Usbekistan: Unterwegs auf der Seidenstraße und den Spuren Marco Polos

 

Als der venezianische Kaufmann Marco Polo 1271 nach China aufbrach, lagen mehr als drei mühselige Reisejahre vor ihm, bis er den Hof des Kublai Khan in der Nähe von Peking erreichte. Nach seiner Rückkehr schrieb er den ersten Reiseführer, der sofort zum Bestseller wurde. Unfassbar waren seine Erlebnisse für das mittelalterliche Europa, sagenhafte Schätze und gigantische Städte hatte er unterwegs gesehen. Durch ihn gelangte die 7000 Kilometer lange Seidenstraße, die uralte, abenteuerliche Verbindung zwischen Orient und Okzident erstmals ins Bewusstsein der Europäer.

Heute sind es nur noch rund sechs Flugstunden von Frankfurt nach Taschkent, der Hauptstadt Usbekistans, das noch lange nach Marco Polo zu den sagenumwobensten Ländern Asiens gehörte. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR wurden die ehemalige Sowjetrepublik Usbekistan und auch die Nachbarrepubliken in die Freiheit entlassen, seitdem verbessern sich die Reisemöglichkeiten zwar langsam aber doch spürbar.

Inmitten der Wüstengebiete Zentralasiens grenzt das Land im Norden an Kasachstan, im Süden an Turkmenistan und Afghanistan. Im Osten trennt Usbekistan ein kompliziertes Grenzsystem von Tadschikistan und Kirgisistan. Das weckt Assoziationen an galoppierende Reiterhorden und Mongolenfürsten wie Dschingis Khan, die in einer Staubwolke durch die unendliche Steppe jagen. An Geschichten und Legenden aus 1001 Nacht, an Namen, die auf der Zunge zergehen und die Neugierde wecken – hier also liegen das sagenhafte Samarkand, Buchara, Chiwa und Kashgar.

Noch liegt ein Großteil des touristischen Potential des Landes brach, bei geschätzten 4000 Architekturdenkmälern ist so manches Kleinod noch unentdeckt. Doch schon jetzt zählen einige der usbekischen Sehenswürdigkeiten wie die Altstädte von Samarkand, Buchara oder Chiwa zum Weltkulturerbe.

Sozialistisches Architekturmuseum Taschkent

Am 26.4.1966 und in den Tagen danach erschütterten mehr als 1000 Erdstöße die usbekische Hauptstadt Taschkent und legten große Teile der Stadt in Schutt und Asche. Diese Verwüstungen bedeuteten das unwiderrufliche Ende der orientalischen, türkisch geprägten Altstadt mit ihren verschachtelten Lehmhäusern. Denn in den Jahren nach dem Beben wurden das Stadtzentrum und ganze Satellitenstädte nach sowjetischem Vorbild komplett neu aufgebaut.

Noch heute wirkt die zwei Millionen Stadt Taschkent deshalb wie ein riesiges sozialistisches Architekturmuseum. Langweilige, phantasielose Plattenbauten säumen schnurgerade, sechs- und achtspurige Strassen. Nur noch wenige Baudenkmäler aus dem islamisch geprägten Mittelalter verstecken sich zwischen den Betonbauten der Sowjet-Ära. Die meisten Straßen sind überdimensioniert, die paar alten Ladas und winzigen Daewoos rollen reichlich verloren über die breiten Asphaltbänder.

Wohl jede andere Millionenstadt wäre froh über so viel Platz und die gemütliche Rushhour. Auffallend sauber und grün präsentiert sich das Zentrum, Alleen spenden Schatten, ein Segen in der unerträglichen Sommerhitze, und unzählige Springbrunnen plätschern in den Parks. Sozialistisch modern auch der riesige Platz der Völkerfreundschaft, mit Marmorpalast, gewaltigen Heldendenkmälern und dem einer Moschee mit blauer Kuppel nachempfundenen Parlament. Intimer der Theaterplatz, mit dem kleinen Freiluftcafé, den Buchhändlern und dem obligatorischen Springbrunnen.

Das alte Taschkent

Wer das alte Taschkent sucht, muss schon genauer hinschauen. Aber es gibt sie noch, die Altstadt mit ihren engen Gassen und den flachen Häusern aus Lehm. Ärmlich sehen die fensterlosen Behausungen aus, doch hinter den hohen Mauern verbergen sich oft geräumige, schattige Innenhöfe. Vom Erdbeben verschont blieben auch einige Kleinodien wie die Medrese Barak Khan und das kleine Mausoleum Kaffal Schaschi aus dem 16. Jahrhundert. Nur ein paar Schritte weiter der orientalische Basar, der aus allen Nähten platzt. Selbst die riesige runde Halle mit der blauen Kuppel ist viel zu klein für die unglaubliche Warenfülle. Hier wird alles bergeweise angeboten: getrocknete Aprikosen, Nüsse, Rosinen, Obst, Gemüse, Gewürze, kleine scharfe Schafskäsekügelchen. Usbeken, Tadschiken, Kirgisen, Turkmenen und Russen sorgen für ein unauflösbares Menschenknäuel.

Buchara: Minarette, Moscheen und Medresen

Der erste Eindruck von Buchara gleicht dem von Taschkent, doch sobald man sich innerhalb der alten Stadtmauer befindet, hat die Stadt mehr als nur trostlose sozialistische Einheitsarchitektur zu bieten. Buchara war über Jahrhunderte ein für Ungläubige gefährlicher Platz, doch die wenigen Abenteurer, Kaufleute, Künstler und Geschichtsschreiber, die lebend nach Europa zurück kamen, waren tief beeindruckt und gaben der Stadt den Beinamen Die Edle. Zumindest der Altstadt Bucharas hat die jüngere Geschichte nicht viel anhaben können. Über dem lehmfarbenen Gewirr aus verschachtelten Häusern und Basaren erheben sich schlanke Minarette, leuchten die Kuppeln der Moscheen in kräftigem Blau und die riesigen, mit Fayencen verzierten Portale der Medresen.

Wie in einem Geschichtsbuch reiht sich eine Epoche an die andere. 1000 Jahre hat das Mausoleum der Samaniden überdauert, wurde selbst von den alles zerstörenden Horden des Dschingis Kahn verschont, vielleicht um der Nachwelt zu zeigen, welch kunstvolles Bauwerk man aus schlichten, ungebrannten Lehmziegeln errichten kann. Die ungemein plastische Fassade besteht aus perfekten Rauten, Bögen und Durchblicken, filigran, fast wie Flechtwerk wirken die Außenwände des Würfels, und bestehen doch nur aus Lehm.

Die Festung in der Stadt

Auf einem Hügel inmitten der Stadt thront der Ark, eine mächtige Festung, einst Regierungssitz und Palast der Herrscher Bucharas. Über eine Rampe und einen kurzen Tunnel betritt man den Ark, passiert das Spalier der Souvenirhändler. Hier haben die Emire Aufmüpfige und unerwünschte Fremde eingekerkert und zum Tode verurteilt. Auch das weithin sichtbare Wahrzeichen Bucharas, das fast 50 Meter hohe Kalan Minarett, wurde vielen zum Verhängnis. Der wunderbar schlanke Turm diente den Muezzins als Sprachrohr, wies den Karawanen schon von Ferne den Weg in die Stadt, von seiner Spitze wurden aber auch zum Tode Verurteilte in die Tiefe gestürzt. Zwei Dollar extra verlangt der junge Bursche am Fuße der Treppe als Eintritt, lässt nicht mit sich handeln, weiß, dass der Blick von oben auf die Moschee Kalan, die genau gegenüber liegende Medrese Mir-e Arab und das Gewirr der Altstadthäuser den Preis wert ist.

Für Buchara sollte man sich viel Zeit nehmen. Mit Muße durch die Gassen schlendern, staunend die historischen Bauwerke zählen, das Kunsthandwerk in den überkuppelten Basaren bestaunen, die goldenen Samoware, die sonderbaren Pelikanscheren, die klassischen Bucharateppiche und natürlich die wunderbar luftige Seide durch die Finger gleiten lassen. Irgendwann kommt man dann zum Lab-e Haus, dem schönsten Platz im alten Buchara. Jetzt ist man wirklich im Orient angekommen, darf bei grünem Tee und frisch gegrillten Schaschlikspießen unter uralten Maulbeerbäumen auf den eigentümlichen Sitzbetten von 1001 Nacht träumen.

Samarkand: Goldene Vergangenheit am Registan

Im Mittelalter waren die Kamelkarawanen fünf bis sechs Tage von Buchara nach Samarkand unterwegs. Heute legt man die knapp 300 Kilometer in fünf bis sechs Stunden auf einem zwar holprigen, aber gut befahrbaren Asphaltband zurück. Das ist also die legendäre Seidenstraße auf der früher Kaufleute und Pilger, Heilsbringer und Glücksritter ihre Waren transportierten. Stundenlang das gleiche Bild beim Blick aus dem Autofenster: Soweit das Auge reicht, nur plattes Land, fast vegetationslose Steppe ohne Reiz. Weiße, salzige Flecken auf dem geschundenen Boden offenbaren die Härte des Lebens. Hier wehrt sich die Natur trotz künstlicher Bewässerung hartnäckig gegen grüne Oasen. Trostlose Fabriken, namenlose Dörfer inmitten des Nichts, die Weite Zentralasien wird nirgendwo spürbarer.

Dann endlich die ersten Häuser von Samarkand. Ein Name der auf der Zunge zergeht, das Ziel aller Träume. Eine der ältesten Städte der Welt. Wen hat dieser Name nicht schon zum Fabulieren und Schwärmen gebracht. Mit schmückenden Attributen und Superlativen überhäuft, als „schönste Stadt des Mittelalters“ oder „goldene Stadt“ wurde sie während ihrer Blütezeit gelobt. Hier gabelte sich die Seidenstraße, war einer der wichtigsten Dreh- und Angelpunkte der Karawanenwege. Heute ist der erste Eindruck eher enttäuschend, denn auch im Paradies des Ostens haben 70 Jahre Sozialismus tiefe Spuren hinterlassen.

Erst der Registan Platz im Abendlicht lässt Bewunderung und Staunen aufkommen. Die drei rechtwinklig angeordneten Medresen Ulughbek, Tella-Kari und Schir-dar lassen Menschen auf dem zentralen Platz zu Ameisen schrumpfen. Gewaltige Portale, flankiert von schlanken Türmen, blaue Fayencenkuppeln blähen sich zu riesigen Ballons und im Innern, verschwenderisch verzierte, goldene Wände. Viele der schönsten Bauwerke in Samarkand hat der legendäre Timur errichten lassen. Erst nach der Unabhängigkeit wurde der Nationalheld wiederentdeckt, nicht als skrupelloser Eroberer gebrandmarkt, sondern als Gründer Usbekistans gelobt, der Samarkand zu seiner Hauptstadt erkoren hatte. Bei der kolossalen Moschee Bibi Hanim hat er sich allerdings übernommen, nach und nach stürzte sie in sich zusammen und noch heute versucht man, sie zu rekonstruieren. Auch der Allmächtige Timur durfte nicht ungestraft die Grenzen der damaligen Baukunst überschreiten.

Christian Nowak

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *