Schweiz: Auf Bärenpirsch in den Alpen

Im Schweizerischen Nationalpark sind wieder Luchse, Bartgeier und Braunbären heimisch – darunter Verwandte des berühmt-berüchtigten „Problem-Bären“ Bruno.

EmJay war unartig. Dieser Kerl hat keine Manieren! Vor allem, wenn ihm der Duft seiner Leibspeise in die Nase steigt: frischer Honig. Dann können auch verschlossene Fenster und Türen den Jungbären nicht zurückhalten. „Da möchte ich nicht dabei gewesen sein“, sagt der erzürnte Imker beim Anblick seines zerstörten Bienenhauses: die Scheiben zerbrochen, Holzbohlen zerfetzt, Türen aus den Angeln gerissen. Rund um den Schweizerischen Nationalpark im Engadin ist dieser Anblick keine Seltenheit mehr: Seit einigen Jahren ziehen wieder Braunbären durch den östlichsten Winkel des Landes. Sie stammen aus dem italienischen Trentino, wo die letzten Alpenbären überlebt haben – verstärkt durch ausgesetzte Tiere aus Slowenien, die den Bestand sichern sollen. Inzwischen wächst die Population und Jungtiere wandern ab, um sich ein eigenes Revier zu suchen.

Brotzeit mit Murmeltieren

„Dabei kommen bei manchen Urängste hoch“, sagt Nationalparkchef Prof. Dr. Heinrich Haller. „Die Leute fragen, warum wir jetzt wieder Bären brauchen, die wir doch eigentlich ausgerottet hatten.“ Im Jahr 1904 hatten Jäger den letzten Bären der Schweiz erlegt. Auch dieses Jahr erwarten die Ranger im Schweizerischen Nationalpark wieder pelzigen Besuch. Der 1914 gegründete, einzige Nationalpark der Schweiz ist ideal zur Tierbeobachtung: Rothirsche, Gämsen, Steinböcke, Adler und Murmeltiere lassen sich in der Hochgebirgsregion ungestört erleben. Mehrere Bartgeier-Paare brüten wieder rund um den Park. Seit einigen Jahren werden auch Luchse gesichtet, und im vorletzten Winter hinterließen Wölfe zum ersten Mal ihre Spuren. Sitz des Parks ist Zernez, auf den ersten Blick ein typisches Alpendorf, mit Bauernhöfen und weidenden Kühen, geraniengeschmückten Hotels und einer kleinen Kirche mit Spitzturm. Inmitten des Idylls fällt ein Fremdkörper ins Auge: zwei ineinander verschmolzene Würfel aus Beton, mit breiten, symmetrischen Fenstern und einem flachen Dach: das neue Besucherzentrum. Hier kann man sich einer geführten Wanderung anschließen oder ein Tagesprogramm maßschneidern lassen: Zum Frühstück einen Blick auf weidende Gämsen, zur Brotzeit eine Alm mit Murmeltieren, und später einen Bären.

Mutprobe Ameisenhaufen

„Gämsen und Murmeltiere sind kein Problem“, sagt Exkursionsleiter Peter Roth zu Beginn der Tour auf einem alten Saumpfad zur Alp Grimmels. „Einen Bären kann ich Ihnen aber nicht versprechen.“ Eigentlich könnte der ehemalige Parkranger seinen Ruhestand genießen. Stattdessen stapft Roth immer noch hin und wieder mit schmauchender Pfeife an der Seite von Besuchern durchs Gelände. Wo Städter zunächst nur Bäume und Berge sehen, entdeckt der Experte unzählige Spuren von Mensch und Tier: Er fokussiert sein Fernglas auf Schmelzöfen aus dem Mittelalter und Geschützstellungen des letzten Krieges, erklärt die wechselseitige Abhängigkeit zwischen dem Tannenhäher und den Zirbeln und pirscht vorsichtig an die scheuen Gämsen heran. Nach einer Weile können seine Zuhörer die Losung der Waldbewohner unterscheiden: Hell und rund? Ein Schneehase! Groß und dunkel? Ein Rothirsch! Klein und bröckelig? Eine Gams! Erst als es darum geht, die Hand in einen wuselnden Ameisenhaufen zu legen, um dann an der Ameisensäure zu schnuppern, geben einige auf.

Bruno und seine Familie

Roth war auch Zeuge, als 2005 der erste Braunbär auftauchte – mit Hunderten von Fans im Gefolge, die zum Public-Bären-Viewing anrückten. Sie tauften das Tier Lumpaz, Lausbub. Für die Wissenschafter war der Bär nur „JJ2“, englisch JayJay ausgesprochen. Die Initialen stehen für die Namen der Elterntiere Joze und Jurka. Doch Lumpaz verschwand noch im gleichen Jahr spurlos, vermutlich ein Opfer von Wilderern. Im folgenden Jahr nahm auch sein Bruder JayJay 1 ein unrühmliches Ende: Er ging als Problembär Bruno in die Geschichte ein – 2006 wurde er in Bayern erlegt. „Jurka hat Schuld“ hieß es danach: Die Bärenmutter war auf Nahrungssuche immer wieder in Ortschaften eingedrungen und hatte dieses Verhalten auch ihrem Nachwuchs beigebracht.

Die Alp Grimmels

Nach einer Stunde ist die Alp Grimmels erreicht. Schrill pfeifen die Murmeltiere zur Warnung und tauchen in ihre Höhlen ab. Die Wandergruppe lässt den Blick über das Postkarten-Panorama schweifen. „Die Entwicklung der Natur ohne menschliche Einflüsse nehmen wir hier besonders ernst“, sagt Roth. Für den Besucher bedeutet dies: keine Zelte, keine Hunde, keinen Lärm, kein Verlassen der Wege. Durch die strengen Regeln gibt es noch Täler, die seit Jahrzehnten von keinem Menschen betreten wurden. Nach dem Picknick folgt der Abstieg. Der letzte Winter sei besonders hart gewesen, erklärt Roth angesichts der verbliebenen Schneefelder am Wegesrand. Die aufmerksamen Blicke der Wanderer nach Bärenspuren bleiben heute jedoch vergeblich. „Das Engadin hat sich inzwischen gegen durchziehende Bären gewappnet“, sagt der Wanderführer: mit bärensicheren Mülleimern, besonders wehrhaften Hütehunden und Elektrozäunen für Bienenhäuser.

© Oliver Gerhard

Infos:

Anreise: Swiss Air fliegt von zahlreichen deutschen Städten nach Zürich (www.swiss.com). Weiter mit der Bahn nach Landquart. Von dort mit Rhätischer Bahn und Postauto bis nach Zernez. Die meisten Ausgangspunkte der Wanderungen sind mit dem Postbus erreichbar.

Hotels/Restaurants: Hotel Parc Naziunal, historischer Gasthof mitten im Nationalpark, Restaurant mit Wildgerichten und Bündner Küche, am Ofenpass, Zernez, Tel. 0041-81-856 12 26, www.ilfuorn.ch.

Hotel Bär & Post, familiäres Traditionshaus im Zentrum von Zernez, Restaurant mit internationaler und regionaler Küche, Tel. 0041-81-851 55 00, www.baer-post.ch.

Hotel Crusch Alba, frisch renovierte Zimmer in einem Haus aus dem 15. Jahrhundert, Restaurant mit Bündner Spezialitäten in historischen Räumen, Sta. Maria im Münstertal, Tel. 0041-81-858 51 06, www.hotel-cruschalba.ch.

Auskunft: Schweiz Tourismus, Rossmarkt 23, 60311 Frankfurt, Tel. 00800-100 200 30 (kostenlos), www.myswitzerland.com.

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