Deutschland: Saarbrücken – „Hauptsach gudd gess“

Städtische Impressionen, Fotograf: Bernd Siegmund

„Wie ich so über die grüne Tiefe hinaussah und der Fluss so still floss, da war die ganze Beschwerlichkeit des Tages vergessen wie ein Traum“, schrieb der Dichterfürst Goethe 1770 angesichts der friedlichen Saar. Doch der Fluss kann auch anders. Eine Kreuzworträtselfrage deutet das an: Nebenfluss der Saar mit 13 Buchstaben? Stadtautobahn. Manchmal ist die Welt so gemacht, dass sogar eine Kreuzworträtselfrage als Lokalkolorit dienen kann.

Es vergeht kaum ein Jahr, in dem die Saar nicht für ein paar Tage ihr Flussbett verlässt, die Stadtautobahn unter Wasser setzt und neugierig die Häuserlandschaft erkundet. Richtig unangenehm wird es für die Saarbrücker ab einem Pegelstand von acht Metern. Dann sind riesige städtische Areale überflutet und in Hunderten von Häusern steigt das Wasser bis in die erste Etage. Und auch für den St. Johanner Markt heißt es „Land unter“. Und der ist immerhin die „gute Stube“ der Stadt.

Der Ludwigsplatz, Fotograf: Bernd Siegmund

Gesäumt von barocken weißen Bürgerhäusern ist dieser Stadtflecken mit seinem berühmten Marktbrunnen (1759) ein Teil der Saarbrücker Identität. Hier schlägt das Herz der Stadt. Auf dem St. Johanner (seit 1978 Fußgängerzone) trifft man sich, amüsiert sich, trinkt das eine oder andere Glas Bier, Wein, Sekt oder Selter, schwätzt miteinander und genießt das Leben. Hippe Modegeschäfte, urige Kneipen, schicke Boutiquen, Cafés und Restaurants reihen sich Haus an Haus. Schon früh am Morgen, wenn sich die letzten Nachtschwärmer mit den Frühaufstehern bei Café au Lait und Croissants treffen, ist der heilige Johann zugange. Tagsüber bevölkern fröhlich gestimmte „Kauf-Menschen“ den Platz. An warmen Sommerabenden hat man Mühe, einen freien Stuhl im weiten Rund zu finden, St. Johanner wird zur Bühne, auf der sich jeder selbst inszeniert. Gegeben wird das immer gleiche Stück, es heißt „Leben und leben lassen“.

Das „Savoir vivre“, die Kunst zu leben, lässt sich hier auf das Angenehmste studieren. Die Nähe zu Frankreich macht sich nicht nur in den Kochtöpfen bemerkbar. Von keiner anderen deutschen Stadt kann man mit der Straßenbahn nach Frankreich reisen. Die Linie 1 braucht genau 30 Minuten, um vom Rathaus in die französische Stadt Saareguemines (Saargemünd) zu fahren. Fünf Euro kostet die Reise ins Ausland. Es gibt zweisprachige Straßenschilder, grenzüberschreitende Ehen, gemeinsame Feste, viele Franzosen arbeiten in Saarbrücken, auf den Speisekarten steht Pâté (in Kruste gebackene Pastete) wie selbstverständlich neben dem Traditionsgericht Dibbelabbes (ein kräftig gebratener Kartoffelauflauf mit viel Lauch, Speck und Zwiebeln). Die heimische Kultur vermischt sich nahtlos mit französischer Leichtigkeit. Heraus kommt jenes undefinierbare Etwas, das als saarländisches Flair beschrieben wird, chemisch gesehen ein Gemisch aus Teilchen verschiedenster Stoffe. Einfach „magnifique“, herrlich. Aber dafür muss man einen Sinn entwickeln.

Saarbrücker Spezialuhr,  Fotograf: Bernd Siegmund

Und das kann man am besten beim Essen. Dieser Tätigkeit gibt sich der Saarbrücker mit all seinen Sinnen hin. Im Gasthaus Zahm am St. Johanner Markt beispielsweise, einer Lokalität, die u. a. mit saarländischer Versuchung lockt, mit Hackfleich gefüllten Klößen (Gefillde) in Speckrahmsoße. Dazu gibt’s ein herzhaftes Sauerkraut. Natürlich kann man im „Zahm“ auch französisch essen. Schnecken in kleinen Pfännchen gratiniert mit Kräuterknoblauchbutter. Wunderbar! Und stets wird beim Essen „geschwätzet“. Erst das gepflegte Gespräch macht aus der reinen Nahrungsaufnahme eine schwelgerische Kulturtat. „Für uns Saarbrücker“, sagt der kenntnisreiche Stadtführer Peter Mögling, „ist Schwätze ein sozialer Akt“. Der Saarbrücker, neugierig, freundlich und weltoffen, schwätzt mit jedem über Gott und die Welt. Und zwar am liebsten auf Saarbrigga Platt. Spätestens hier muss man als Berliner passen.

Und so gewinnt man wenigstens Zeit für einen Mann, der Saarbrücken (178 881 Ew.) wie kein zweiter geprägt hat: Friedrich Joachim Stengel (1694-1787). Kurfürst Wilhelm-Heinrich von Nassau-Saarbrücken hatte den in Zerbst geborenen Barockbaumeister 1735 ins Saarland geholt, um sich eine seinen Ansprüchen genehme Residenzstadt bauen zu lassen. Die barocke Pracht, die damals entstand, prägt Saarbrücken bis heute. Trotz vieler Kriegswunden, die nie mehr heilten.

Schloss Saarbrücken, Fotograf: Bernd Siegmund

Zu bewundern sind u. a. das Schloss (1738-48), das Alte Rathaus (1748-50), die Friedenskirche (1743-46), der Brunnen auf dem St. Johanner Markt, der zum beliebtesten Treffpunkt der Bürger avancierte und natürlich die Ludwigskirche auf dem Ludwigsplatz (1762-1775). Dieses Bauensemble bildet, da sind sich alle Experten einig, den künstlerischen Höhepunkt im Schaffen des Barockbaumeisters Stengel. Der Platz ist so schön und vollendet in seiner Harmonie, dass man ihn sich sofort in Seidenpapier einpacken lassen möchte, um ihn mit nach Berlin zu nehmen. Leider geht das nicht, die Saarbrücker wären zu traurig.

Glockenspiel am Rathaus Saarbrücken, Fotograf: Bernd Siegmund

Ein letztes Wort noch zum Rathaus, hinter dessen Mauern fleißige Beamte am Wohl der Stadt arbeiten. Das kluge Haus, nach Entwürfen von Georg von Hauberisser 1897-1900 erbaut, hat einen 54 m hohen Turm, von dem aus täglich um 15.15 Uhr und 19.19 Uhr ein Glockenspiel ertönt. Befragt, wie diese seltsamen Zeiten zu erklären seien, antwortete ein profunder Kenner der Materie: „Um 15.15 Uhr heißt es für die Beamten: Aufwachen, bald ist Feierabend. Wer um 19.19 Uhr noch das Glockenspiel hört, der weiß, er hat verschlafen.“

Bernd Siegmund

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