Finnland: Bauernhochzeit im Inselparadies

Fannys Freund hat nichts dagegen, dass sie einen anderen Mann heiratet. Er sei einfach zu schüchtern, um ihr vor allen Leuten das Ja-Wort zu geben, sagt die 19-jährige Studentin.

Fanny Velander tritt deswegen mit einem anderen vor den Altar. Nicht einmal zusehen darf der Freund, denn „dann würde ich zu nervös“. Der neue Auserwählte der Braut heißt Frederik Hiltunen ist ein Jahr älter als sie und studiert im nordschwedischen Piteå. Jetzt aber sind Semesterferien und da hat er genügend Zeit, um auf seiner Heimatinsel zu heiraten.

Jomala auf den Ålandinseln im Frühsommer: Die Zeit der Bauernhochzeit. Seit den sechziger Jahren lässt man hier Ende Juni eine alte Tradition wieder aufleben und stellt eine åländische Hochzeit aus dem 19. Jahrhundert nach. Bei diesem Anlass heirateten einige Paare auch schon wirklich. Nicht so Fanny und Fredrik. Sie spielen die Sache nur. „Bei der Hochzeit mitzumachen ist ein bisschen wie auf der Bühne zu stehen“, sagt Frederik, und das fällt ihm nicht schwer, denn Publikum ist er gewöhnt. In seiner Freizeit singt er in einer Rapband..

Hochzeit in schwarz

Große Auftritte waren auch die Hochzeiten åländischer Großbauern. Denn damals ging es um mehr, als den wichtigsten Tag im Leben zweier Menschen zu feiern. Man wollte dabei auch seinen Wohlstand zeigen. Deswegen wurde an nichts gespart. Meist drei, manchmal sogar vier Tage dauerte das Fest, zu dem dann das ganze Dorf eingeladen war.

Selbst durch die Wahl des Hochzeitstages konnte man seinen Reichtum dokumentieren. Wer im Frühsommer heiratete, zeigte damit, dass seine Vorratsscheunen prall gefüllt waren. Denn der lange Winter lag schon hinter, die Ernte aber noch vor einem. Dass man heute im Juni die Bauernhochzeit nachspielt, passt deswegen ins Bild.

Das Hochzeitsgewand war damals schwarz – sowohl für den Herrn, als auch die Dame. Das hatte praktische Gründe: Kleidung war sehr teuer und deswegen wählte man eine Farbe die pflegeleicht war und die man auch bei anderen Anlässen tragen konnte. Für die armen Leute blieben der Hochzeitsanzug bzw. das Brautkleid oft die einzigen Stücke feinen Tuches in ihrem Leben. Eine reiche Bäuerin musste zwar ihr Brautkleid nicht wiederverwenden, doch auch sie war an den Brauch gebunden.

Die Kleider waren so genäht, dass man sie mehrmals „herauslassen“ – sie dem wachsenden Bauchumfang der Trägerin anpassen – konnte. Und dass der wuchs, war gewünscht. Ein Wohlstandsbäuchlein entsprach dem Schönheitsideal der damaligen Zeit, zeugte es doch vom Reichtum des Paares. Noch lieber wurde natürlich gesehen, wenn der Grund für die zunehmende Körperfülle eine Schwangerschaft war.

Mindestens ebenso wichtig wie das Kleid war die für Åland so typische Brautkrone – ein kunstvolles Geflecht aus Blumen, vergoldetem Draht und Silberschmuck. Auch damit konnte die Braut vor der Dorfgemeinde zeigen, wie begütert sie war. Deswegen sind Brautkronen  groß und üppig geschmückt. Allerdings erfüllten sie noch einen anderen Zweck. Sie waren das äußere Zeichen für die Jungfräulichkeit der Braut. Wenn gemogelt wurde, verstand die Kirche keinen Spaß: kam vor Ablauf von acht Monaten nach der Hochzeit ein Kind zur Welt,  wurde eine Geldstrafe fällig. So manche Kirche auf Åland verdankte ihr Dach den Zahlungen  „unkeuscher“ Dorfbewohnerinnen.

Heute liefert der Brautvater die Braut mit dem Auto vor der Kirche ab. Ganz so bequem hatte es der Bräutigam auf den Ålandinseln im 19. Jahrhundert nicht: Er musste seine Angebetete selbst abholen – und zwar auf dem Pferd. Die Inselbewohner standen damals im Ruf, besonders gut und sachkundig mit ihren Tieren umzugehen. Am Hochzeitstag machten sie aber eine Ausnahme. Dann ließ der Bräutigam den Hengst Sporen und Peitsche spüren. Es sollte nämlich wild und wagemutig aussehen, wenn er angeritten kam und da war es nur recht, wenn sich das Pferd ein paar Mal aufbäumte und auf die Hinterbeine ging.

Nachdem sich das Paar das Ja-Wort gegeben hatte, brach es mit den Hochzeitsgästen von der Kirche aus zu einem Umzug durchs Dorf auf.

Mit der Kutsche durch das Dorf

Mit diesem Umzug beginnt auch heute die nachgestellte Bauernhochzeit in Jomala. Auf die kirchliche Trauung wird dabei verzichtet, das wäre den Åländern wohl zu gotteslästerlich.  Fanny und Fredrik stehen etwas unsicher im Kirchhof herum. Sie warten darauf, dass die Kutsche vorfährt. Endlich hört man das Klappern der Hufe auf dem Asphalt. Ein Nachbar aus dem Dorf hat seine beiden Braunen vorgespannt, vor der Kirche öffnet er den Schlag der Kutsche für das Brautpaar. Die beiden steigen ein. Frederik wirkt ein bisschen steif, heute tritt er vor anderem Publikum auf, als sonst mit seiner Rapband. Dafür lacht Fanny  glücklich und befreit. So als wäre es wirklich ihre Hochzeit, der schönste Tag in ihrem Leben.

Im Schritttempo geht es durch das Dorf, vorneweg die „Jungfrauen“ die mit ihren bunten Fahnen die bösen Geister vertreiben sollen. Ihnen folgt das Hochzeitspaar in der Kutsche, und dahinter die Dorfbewohner. Die Leute auf Åland nehmen ihre Traditionen ernst und tragen Trachten: egal ob Priester, Brauteltern oder die Trauzeugen, alle sind im Stil des 19. Jahrhunderts gekleidet. Einzig der kleine Emil, der Bruder der Braut, bricht ein bisschen mit der Tradition: Historisch nicht ganz korrekt, hält er eine Dinosaurierfigur im Arm.

Nur die Brauttruhen fehlen heute  – damals waren sie mit die wichtigsten Requisiten. In den großen bunten Kisten wurde nämlich die Aussteuer der Braut zu ihrem neuen Wohnort gebracht. Eigentlich eine ziemlich bequeme Art umzuziehen. Aber auch hier ging es wieder darum, den eigenen Reichtum zu dokumentieren. Je mehr Brauttruhen im Zug mitgetragen wurden, eine umso bessere Partie war die Braut. Damals wie heute mit dabei: die Musiker. Sie mussten nicht nur während des Umzugs spielen, sondern sorgten auch dafür, dass während des drei- oder viertägigen Festes nie Langeweile aufkam. Immer wieder griffen sie zu Geige und Akkordeon.

Heute sind drei Mädchen aus dem Dorf für die musikalische Unterhaltung zuständig und das machen sie ebenso gut, wie einst die Spielmänner. Musikalische Höchstleistungen sind allerdings nur noch einen Nachmittag lang gefordert. Die Bauernhochzeit der Jetztzeit dauert nur vier Stunden.

Ohne Brautbaum keine Kinder

Früher endete de Umzug auf dem Hof des Bräutigams. Heute auf dem eines Großbauern, der sein Anwesen für die Feierlichkeiten zur Verfügung stellt. An der Grundstückgrenze steigt das Brautpaar aus der Kutsche und wird dort von vier Frauen in Tracht empfangen, die den Brauthimmel tragen. Dieser Baldachin wird über das Brautpaar gehalten, während es in den Garten des Gehöfts schreitet. An einem sonnigen Tag wie diesem, spendet er dem Paar Schatten, doch seine eigentliche Aufgabe besteht darin, zu verhindern, dass böse Geister über das Brautpaar fliegen können.

Fanny und Fredrik stehen unter dem blauen Tuch des Brauthimmels und blicken in die Runde. Inzwischen hat sich auch Fredrik ein Lächeln abgerungen, obwohl er mit dem breiten Lachen seiner „Gemahlin“ noch immer nicht mithalten kann. Die beiden sind zwar kein richtiges Brautpaar, doch trotzdem macht ihnen fast das ganze Dorf seine Aufwartung.

Einen anderen alten Brauch hat man in Jomala vernachlässigt – einen Brautbaum hat niemand aufgestellt. Dieser ähnelt unserem Maibaum, oder der majstång, die in Schweden an Mittsommer errichtet wird, wird aber mit frisch geschnittenen Fichtenwipfeln verziert. Es ist vielleicht ganz gut, dass man auf einen Brautbaum verzichtet hat, denn er ist ein Fruchtbarkeitssymbol und soll dem Paar reichen Kindersegen bescheren. Fanny und Frederik heiraten ja nur zum Spaß und an gemeinsame Kinder denken sie wohl kaum.

Nach dem Brauttanz, folgte damals der – zumindest für die Gäste – wichtigste Teil des Festes. Unter dem Hochzeitsschmaus bogen sich die Tische: Fisch, Fleisch, Brot, Butter, Schmalz, Kartoffeln, Beeren, Pilze und vor allem der berühmte åländische Pfannkuchen – es kam alles auf den Tisch was der Vorratskeller hergab. Dazu floss reichlich Bier und Schnaps. Von der Hochzeit eines reichen Bauern ging damals niemand hungrig nach Hause  –  nüchtern auch nicht. Gut gegessen wird bei der Bauernhochzeit in Jumala auch. Heutzutage muss man allerdings dafür bezahlen, wenn man mit dem Brautpaar die Tafel teilen will.

Rasso Knoller

 

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