Italien: Stille Stunden abseits vom Touristenrummel in Venedig

Venedig, Canal Grande

Venedig, Canal Grande

Düstere Gassen, geheimnisvolle Gestalten, imposante Villen mit morbidem Charme – was haben wir nicht alles für Bilder  im Kopf, als wir zum ersten Mal nach Venedig fahren? Leinwandklassiker und Literarisches: „Tod in Venedig“ natürlich. Und „Wenn die Gondeln Trauer tragen“.

Und dann stehen wir da. Auf dem Piazzale Roma – dem Busparkplatz und Ausgangspunkt für nicht enden wollende Touristenströme, die sich von hier aus ins Herz der Lagunenstadt zwängen, zu den Hauptattraktionen Rialto-Brücke, Markusplatz und Dogenpalast. Die Reiseleiterin schwört auf ihren karierten Regenschirm: „Diesem bitte immer folgen!“ Damit sich niemand im Labyrinth der Lagunenstadt verrennt.

In der Karo-Schirm-Gruppe schieben wir uns an unzähligen Menschenansammlungen vorbei, während vorn das ganze Informationsprogramm läuft. Kurz hinter Rialto beschließen wir, uns aus dem Staub zu machen. Abzutauchen, weg von den Menschenmassen. Weg vom Karo-Schirm. Ein paar Mal biegen wir um die Ecke, laufen treppauf, treppab über ein paar Brücken und finden eine ganz andere Stadt. Stille Gassen, in denen Schritte lange nachhallen. In denen man manchmal nichts weiter hört als das Glucksen des Wassers, das gegen die Häuser schwappt.

Venedig, Canal Grande

Venedig, Canal Grande

Immer tiefer tauchen wir ein in das Gewirr der Gassen und Kanäle. Ohne Zeitplan und Ziel bestaunen wir pittoreske Winkel und Steinbrücken mit zierlichen Geländern; Fassaden, von denen hier und da der Putz bröckelt, mit liebevoll arrangierten Geranientöpfen davor; Fensterbretter, auf denen Katzen dösen; efeuberankte Balkone und Dachterrassen, auf denen üppiger Oleander blühte. Wer sich einlässt auf das fantastische Labyrinth findet sie von ganz allein, die kleinen Plätze, auf denen sich abseits vom Touristenrummel venezianisches Alltagsleben abspielt. Etwa den Campo Santa Margherita, an Vormittagen wird hier ein kleiner Fisch- und Gemüsemarkt abgehalten, nachmittags treffen sich hier junge Mütter in den Cafés, und abends stellt sich die Studentenszene ein. Oder Campo San Stefano, wo der Schriftsteller Niccolo Tommaseo vom Sockel blickt. Unter den Augen dieses berühmten Kämpfers gegen die Fremdherrschaft der Österreicher speisen die Venezianer gern mal in der Eisdiele Paolin.

Zweitgrößter Platz der Stadt – nach dem Markusplatz – ist der Campo San Polo, wo man auf einer Bank unter Bäumen oder beim Espresso in einem der Cafés verschnaufen kann. Campo San Luca ist für eine Kuchenpause ideal – weil dort die Konditorei Rosa Salva mit vorzüglichen dolci beglückt. Tizian, Tiepolo – in den venezianischen Gotteshäusern ist ganz große Kunst zu Hause. Früher oder später führt der Bummel durch die Gassen von Venedig immer zum Canal Grande, wo die Linienboote verkehren. Mit der Linie 1 geht’s auf der zentralen Wasserstraße vorbei an den imposantesten Palazzi der Stadt. Palazzo Gritti, Palazzo Grassi, weiter durch die Rialto-Brücke, wo in vergangenen Jahrhunderten das Geschäftsleben pulsierte. Auch deutsche Kaufleute hatten hier ihre Handelsniederlassung. Richtung Bahnhof rechter Hand das Ca‘ d’Oro – filigranes Mauerwerk ziert die Fassade. Der Palazzo, das „Goldene Haus“, gilt als der schönste der Stadt.

Blick über Venedig

 

Am Bahnhof steigen wir um – in die Linie 41 und machen noch eine Stadtrundfahrt im Vaporetto. Diesmal tuckert das Boot außen um dieses seltsam schöne, auf Millionen von Holzpfählen errichtete Gebilde herum, zur Glasbläser-Insel Murano und zurück. Wie eine Traumwelt liegt die Lagunenstadt da im blauen Abendlicht. Und als wir an der Station San Zaccaria aussteigen und unten im rosafarbenen Schein der Straßenlaternen am Kanalufer entlang schlendern, ist Venedig Kulisse für Romantiker und Verliebte aus aller Welt.

Venedig, Murano

Glasskulptur auf Murano

Ein paar Minuten später erreichen wir den Markusplatz. Kirche, Campanile, Arkadengänge. Ohne Menschenmassen. Ohne Karo-Schirme. Jetzt ist es Zeit für einen Cappuccino im „Caffè Florian“ oder einen Drink in „Harry’s Bar“. Als gewöhnlicher Abschluß einer außergewöhnlichen Venedig-Tour.

Susanne Kiliman

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