einem Land mit lediglich viereinhalb Millionen Einwohnern.   

Fast muss man fürchten, die Neuseeländer würden ihre Identität verlieren Die nationale Fluggesellschaft Air New Zealand hat einen seiner Flieger mit Figuren aus Peter Jacksons Tolkienfilmen verziert und begrüßt die Passagiere mit einem Sicherheitsvideo, in dem die Bewohner von Mittelerde die Hauptrolle spielen. Der Flughafen von Wellington empfängt die Reisenden mit großen Lettern “in der Mitte von Mittelerde“ und eine riesige Gollumfigur schwebt in der Wartehalle über den Passagieren.

Knoller Hobbiton Mühle

Sogar bis ins Museum haben es die Gestalten aus Mittelerde geschafft – im Ta Papa Museum in der Hauptstadt Wellington – dem Nationalmuseum des Landes – warten schon William, Tom und Bert auf die Besucher. Die Trolle aus Mittelerde stehen hier als riesige Figuren im Eingangsbereich.

Einreisestempel nach Mittelerde    

 Mittelerde scheint überall. Als “Der Herr der Ringe” in die Kinos kam, konnten sich die Touristen am Flughafen sogar ganz offiziell – an Stelle des neuseeländischen Einreisestempels – den von Mittelerde in den Pass stempeln lassen. In Wellington haben sich die Weta Workshops zur beliebtesten Sehenswürdigkeit der Hauptstadt gemausert – das Parlamentsgebäude schaut sich dort kaum noch einer an. Weta  hat unter anderem die fantastischen Kostüme entworfen und produziert die in den Tolkien Verfilmungen verwendet werden. Die behaarten Füße für die Hobbit-Mimen mussten sogar am Fließband hergestellt werden – denn der Verschleiß war enorm,an jedem Drehtag lief jeder Darsteller ein Paar durch.Knoller Touristeninfo von Matamata

Die eigentliche Heimat der Hobbits liegt zwei Fahrstunden südlich von Auckland, in  der Nähe des Städtchen Matamata.

In Hobbiton führen Bilbo, Frodo und ihre Freunde ein ruhiges und friedliches Leben. In ihren winzigen Erdwohnungen mit bunten, kreisrunden Eingangstüren und akkurat gepflegten Vorgärten verbringen sie die Zeit vornehmlich  mit Essen, Trinken und dem Rauchen von Pfeifenkraut. So lange jedenfalls bis das Böse auch in ihr geliebtes Auenland vordringt und die Hobbits mithelfen müssen, die Welt zu retten.  Knoller Gartenpflege in Hobbiton

Tolkien hatte nie Neuseeland im Kopf, als er sich die Handlungsorte für seine Bücher  vorstellte – und doch passt die dortige Landschaft  perfekt zu seiner Fantasiewelt.

Peter Jackson muss warten

Die moderne Geschichte von Hobbiton begann im März 1999. Damals landete ein Hubschrauber auf dem Grundstück der Alexanders – einer Farmerfamilie, die wie so viele in Neuseeland mit Schafzucht ihr Geld verdient. Als der Helikopter landete, stiegen Regisseur Peter Jackson und seine Location Scouts aus der Maschine. Sie waren auf der Suche nach Drehorten für die Verfilmung von Tolkiens Monumentalwerk „Der Herr der Ringe“.  Und von oben sah das Anwesen der Alexanders wie der perfekte Wohnort für die Hobbits aus. Doch Jackson musste  warten, bevor er sein Anliegen vorbringen durfte. DieSchafzüchterfamilie saß nämlich vor dem Fernsehapparat und schaute sich ein wichtiges Spiel der „All Blacks“, der neuseeländischen Rugbynationalmannschaft, an. Die Brüder Craig und Russel Alexander sind begeisterte Rugbyfans und wer während eines Spiels an Ihrer Tür klingelt, wird erst nach dem Abpfiff vorgelassen. Auch für Peter Jackson haben die Jungs keine Ausnahme gemacht. Nach Spielende konnte der Regisseur die beiden dann aber doch überreden, ihm das Einverständnis für den Dreh auf der Farm zu geben.

Neuseeland wird zu Mittelerde

So schön das Anwesen der Alexanders auch war, musste die Szenerie doch noch etwas aufgehübscht  werden, bevor sie als Mittelerde auf die Leinwand kommen konnte. Die Behausungen für die Hobbits mussten gebaut, ein paar Bäume „ausgewechselt“ werden – alles, was typisch neuseeländisch ist, war für die Verfilmung der Tolkien-Bücher nicht gefragt – hatte sich doch der Autor beim Schreiben von der Landschaft seiner Heimat England inspirieren lassen..

 Knoller HobbitonDie Eiche beispielsweise, die auf Bilbo Beutlins Erdhaus wächst, wurde an anderer Stelle gefällt, auf einen Tieflader verfrachtet und auf dem Alexandergrundstück neu „gepflanzt“. Da Bäume ohne Wurzeln aber keine Blätter tragen, wurden die aus Plastik in Taiwan produziert und  dann Stück für Stück an den Ästen angebracht. 

Nach Ende der Dreharbeiten schickte der Filmkonzern fleißige Arbeiter an jeden Schauplatz, um das Set in den Originalzustand zurückversetzten. Egal, ob dort die Elfen ihre Pfeil abgeschossen, Gandalf gegen das Böse gekämpft oder die Orks ihre Gräueltaten verübt haben – den Drehorten sieht man all dies nicht mehr an. Selbst wo für den Film eine neue Teerstraße gebaut werden musste, wurde diese nach Abschluss  der Dreharbeiten zerstört, was vorher Wiese war, wurde nachher auch wieder zu Wiese gemacht.   

Eigentlich sollte sogar Hobbiton wieder verschwinden. Und zur Hälfte war das Hobbitdorf auch schon abgebaut, als ein riesiger Landregen die Arbeiten unterbrach. Den Alexanders kam dies sehr  gelegen, denn inzwischen hatten sie das touristische Potential des Filmsets erkannt und versuchten nun, die Filmleute zu überreden, die  Erdlöcher der Hobbits an Ort und Stelle so zu belassen, wie man sie von der Kinoleinwand kennt.

 Knoller Hobbiton Erdloch von Bilbo BeutlinDie amerikanischen Produzenten waren davon zunächst wenig begeistert. Ihre Filme sollten das einzige Zeugnis von Mittelerde bleiben.  Schließlich aber gaben sie dem Drängen der beiden neuseeländischen Bauern nach. Was schon demontiert war, wurde wieder aufgebaut, was noch stand, wurde renoviert. 

Inzwischen hat sich Hobbiton zu einem Pilgerort für Tolkienfans aus der ganzen Welt entwickelt. Hier können sie einen winzigen Blick in die Welt von Mittelerde werfen. Und wer sich konzentriert und die Ohren spitzt, der kann, wenn er unter dem Partybaum am Rand des Dorfes steht, ganz leise hören, wie die kleinen haarigen Männer ihre Trinklieder singen. 

Text und Photos Rasso Knoller

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *