USA: In den rauchenden Bergen

Pechschwarze Nacht! Doch dann flammt zwischen Tannen plötzlich ein Licht auf. Kurz darauf ein zweites, ein drittes, ein viertes. Schließlich ein Leuchten und Flackern, als loderten in der Ferne Lagerfeuer. Zuerst nur unkoordiniert, dann als rhythmisches Blinken, das sich wellenartig durch die Nacht bewegt. Bald sind die Zuschauer im Wald der Smoky Mountains umzingelt von schwärmenden Glühwürmchen, einige funkeln grüngelb, andere bläulich, manche surren den Menschen frech um die Köpfe. Der ganze Wald scheint in Bewegung zu sein.

Jedes Jahr während zwei Wochen im Juni schwärmen die seltenen Leuchtkäfer zur Partnersuche aus. In Gruppen von mehreren Dutzend blinken sie gleichzeitig sechsmal hintereinander, dann folgt eine Pause von mehreren Sekunden. Das Phänomen der synchron blinkenden Glühwürmchen wurde vor gut 25 Jahren entdeckt, als ein Anwohner Wissenschaftler hierher führte. Seitdem wollen immer mehr Parkbesucher die Tiere beobachten.

Mit einem ortskundigen Führer lassen sich die „Fireflys“ in einem einsamen Waldabschnitt erleben, doch die meisten fahren im Shuttlebus zu offiziellen Beobachtungsstellen. Der Gästeansturm ist ein alltägliches Bild im Great Smoky Mountains National Park an der Grenze zwischen North Carolina und Tennessee. Seit seiner Einrichtung 1934 entwickelte er sich mit über neun Millionen Gästen jährlich zum meistbesuchten Nationalpark der USA, denn hier kann man neben den faszinierenden Glühwürmchen noch wilde Natur und noch wildere Bären entdecken.

Einsamkeit oder Massenbetrieb

Der Reisende hat die Wahl, zum Beispiel beim Erklimmen des Clingmans Dome, des höchsten Gipfels im Park: Reiht er sich in das Heer der Familien und Reisegruppen, die im rhythmischen „flip-flop“ ihrer Badeschuhe die 200 Meter vom Parkplatz zum Aussichtsturm spazieren. Oder wandert er unter Strapazen über den legendären Appalachian Trail herauf, der über 3500 Kilometer durch 14 Bundesstaaten verläuft.

Beim Ausblick sieht man Grün in allen denkbaren Nuancen: grasgrün, moosgrün, lindgrün, tannengrün, olivgrün. Der Regenwald der Smoky Mountains gehört zu den vielfältigsten des Landes – Wissenschaftler zählten hier mehr Baumarten als in ganz Europa zusammen. Die Gletscher der Eiszeit waren nie bis hierher gelangt, sodass unzählige Tier- und Pflanzenarten die Berge als Rückzugsgebiet nutzten.

Als die ersten Forscher in diese Wildnis eindrangen, gerieten sie in Ekstase angesichts der Fülle bislang unbekannter Arten. Sie verschifften Tausende Ableger von Azaleen, Rhododendren und Magnolien in die englische Heimat, wo sie heute in kaum einem Garten fehlen. Überall in den Smoky Mountains findet man Grotten und Wasserfälle, reißende Flüsse, blühende Wiesen und verwunschene Täler.

Auch Spuren menschlicher Besiedelung gibt es noch, zum Beispiel im Tal von Cades Cove – dem meistbesuchten Ort im meistbesuchten Park des Landes. Trotz der Blechkarawane, die sich täglich über die 17 Kilometer lange Rundstrecke schiebt, erhält man hier einen Eindruck von einem Appalachendorf des 19. Jahrhunderts: Kleine Bauernhöfe mit Scheune, Räucherhaus, Schweinestall und Maisspeicher gruppieren sich um weiß gestrichene Kirchen.

Zurück zur Natur

Mehrere Wassermühlen dienten zum Mahlen von Mais und Sägen von Holz. Überliefert ist ein reges Gemeindeleben, geprägt von harter Arbeit. Die Familien, die hier wohnten, zahlten den Preis für den Erhalt der Berglandschaft – bei der Gründung des Parks vor 75 Jahren mussten sie gehen. Vielleicht eine verspätete Strafe für die Taten ihrer Vorfahren, die einst die hier lebenden Cherokee-Indianer von ihrem Land vertrieben hatten.

Einige Siedler zogen gegen die Enteignung durch alle gerichtlichen Instanzen, andere nahmen das Angebot der Regierung an, noch bis zu ihrem Lebensende zu bleiben. Der größte Teil des Gebietes wurde jedoch Holzfirmen abgekauft. Gerade noch rechtzeitig: Bis zu drei Viertel der Bäume waren 1934 abgeholzt, das Land durchzogenvon Bahnlinien und bedeckt von Sägemühlen und Holzfäller-Camps. Wild lebende Tiere wie die Braunbären waren damals ausgerottet.

„Bären treffe ich auf fast jeder Wanderung“, kann Liz Domingue heute dagegen berichten. Die junge Wanderführerin läuft mit Besuchern zur einzigen bewirtschafteten Berghütte des Parks auf den rund 2000 Meter hohen Mount Leconte. Schon nach einer halben Stunde hat die Gruppe den Pfad für sich alleine: „Die Wanderfreude des durchschnittlichen Parkbesuchers endet allerspätestens nach einer Meile“, sagt Liz.

Der Weg führt durch ein kleines Flusstal, dessen Boden von einem violetten Teppich bedeckt ist: abgefallene Blüten von bis zu vier Meter hohen Rhododendren. Liz stöbert wabbelige Pilzungetüme, kleine Orchideen und mannshohe Farne auf. Immer wieder huschen Eichhörnchen vorbei, und einmal leuchtet es orangefarben von einem schwarzen Stein: ein prächtiger Rotwangen-Waldsalamander.

Berge Blau wie Rauch

Doch das harmonische Bild wird auch durch Flächen mit Baumskeletten unterbrochen, Resultat periodischer Schädlingsattacken: In den 1920er-Jahren vernichtete der asiatische Kastanienrindenkrebs alle Amerikanischen Kastanien, in den 1960ern saugte eine Pflanzenlaus den Frasertannen den Saft aus. Und vor acht Jahren wurde eine weitere Laus entdeckt, die inzwischen alle Hemlocktannen befallen hat.

Kurz vor dem Gipfel ziehen Nebelschwaden über den Weg. Schon die Cherokee-Indianer nannten die Berge „Blau wie Rauch“: Aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit hängt im Sommer meist eine bläuliche Dunstglocke über den Wäldern. Bald darauf kommen wacklige Holzhütten in Sicht – die Mount Leconte Lodge. Ein rustikales Camp ohne Strom und Duschen, aber dafür mit deftigem Bergsteigeressen am prasselnden Kaminfeuer.

„Hier oben lernt man wahre innere Ruhe“, sagt Allyson Virden, die hier für eine Saison beschäftigt ist – fast neun Monate fern der Zivilisation. Einmal im Jahr bringt ein Helikopter Konserven, Kerosin und Baumaterial; frische Wäsche und Gemüse werden von Lamas getragen. Gedanken an einen Kneipenbesuch zum Feierabend oder eine kleine Shopping-Tour kommen bei Alleyson nicht auf: „Der kürzeste Weg ins Tal ist acht Kilometer lang.“

Oliver Gerhard

Info:

Nationalpark: Der Park erstreckt sich über die Bundesstaaten North Carolina und Tennessee. Eingänge befinden sich in Gatlinburg, Townsend und Cherokee. Der Park ist ganzjährig geöffnet, im Winter sind einige Straßen gesperrt. Der Eintritt ist frei. Great Smoky Mountains National Park, 107 Park Headquarters Road, Gatlinburg, TN 37738, Tel. 001-865-436 1200, www.nps.gov/grsm.

Glühwürmchen: Das Phänomen ist über ca. zwei Wochen Mitte Juni zu erleben. Der offizielle Beobachtungspunkt befindet sich am Campingplatz Elkmont. Ein Shuttle bringt Besucher aus Gatlinburg und vom Sugarlands Visitor Center dorthin.

Reisezeit: In den Sommermonaten und während des Indian Summer im September/Oktober sind die Besucherzahlen im Nationalpark am höchsten. Für Highlights wie Cades Cove oder die Strecke zum Clingmans Dome sollte man möglichst den frühen Morgen nutzen.

Unterkunft: LeConte Lodge, rustikal mit Stockbetten, nur für Wanderer erreichbar, Reservierung jährlich ab 1. Oktober für die nächste Saison, www.leconte-lodge.com

Eagles Ridge Resort, Blockhäuser für Selbstversorger in Parknähe, 2740 Florence Drive, Pigeon Forge, TN 37863, 001-865-286 1351, www.eaglesridge.com

Falling Waters Resort, geräumige Yurten an einem See im Wald, 10345 US Hwy. 74 West, Bryson City, NC  28713, Tel. 001-800-451 9972, www.fallingwatersresort.com

Auskunft: Tennessee Tourism, Horstheider Weg 106a, 33613 Bielefeld, Tel. 0521-986 04 15, www.tennessee.de; North Carolina Tourism, www.visitnc.de

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