Frankreich: Unbekannte architektonische Visionen

vue aérienne

Fast andächtig nähere ich mich der Königlichen Saline von Arc-et-Senans in der französischen Region Franche-Comté nahe der Schweizer Grenze. Das Ensemble, das heute zum Weltkulturerbe zählt, beeindruckt durch rationale Linienführung und erhabene Größe. Durch einen monumentalen Portalbau, mit einem von massiven Säulen getragenen Architrav mit glattem Schaft und dorischen Kapitellen, die von der griechischen Antike inspiriert sind, gelange ich in das Innere der Anlage.

Hier wurden Visionen Realität. Die Königliche Saline von Arc-et-Senans wurde im 18. Jahrhundert vom berühmten Architekten Claude Nicolas Ledoux unter Ludwig XV. gebaut. Schon im Mittelalter wurde im zwanzig Kilometer entfernten Salins, Salz aus salzhaltigen Quellen gewonnen. Da jedoch viel Brennstoff zum Verdampfen des Wassers nötig war, entschloss man sich das Wasser auf Reisen zu schicken, und eine neue Saline in der Nähe immenser Holzvorkommen zu bauen: Elf Gebäude in einem perfekten Halbkreis. Mit Siedewerken, Haus des Direktors und Verwaltungs- und Salzsteuergebäuden.

Maison du directeur

Ich halte mich links und werde sofort von einer spannenden Ausstellung im Böttcherhaus angezogen: Modelle des Architekten Claude Nicolas Ledoux, die zu seinen Lebzeiten verwirklicht wurden: Herrenhäuser, Theater, das letztendlich bewilligte Projekt der Saline. Im zweiten Flügel, die von Ledoux erträumten Projekte, wie sie in seiner 1804 erschienenen Abhandlung der Architektur dargestellt werden, nachdem er der Guillotine, nicht aber dem Gefängnis von 1793 bis 1795 entkommen war. Die Modelle zeigen traumhafte oder utopische Projekte, die Idee einer »idealen Stadt«. Diese sprudelnde Vorstellungskraft ist die eines Mannes, der nicht mehr den Druck der zu realisierenden Bauten oder der zu erfüllenden Aufträge hat, und der der Nachwelt alle Facetten seines schöpferischen Geistes vermachen will.

Ein paar Schritte weiter symbolisiert ein Okulusfenster im monumentalen Haus des Direktors, die Allwissenheit und Macht der Obrigkeit. Wohnungen des Direktors und des Finanzverwalters; im Erdgeschoss Versammlungsräume, Verwaltung, Gerichts- und Bankwesen. Die Hausangestellten wohnten in der obersten Etage. Die wuchtige Treppe, die die Form eines Schiffes annimmt und die Mitte des Gebäudes einnimmt, führte zu einer Kapelle wo sonntags die Messe vor der gesamten Belegschaft gefeiert wurde. Der Gottesdienst spiegelte das soziale Organisationssystem der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts wieder. Heute informiert hier eine fesselnde Ausstellung über die Gewinnung, Bedeutung und den Gebrauch von Salz. Jetzt erst wird mir klar, was Salz mit Käse zu tun hat. Jetzt erst wird mir der enorme Wert des Salzes bewusst. Erst jetzt verstehe ich, warum es eine Salzsteuer gab und warum die ganze Anlage von einer hohen Mauer umgeben ist.

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Die beiden ehemaligen Siedewerke haben mit 1.890 und 1.100 m², beeindruckende Dimensionen. Heutzutage finden hier Wechselausstellungen, Aufführungen oder aber Seminare und Tagungen statt.

Auch die ehemaligen Gemüsegärten der Salzarbeiter innerhalb der Anlage sind sehenswert: Gartenfestivals lassen die Besucher durch Blumen- und Pflanzenwelten schreiten, die von 300 Gärtnern aus Burgund und der Franche-Comté angelegt werden.

Nun ins nahe gelegene Restaurant. Wer jetzt eine »gesalzene Rechnung« für ausgezeichnete französische Küche erwartet, der war noch nicht in der Franche-Comté.

Jörg Hartwig

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