Italien: Triests süße Melancholie

 

Dichter liebten ihren besonderen Charme – und für die Regenten in Wien war sie einst  strategisch wichtiger Hafen. Triest ist Italiens „österreichische“ Stadt. Und bis heute pflegen die Triester ihre Kaffeehauskultur und das süße Erbe aus Habsburger Zeit.

Ein Spaziergang auf der Mole Audace bei Sonnenuntergang. Ein Bummel durch die Altstadt. Stöbern in den ungezählten Antiquitätenläden. Shopping in schicken Boutiquen rund um den Corso Italia. Zwischendurch ein Mußestündchen in einem der berühmten Kaffeehäuser. Im „Caffè degli Specchi“ zum Beispiel. Im „Tommaseo“, dem ältesten Kaffeehaus der Stadt. Oder im „Pirona“, wo schon James Joyce gesessen und über seinen Roman „Ulysses“ nachgesonnen hat.

Triest, die italienische Stadt an der slowenischen Grenze, will in kleinen Schritten erobert werden. Schlösser, Theater, Museen, die Börse, das Opernhaus – es gibt viel zu entdecken. Etwas jedoch spürt auch ein Fremder sofort: Architektur und Atmosphäre – alles ist hier irgendwie anders als im übrigen Italien. Triest ist wirkt eher mitteleuropäisch als mediterran. Wer diese Stadt verstehen will, muss ein wenig in den Geschichtsbüchern blättern.

Schmelztiegel der Kulturen

Ein Schmelztiegel der Völker ist Triest einst gewesen: Nicht nur Italiener, auch die slawischen Nachbarn und eine große jüdische Gemeinde prägten und bereicherten die Kultur. Den größten Einfluss aber übten die Österreicher aus. Jahrhunderte lang stand die kleine Siedlung an der Adriaküste unter ihrem Schutz. Im Laufe der Zeit wurde Triest zum strategisch bedeutenden Hafen der Habsburger Monarchen. Konflikte gab es immer wieder mit der Stadtrepublik Venedig. Lange Zeit blieb die schillernde Nachbarin die ungeschlagene Nummer eins – der wichtigste Handelshafen der nördlichen Adria.

Ende des 18. Jahrhunderts  aber- als Napoleon Venedig erobert – wendet sich das Blatt. In einem Friedensabkommen wird die Lagunenstadt schließlich der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn zugesprochen. Damit beginnt Venedigs Abstieg – und der Aufstieg von Triest. Die einstige Nummer Zwei übernimmt die führende Rolle beim Handel mit dem Nahen und Fernen Osten. Kaffee, Zucker, Eisen, Baumwolle, Öle und Gehölz – alles wird nun hier umgeschlagen.

Rebellen und Poeten

Mitte des 19. Jahrhunderts kippt die Stimmung. Während sich die vielen italienischen Fürstentümer zum Nationalstaat vereinen, wird auch in Triest die pro-italienische Bewegung immer stärker. Demonstrationen gegen die Habsburger Herrschaft häufen sich. Und als Kaiser Franz Josef I Triest besucht, entkommt er nur knapp einem Attentat. Die Adriastadt ist plötzlich einer der heißesten Krisenherde im österreichischen Kaiserreich. 1919 – nach dem Ersten Weltkrieg – ist es soweit: Triest mit seiner überwiegend italienischen Bevölkerung wird Italien angegliedert.

Die aufregende Umbruchzeit mit ihren politischen Spannungen war aber auch die Zeit der kulturellen Blüte. In den Jahrzehnten vor und nach 1900 lebten und arbeiteten die großen italienischen Schriftsteller Italo Svevo und Umberto Saba in Triest. Auch viele ausländische Dichter zog es hierher: Die Briten James Joyce und Richard Francis Burton, die deutschsprachigen Dichter Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal und viele andere.  In Triest war der morbide Charme der Epoche  besonders deutlich zu spüren – und die Literaten sogen ihn begierig auf. Rilke war Gast des kulturbeflissenen Prinzen Torre e Tasso und logierte höchst feudal im „Castello Duino“ vor den Toren der Stadt. Seine „Duineser Elegien“ sind das literarische Andenken an diese Zeit.

Genau wie damals schlägt das Herz der Stadt noch heute an der großen Piazza, die seit fast 90 Jahren „Piazza dell‘ Unità d’Italia“ – Platz der Einheit Italiens – heißt. Das langgezogene Rechteck wird von Prachtbauten gesäumt. An einer Seite aber öffnet sich die Piazza eindrucksvoll zum Meer. Von hier aus muss man nur  die „Punta del Forno“ durchqueren – und gelangt in eines der ältesten Stadtviertel von Triest.

Die Namen der engen Straßen verraten noch heute, was hinter den kleinen Fenstern der Ladenlokale vor Jahrhunderten verkauft wurde: Salz, Öl und Fisch. Doch ein Großteil der historischen Gassen wurde auf Befehl Mussolinis abgerissen. Italiens faschistischer Diktator wollte an ihrer Stelle lieber die Reste antiker Ruinen sehen. Bei den Ausgrabungen unterhalb des Stadthügels San Giusto kam ein römisches Amphitheater aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert zum Vorschein, das heute besichtigt werden kann.

Sachertorte, Apfelstrudel, Palatschinken

Die steinernen Zeugnisse der bewegten Geschichte lässt sich ein Fremder am besten auf einem geführten Rundgang zeigen. Die süßen Seiten der Stadt entdeckt man  dagegen lieber auf eigene Faust. Köstliche Sachertorte, wunderbarer Apfelstrudel und Topfenpalatschinken – in den Konditoreien von Triest leben die Habsburger Traditionen bis heute fort. „Chifeletti“   – süße Krapfen aus frittiertem Kartoffelteig – sind dagegen eine einheimische Spezialität. Man bekommt sie bei jedem Triester Bäcker – doch für den ultimativen Genuss sollte man sich die Konditoreien „La Bomboniera“, „Pirona“ und „Penso“ auf die Adressenliste schreiben.

Zu welcher Jahreszeit Triest am schönsten ist – da scheiden sich die Geister. Der Frühling, wenn sich der Kaffeehausbetrieb wieder auf die Straßen und Plätze verlagert. Der Sommer, wenn die Adriastrände locken und ganz Triest zum Baden geht. Der Herbst, der meist angenehm milde Tage beschert. Die Dichter der Jahrhundertwende aber liebten vor allem die melancholische Stimmung, die sich an kalten Wintertagen über der Stadt ausbreitet – wenn „Bora“, der kräftige Fallwind aus dem bergigen Hinterland, durch die Straßen fegt und die Wellenkämme der Adria ganz schaumig peitscht.

Susanne Kilimann

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