Kanada: World Pride in Toronto. Stolz aufs Anderssein als Botschaft

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Im Gedenken an den Aufstand Homosexueller gegen Polizeiwillkür und Diskriminierung in der New Yorker Christopher Street im Juni 1969 feiern heute Schwule, Lesben und Transgender in der ganzen Welt ihr Anderssein mit Parties und Paraden. An diesem Wochende (19./20. Juli) etwa in Bielefeld, Frankfurt, Leipzig, München, Rostock, Trier, am nächsten Wochenende (26./27. Juli) unter anderem in Braunschweig, Duisburg, Mainz und Stuttgart, am ersten Augustwochenende in Bonn, Essen, Hamburg, Nürnberg, Ulm, Wiesbaden (weitere Termine unter www.queer-travel.net).

Als eine der homofreundlichsten Städte der Welt gilt Toronto. Als Gastgeberin des World Pride 2014 (vom 20. bis 29. Juni) hat die kanadische Multikulti-Metropole diesem Ruf alle Ehre gemacht. Weltreisejournal-Autor Carsten Heinke war live dabei.#

C.Heinke, Toronto Pride

Bäcker färben ihre Kekse bunt, Floristen ihre Blumen. Textilgeschäfte hängen ihre Sachen dem Farbenspektrum nach. Der CN-Tower wird nachts damit beleuchtet. Regenbogen, so weit das Auge reicht. Als Fahne, auf Plakaten, Werbetafeln, T-Shirts, Kinderwagen… Selbst im Schaufenster des Kebab-Ladens wirbt das internationale Symbol der Homosexuellen für Toleranz und sexuelle Freiheit.
Wenn die Schwulen und Lesben in Kanadas größter Metropole allsommerlich ihren Pride feiern, feiert mittlerweile die ganze Stadt. In diesem Jahr kamen besonders viele Gäste, denn Torontos 34. Gay-Festival war zugleich der vierte „World Pride“, der nach Rom (2000), Jerusalem (2006) und London (2012) erstmalig in Amerika stattfand. Weit über eine Millionen Besucher zählte das zehntägige Mammut-Event Ende Juni in Toronto. Ermöglicht wurde es durch eine starke politische Lobby, zahlreiche Sponsoren sowie mehr als 2.000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer.
C.Heinke, Toronto Pride „Kanada gehört seit langem zu den homofreundlichsten Ländern der Welt. 2005 war es nach den Niederlanden, Belgien, dem US-Staat Massachusetts sowie Spanien weltweit einer der ersten Staaten, der die Ehe von Schwulen und Lesben gesetzlich erlaubte. Toronto, von dessen zweieinhalb Millionen Einwohnern mehr als 350 000 homosexuell sind, hat viel Erfahrungen mit schwul-lesbischer Alltagskultur“, weiß Michele Simpson von Tourism Toronto.
Seit vielen Jahren wirbt die Vielvölkermetropole mit dem Slogan „As gay as it gets!“ (etwa: „So schwul wie‘s geht!“) ganz gezielt auch um Touristen mit gleichgeschlechtlicher Lebensweise und setzt damit international Maßstäbe für eine offenere und tolerantere Gesellschaft.
„Toronto ist ein Vorbild in der Akzeptanz der Verschiedenartigkeit der Menschen“, sagte die in Hongkong geborene chinesisch-kanadische Stadträtin Kristyn Wong-Tam bei der Eröffnungszeremonie. Wie auch Ontarios Premierministerin Kathleen Wynne ist sie eine offen lesbisch lebende Politikerin, die die politische Forderung nach Gleichberechtigung durch ihr persönliches Vorbild unterstützt.

LGBTTIQQ2SA

Etwas zu gut gemeint war allerdings der eigens für den Torontoer World Pride kreierte, politisch absolut korrekt sein wollende Begriff für die Zielgruppen des Festivals: „LGBTTIQQ2SA“, bei dem sich selbst Frau Wong-Tam verhaspelte. Das unaussprechliche Konstrukt aus den Anfangsbuchstaben (bzw. -ziffern) der englischen Wörter Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual, Transgender, Intersex, Queer, Questioning (für „drittes Geschlecht“), 2-Spirits und Allies (Verbündete) bestand den Praxistest nicht. Keiner der Rednerinnen und Redner brachte das verbale Monstrum fehlerlos und fließend über die Lippen.

Die Braut gibt der Braut das Jawort, der Bräutigam dem Bräutigam

Das Casa Loma ist Torontos Märchenschloss. Kein anderes Bauwerk in Kanadas größter Metropole steht bei Romantikern so hoch im Kurs wie dieser hundertjährige Bau mit seinen verspielten Mittelalter-Fassaden. Verliebte zieht er magisch an, scheint sie zu Treueschwüren zu ermuntern.C.Heinke, Toronto Pride

Wie so oft wird auch an diesem Bilderbuch-Sommertag im Casa Loma geheiratet. Doch diese Hochzeit ist anders – und das nicht nur, weil sich 110 heiratswillige Paare auf einmal das Jawort geben werden.
Sie tummeln sich im Garten, halten Händchen, küssen sich, spülen die sichtbare Aufregung mit Sekt hinunter. Sie tragen topmoderne oder altmodische Kleider, kurze Röcke, lange Hosen, Anzug oder Frack, in Weiß, Schwarz oder schreiend bunt. Auf Schritt und Tritt dabei: ein ganzer Pulk von Presseleuten. Statt ihnen auszuweichen, beantworten die Hochzeitskandidaten ihre Fragen und posieren bereitwillig für Zeitungsfotos.

C.Heinke, Toronto, im Park der Casa Loma
Das öffentliche Interesse ist gewollt. Denn hier haben sich nicht nur ungewöhnlich viele Paare aus aller Welt zu einer gleichzeitigen Vermählung zusammengefunden, sondern hier gibt – sofern sich die künftigen Eheleute einem Geschlecht zuordnen – die Braut einer anderen Braut das Jawort und der Bräutigam einem anderen Bräutigam.
„Unsere Hochzeit ist zugleich eine der größten Massentrauungen nicht-heterosexueller Paare. Es ist eine Botschaft an die Welt – insbesondere an die Länder, die ihren Menschen dieses Recht noch vorenthalten“, sagt die vor Freude strahlende Sydney Downey, eine junge Frau in weißem Hemd und Schottenrock. Mit ihrer Partnerin Laura Gillen, die ein klassisches weißes Brautkleid trägt, ist sie seit acht Jahren liiert.
Gleich werden die beiden Kanadierinnen ein Ehepaar sein – ebenso wie Colin Gunther und Richard Laslett aus Australien, Inae Lee aus Südkorea und Jenny Chang Ho aus Venezuela, Mareks Lindbergs aus Lettland und Felipe Mendes aus Brasilien und viele mehr. Zu den ältesten zählen der Frankokanadier Gerard Pouliot und der Tscheche Petr Rejcha, die sich vor 41 Jahren ineinander verliebten und seitdem ein Paar sind.

C.Heinke

Da alle unterschiedlichen Glaubensbekenntnissen angehörten, wurde die Trauzeremonie von Vertretern zwölf verschiedener Religionsgemeinschaften vollzogen – neben christlichen auch jüdische, muslimische, buddhistische und sikhistische Geistliche sowie der Stammesälteste eines kanadischen Ureinwohnervolkes. Die Leitung hatte Dr. Brent Hawkes, Pfarrer an der Metropolitan Community Church of Toronto. Mit einer faktisch illegalen Hochzeitszeremonie für zwei gleichgeschlechtliche Paare im Jahre 2001 gehört der langjährige Schwulenaktivist im Priestergewand zu den Wegbereitern der Homoehe in Nordamerika.

Programm von Party bis Politik

Neben zahllosen Parties, Straßenfesten und Konzerten, Ausstellungen und Filmen bot das Programm des World Pride auch politische Inhalte. Auf einer Menschenrechtskonferenz, die in Kooperation mit dem Mark S. Bonham Zentrum für Studien zu sexueller Diversität an der Universität Toronto durchgeführt wurde, diskutierten politische Aktivisten, Juristen, Wissenschaftler und Politiker aus der ganzen Welt über die Rechte Homosexueller. Im Vordergrund standen dabei menschenverachtende Gesetze und alltägliche homophobe Gewalt – besonders in afrikanischen und arabischen Ländern sowie in Osteuropa, Russland und Zentralasien.

TorontoPrideKostuem-HEINKEAuch die drei großen Umzüge hatten mehr als bloßen Spaß im Sinn. Trans March, Dyke March und Grand Parade setzten unter dem Motto „Wir marschieren für die, die es nicht können“ Signale für die Rechte sexueller Minderheiten. Viel unterstützenden Jubel erhielten besonders die mutigen Vertreter aus Ländern, in denen Homosexualität mit Gefängnis, körperlicher Züchtigung oder gar mit dem Tode bestraft wird. Für berührende Momente sorgte etwa auch PFLAG, die Vereinigung von Eltern homosexueller Kinder mit Plakaten wie: „Ich liebe meinen schwulen Sohn!“

Mehr als 12.500 Teilnehmer und insgesamt 285 Motivwagen zählte die fünf Stunden dauernde Große Parade von Torontos legendärem „Gay-Village“ Church-Wellesley über die Yonge Street bis zum Yonge-Dundas-Square, Höhepunkt und Abschluss eines überwiegend beispielhaften Events, dem – man mag es glauben oder nicht – nach einem kurzen Schauer mit Sonnenschein ein echter Regenbogen folgte. Hier und da ging dem Veranstaltungsmarathon mal die Luft aus – etwa wenn mehr Leute draußen Schlange standen, als drinnen Platz zum Feiern hatten oder wenn ein Veranstalter vergaß, dass viele Leute auch viel trinken… Trotz allen Frohsinns, trotz Massenhaftigkeit ließ dieser World Pride nicht vergessen, dass erst ein kleiner Teil der Menschen, die anders lieben, das auch offen zeigen kann.

TorontoPrideWagen-HEINKEText und Photos: Carsten Heinke

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