Spanien: Traditionen auf La Palma

Wo die »Dicke« gerollt wird

Eingebettet in eine riesige Bananenplantage im Nordosten der Insel liegt San Andres direkt am Meer. Palmenbestanden die Piazza mit der strahlend weißen kleinen Pfarrkirche San Andres Apostol aus dem 16. Jahrhundert, kopfsteingepflastert die schmalen Straßen, Bougainvilleen in glühender Farbpracht umgeben die alten Herrenhäuser mit ihren schönen Holzbalkonen. »Für mich das schönste Dorf auf La Palma, mein Lieblingsort«, schwärmt Kaufmann, der seit fünfzehn Jahren auf der Insel lebt. Und ein Ort mit Geschichte. Eine der ältesten Ansiedlungen aus der Zeit, als der Zuckerrohranbau ein wichtiger Wirtschaftszweig war, als der Export des »weißen Goldes« boomte und die Zuckerrohrbarone sich prächtige Häuser bauen ließen. Damals gab es ausgedehnte Zuckerrohrplantagen, Zuckerfabriken und eine ganze Reihe von Rumbrennereien. Doch mit der Zeit verdrängte der Bananenanbau das Zuckerrohr. Heute gibt es unweit von San Andrés nur noch eine Rumfactory, weiß Kaufmann und begleitet uns zur Destillerias Alda. Ein Familienbetrieb, in dem seit vier Generationen der Geist des Handwerks der »ersten Rum-Meister« gepflegt wird. Die direkte Destillation des Zuckerrohrsaftes in dem mehr als siebzig Jahre alten Kupferkessel gibt unserem Rum Ron Aldea seine persönliche Note, verrät Juniorchef Jose Manuel Quevedo Rodriges. 118 Tonnen Zuckerrohr verarbeiten Jose und seine Mitarbeiter jedes Jahr – das ergibt 84.000 Flaschen des köstlichen Destillats, das Dank seiner ausgezeichneten Qualität beliebt ist. Auch verschiedene Likörsorten – so ein Bananen-Coffee oder Kräuterlikör gehören zum Angebot. Krönung für anspruchsvolle Gaumen ist der Ron Aldena Reserve, der zehn Jahre lang in amerikanischen Eichenfässern ruht und erst dann sein weiches, intensives Aroma entwickelt. Interessierte Gäste sind willkommen, an manchen Tagen besuchen uns sogar Reisegruppen, sagt der Brennmeister. Und nach der Verkostung geht dann manche Flasche Ron Aldea im Reisegepäck hinaus in alle Welt, weiß Kaufmann. Vor fünfzehn Jahren hatte der Kulturwissenschaftler auf La Palma seine Magisterarbeit geschrieben, sich in die Insel verliebt und ist geblieben. Als Leiter einer Deutschsprachigen Bibliothek in Puntallana und seiner Tätigkeit als Übersetzer bleibt ihm noch Zeit für das, was er am liebsten tut: Gäste über diese faszinierende Insel zu begleiten.

Eine gute Zigarre braucht Zeit

Nach einem Bummel durch die Inselhauptstadt Santa Cruz und einem Cortado unter dem Blätterdach der von alten Bäumen umstandenen Plaza Espana geht es südwärts weiter. Hinauf nach Brena Alta, wo die Tabak-Finca »el Sitio« zu Hause ist. Ähnlich wie dem Zuckerrohr sei es auch dem Tabak ergangen, erzählt Stefan. Am Anfang des 18. Jahrhunderts erstmals auf La Palma angebaut, liege seine Glanzzeit in der Vergangenheit. Doch die Tradition der handwerklichen Zigarrenherstellung werde in zahlreichen Kleinbetrieben fortgesetzt. Ja, in den letzten Jahren wird sogar wieder verstärkt Tabak angebaut. In der Finca kann man zusehen, wie die begehrten Puros Palmeros entstehen – von der Aussaat des Tabaks bis zur fertigen Zigarre. Seniorchef Antonio Gonzales, der es sich nicht nehmen lässt, Besucher selbst durch die Finca zu führen, ist von Jugend an mit der Tabakverarbeitung vertraut. Seine langjährigen Erfahrungen bringt er ein, um die örtlichen Tabaksorten zu erhalten und zu verbessern. Zwölf Zigarrenmacherinnen und -macher arbeiten in der Werkstatt. Rund zwanzig Minuten dauert es, bis sie mit geübten Händen das Deckblatt zugeschnitten, um den Rohling gerollt, fixiert, den Kopf der Zigarre geformt und sie dann auf die vorgegebene Länge zugeschnitten haben. 600 Zigarren werden so täglich im el Sitio gefertigt. »La Palma ist die einzige Kanareninsel, auf der Zigarren „ hecho a mano“, also handgemacht werden«, sagt Antonio nicht ohne Stolz. Von jeher seien die Puros Palmeros auch außerhalb der Kanaren für ihre hervorragende Qualität geschätzt worden. Sogar Winston Churcill fand sie ebenso gut aber preiswerter als ihre kubanischen Schwestern. Nicht von ungefähr trägt deshalb die dicke Sorte Nr. 1 seinen Namen. Eine Kiste, die mit zehn Stück 200,- Euro kostet, werde besonders gern von Deutschen gekauft, verrät der Seniorchef. Auch er ist ein Fan der »Dicken« und genießt es, bei einem Glas Wein, einem guten Gespräch und einer »Churchill« den Abend zu beschließen. »Eine Zigarre spricht zu dir, man kann sich den ganzen Abend mit ihr unterhalten«, sagt er mit einem Augenzwinkern. Besucher der Finca können sich vor Ort ihre Marke aussuchen, kaufen oder bestellen. Und wissen sich damit in bester Gesellschaft mit dem spanischen König, denn auch der raucht gern mal eine »el Sitio«.

Weinrouten von Bodega zu Bodega

Noch älter als die Geschichte des Tabaks ist die des palmerischen Weins. Schon im 16. Jahrhundert seien die ersten Rebstöcke in Los Llanos de Aridane und der Caldera de Taburiente gepflanzt worden, weiß Stefan Kaufmann. Der Anbau habe sich schnell verbreitet und schon bald waren die edlen Säfte aus La Palma besonders in England, den englischen Kolonien und an den Fürstenhöfen Europas hochgeschätzt. Fast drei Jahrhunderte lang war der Wein die wichtigste Einnahmequelle der Insel. Heute gibt es 18 Anbaugebiete, in denen rund 30 Rebsorten geschützt vor kalten Winden in flachen Mulden tief in der Lavaerde gedeihen. Weinliebhaber nutzen gern die ruta de vino – fünf Weinrouten, die von Bodega zu Bodega führen. Stefan empfiehlt uns das Weinanbaugebiet Las Manchas im Süden der Westküste. Denn seit elf Jahren gibt es in dem beschaulichen Dörfchen ein Museo del Vino. Das liebevoll gestaltete kleine Museum in einem restaurierten historischen Landhaus vermittelt Einblicke in die Weinbautradition auf La Palma. Historische schwarz-weiß Fotos in Bilderrahmen aus Lavagestein erinnern an den Ausbruch des Vulkans San Juan, dessen Lava 1949 dicht an Las Manchas vorbei floss. Auf Schautafeln werden – auch in deutscher Sprache – die Geschichte des Weinbaus, ihre Anbaugebiete und Rebsorten vorgestellt. In dem kleinen Nutzgarten hinter dem Museum kann man die wichtigsten Rebsorten und eine historische Traubenpresse bewundern.

Denominacion de Orige Vinos de La Palma

Und natürlich kann man diese Geschenke Bacchus auch gleich vor Ort probieren: ob Moscatel, Gual, Sabro Verdello oder die Krönung des palmerischen Weins, der trockene oder süße Malvasia, alle tragen das Gütesiegel Denominacion de Orige Vinos de La Palma. Doch das eigentliche Schmuckstück von Las Manchas  ist der Dorfplatz vor dem Museum. Dort verzaubert La Glorietta – ein großes Bodenmosaik aus Tier- und Pflanzenbildern. Mit viel Fantasie und Liebe zum Detail hat der bekannte Künstler Luis Morera aus bunten Fliesensplittern die Inselflora nachgezeichnet. La Glorietta ist ein faszinierender Kosmos aus bunten Steinchen, eine heitere Welt voll Harmonie. Aus Lavagestein sind Skulpturen, eine Bühne und Bänke entstanden, die im Schatten von Hibiskus und Bougainvilleen zum Schauen, Verweilen und Träumen einladen. Und über schwarze Lavafelder geht der Blick hinaus auf Meer.

Christel Seiffert

Infos:

Spanisches Fremdenverkehrsamt, Kurfürstendamm 63,10707 Berlin, Tel. 030/882 65 43, Fax: 882 66 61, E-Mail: Berlin@tourspain.es, Internet: www.fincatabaqueraelsitio.com,

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