Frankreich: Inselhopping vor der bretonischen Küste

Wenn die „Vindilis“ oder eine ihrer Schwesterfähren auf den Hafen der Belle-Île-en-Mer zusteuert, muss sie erst einmal ordentlich die Fahrt drosseln. Gebremst und in einer Linkskurve geht es durch die nicht allzu breite Einfahrt, vorbei an Dutzenden Segelbooten. Am Quai warten bereits Laster, Kleinbusse und Taxis – auf Waren oder auf die Tagestouristen, die von Quiberon aus auf die „Schöne Insel“ kommen. Doch kaum sind Container und Kisten vom Schiff geladen und die Inselbesucher in einem der Busse verstaut, verfällt die Inselhauptstadt Le Palais wieder in ihr eigenes deutlich entschleunigtes Tempo.

057Das kleine Ortszentrum ist mit den Restaurants am Hafen, der Kirche mit ihrem spitz zulaufenden Glockenturm und dem Marktplatz überschaubar. Durch eine schmale Straße geht es zum Binnenhafen, wo vor alten pastelfarbenen Häusern mit bunten Fensterläden Boote dümpeln – für viele Besucher eines der beliebtesten Fotomotive. Die meisten zieht es von hier weiter zur Zitadelle, die wuchtig über der Inselhauptstadt thront. Vor dem Eingang wartet Serge Albagnac, kurze graue Haare, Brille, Schirmmütze. Früher war er Bürgermeister von Le Palais und kennt sich wie kein Zweiter mit der Geschichte der Belle Île aus. Die sei bereits im Mittelalter von Mönchen besiedelt worden, erzählt er, und ging dann im 17. Jahrhundert an den Finanzminister Ludwigs XIV. Allerdings fiel der Minister bald in Ungnade und das Stückchen Land an die französische Krone. Der Sonnenkönig wies seinen Militärarchitekten Vauban an, die Zitadelle auf dem Hügel über Hafen und Inselhauptstadt auszubauen, denn die Belle Île sollte geschützt werden – vor den sich häufenden Piratenüberfällen. Schade nur, dass Vaubans Pläne aus Geldmangel nicht ganz umgesetzt werden konnten und die Insel schließlich ausgerechnet von den Engländern eingenommen wurde!

Für heutige Verhältnisse ist der Bau – auch wenn nicht ganz vollendet – beeindruckend genug .Nicht alle Bereiche sind zugänglich, schließlich ist in Teilen der Zitadelle ein schickes Hotel eingezogen. Trotzdem, es gibt genug zu entdecken – den Pulverturm mit seiner besonderen Akustik, das alte Arsenal mit den massiven Deckenbalken, die ehemaligen Gefängniszellen, in denen noch Graffitti der Gefangenen zu sehen sind.

087Von Le Palais aus geht es weiter in den Nordwesten der Insel – steile Klippen, karge Vegetation, an der Pointe des Poulains weht fast immer ein frischer Wind. Ausgerechnet in dieses Fleckchen verliebte sich die Schauspielerin Sarah Bernhardt, als sie 1894 auf die Belle Île kam. Und kaufte kurzerhand das halb verfallene Fort an der Inselspitze, ließ es nach und nach instand setzen. Der Theaterstar der Belle Époque reiste aber nie allein, hatte stets Familie, Freunde, Personal um sich – weitere „Villen“ mussten gebaut werden, um die Entourage unterzubringen. Heute ist die Anlage ein Espace muséographique – mit den originalgetreu eingerichteten Wohnräumen Bernhardts, mit alten Fotos und Tondokumenten. So wird der Besucher in die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts zurückversetzt. Und kann sich in etwa vorstellen, wie es gewesen sein muss, als die schicken Pariser auf die in bescheidenen Verhältnissen lebenden Inselbewohner trafen- und ganz langsam der Tourismus auf der „Schönen Insel“ Einzug hielt.

Künstler oder reiche Müßiggänger auf der Suche nach dem „Exotischen“ – das waren auch die ersten Touristen, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts nach Ouessant kamen. Die schroffe Insel liegt vor dem Fischerort Le Conquet rund 20 Kilometer vom Festland entfernt – und ist somit der westlichste Punkt Frankreichs. Die Region ist in der Schifffahrt berühmt-berüchtigt, das schnell umschlagende Wetter, Untiefen und tückische Klippen haben in den vergangenen Jahrhunderten viele Schiffe sinken lassen. Kein Wunder also, dass es auf der Insel mehrere Leuchttürme gibt, einige davon können auch heute noch besichtigt werden. Ondine Marin, die selbst aus einer Seemannsfamilie auf Ouessant stammt, sorgt dafür, dass Neugierigen der Phare Stiff aufgeschlossen wird.

Er ist einer der ältesten Leuchttürme Frankreichs und wurde zu Vaubans Zeiten auch als Teil eines Befestigungsgürtels um Frankreich angelegt – der Leuchtturmwärter musste nach englischen Schiffen Ausschau halten und im Notfall den Hafen von Brest vor den anrückenden Feinden warnen.

049104 Stufen geht es eine Wendeltreppe hinauf – ein Aufstieg, der sich lohnt. Denn aus gut 30 Metern Höhe kann man die gesamte Insel überblicken. Mit ihrer Heidekrautlandschaft, den kleinen Weiden mit Schafen, der zerklüfteten Küstenlinie. Und mit den grau gedeckten Dächern der kleinen Inselhauptstadt Lampaul. Eine große Kirche mit Friedhof, auf dem auch zahlreiche Opfer von Schiffsunglücken beerdigt sind, ein paar Lädchen und Creperien – zu besichtigen gibt es hier nicht viel. Dennoch, selbst der Tagesbesucher spürt die besondere Atmosphäre des Örtchens, in dem ein bisschen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Schmale Straßen läuft man entlang, zwischen Feldern und Weiden hindurch, an kleinen Windmühlen oder verwitterten alten Häusern vorbei. Und kommt schließlich zum kleinen Museum von Niou, das 1969 als Frankreichs erstes „Ecomusée“ gegründet wurde. Ein schiefergedecktes Bauernhaus aus wuchtigen Feldsteinen, mit blauen Fensterrahmen. Innen dann der Kontrast zwischen weißgekalkten Wänden und farbenfrohen Holzmöbeln. Blau gestrichene Anrichten und Wandregale mit bunten Keramiktellern, dazu blank geschrubbte Esstische und lange Bänke – gut kann man sich vorstellen, wie die Inselbewohner vor über 100 Jahren lebten – und wie sie versuchten, aus den schwierigen Lebensbedingungen der abgelegenen Insel das Beste zu machen.

Ein wenig, sagt Ondine, gelte das auch noch heute. Klar, es gibt regelmäßige Fähr- und sogar Flugverbindungen und abgehängt sei man auf Ouessant schon lange nicht mehr. Dennoch, gerade im Herbst könne es gut sein, dass es für Schiff und Flugzeug zu stürmisch werde und dann sei es auf der Insel ein bisschen wie früher. Gut also, dass es seit einigen Jahren eine ganze Reihe von Festivals und Kulturveranstaltungen gibt – von Film über Literatur bis hin zu Musik. Ondine findet das gut. Nicht nur für den Tourismus auf der Insel sondern auch, weil sie so als Bewohnerin von Ouessant viele interessante Menschen aus aller Welt kennenlernt.

Sabine Loeprick

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