Italien: Sizilien, Blutorangen und Mars-Roboter

© "Parco dell'Etna" ,Colata lavica Etna cratere sud est  luglio 2006

Ein Ausflug in die Gipfelregion ist ein faszinierendes Erlebnis –selbst wenn es gerade keine Lavafontänen und kein Traumpanorama zu bestaunen gibt.

„Was für ein Pech mit dem Wetter, wie schade für euch.“ Pietro Coniglio, Direktor des Ätna-Nationalparks, beschreibt mit dem ausgestreckten Arm einen Halbkreis und deutet auf einen Punkt in der imaginären Ferne. Dort unten liegen Dörfern, Weinhänge und ausgedehnte Zitrusplantagen, dahinter  die Küstenstadt Taormina und wäre der Himmel klar, dann könnte man von hier oben weit hinaus übers Mittelmeer sehen. Doch an diesem Tag im April beträgt die Sicht nur wenige Meter. Die wenigen Besucher, die sich an diesem Tag von Seilbahn und Bussen auf fast 3000 Meter Höhe in die Gipfelregion des Ätna haben bringen lassen, müssen sich mit Nebelschwaden, die wie dichte Schleier zwischen Himmel und Erde liegen, arrangieren – oder umkehren.

Die Autorin am Ätna, © Anke SademannEs weht ein frostiger Wind und Vulkanführer Gian Battista mahnt sein Trüppchen wieder und wieder,  Spur zu halten auf dem steinigen Lava-Terrain, damit es keine Fehltritte, keine Ausrutscher  und keine verstauchten Knöchel gibt. Faszinierend ist der Ausflug auf den höchsten und aktivsten Vulkan Europas aber auch ohne Panoramablick. Dass es hier in der Tiefe seit mehreren Hunderttausend Jahren brodelt, dass man hier auf einem Berg spaziert, der im Laufe der Zivilisationsgeschichte für verheerende Zerstörungen und für übermäßige Fruchtbarkeit gesorgt hat, ist schon ein besonderes, ein erhabenes Gefühl. Auch wenn der Ätna ganz friedlich ist und sich durch den Ausstoß heißer Gase nur sanfte Wölkchen über seinem Gipfel bilden, ist die glühende Kraft im Inneren spürbar – dafür muss man nur die bloßen Hände auf den schwarzen Boden legen.

Die Ausbrüche des sizilianischen Vulkans sind spektakulär und ziehen ambitionierte Profi- und Hobby-Fotografen und andere Schaulustige in ihren Bann. „Sie glauben gar nicht, wie oft mich Leute aus dem In- und Ausland, Reiseveranstalter und Touristen, anrufen  und fragen, wann mit dem nächsten großen Ausbruch zu rechnen ist“, erzählt Pietro Coniglio. „Die Leute wollen ein genaues Datumhören, zu dem sie anreisen und das Schauspiel miterleben können. „Denen antworte ich dann: Oh, da bin ich der falsche Ansprechpartner. Da müssen Sie beim lieben Gott nachfragen“, lacht der Direktor des 1987 gegründeten Nationalparks und schüttelt den Kopf über soviel naive Technikgläubigkeit. Der Ätna werde zwar rund um die Uhr bewacht. Geologen analysieren die chemische Zusammensetzung der vulkanischen Gase, werten mit  Seismometern ermittelte Erdstöße und Erschütterungen aus. Dank dieser modernen Messmethoden könne man Zonen, die bei einer Eruption betroffen sind, rechtzeitig evakuieren. „Aber einen Ausbruch Wochen im  Voraus zu prognostizieren, gar ein konkretes Datum zu benennen, das ist unmöglich“, ereifert sich der kleine Mann mit dem kurzen grauen Haar. Gerade diese Unberechenbarkeit  sei ja das Faszinierende. „Ein Vulkan weist den Menschen in seine Schranken, macht deutlich, dass Naturgewalten letztlich nicht kontrollierbar sind.“

© "Parco dell'Etna" , Attivit+á parossistica  Etna settembre 2011 bocca orientale cratere sud estDie Chancen, dass man während eines Urlaubs auf Sizilien einen Ätna-Ausbruch miterleben kann, stehen dennoch nicht schlecht. Leichtere Eruptionen kommen häufiger vor, im Jahr 2012 brach der Vulkan sechsmal aus, 2013 hat sogar 16 Mal stundenlang Lava und Asche in die Luft geschleudert. Der letzte bedrohliche  Ausbruch ereignete sich 1992. Damals war die Kleinstadt  Zafferana am Osthang des Ätna in Gefahr. Die Armee musste anrücken, um den zerstörerischen Lavastrom durch Sprengungen umzulenken und vom Ort fernzuhalten.

© Anke SademannDie weitaus meiste Zeit  präsentiert  sich Siziliens majestätischer Vulkan als gutes Terrain für leichte Wanderungen oder anspruchsvollere, mehrtägige Trekkingtouren. Überall in dem 59 000 Hektar großen Naturschutzgebiet gibt es markierte Wege. Auf der kürzesten Tour, dem Sentiero Natura Monti Sartorius, werden vier Kilometer und 100 Höhenmeter zurückgelegt, was in zwei Stunden gut zu schaffen ist. Drei Tage sollte man einplanen, wenn man den Gipfel auf dem Hochgebirgsweg einmal umrunden will. Mehrere Schutzhütten bieten sich dabei als Nachtquartiere an.

© "Parco dell'Etna"  Sie liegen auf einer Höhe von 1500 bis knapp 2000 Metern. Während in den unteren Regionen Orangen-, Zitronen-, Feigen- und Pistazien- und Olivenbäume gedeihen, prägen ab 1000 Meter Höhe Birken, Eichen, Kastanien und Kiefern das Bild – und Ätna-Ginster, der als eine der ersten Pflanzen auf der verwitterten Lava  Fuß fasst. Oberhalb von 2000 Metern präsentiert sich der Vulkanlandschaft vegetationslos, schwarz und steinig und wirkt fast ein wenig außerirdisch. Das fanden offenbar auch die Mitarbeiter der NASA, die  auf dem Ätna kürzlich Roboter für den Einsatz auf dem Mars getestet haben.

Weil der Nebel immer dichter wird, drängt Naturparkführer Gian Battista zum Aufbruch. Kurz darauf sitzen seine Schutzbefohlenen wieder in den Gondeln zur Talstation und  noch etwas  später  am Fuße des Vulkans  in einem  Straßencafé, wo man nicht nur Espresso und Cappuccino serviert, sondern den frisch gepressten Saft der Blutorangen, die hier, an den Hängen des Ätna, besonders gut gedeihen.

Susanne Kilimann

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