Türkei: Der Taurus Trail – Über Stock und Wein

©Achim Chwaszcza/DAV

Bislang kannte man die Türkische Riviera als Badedestination. Jetzt kann man dort auch auf dem Taurus-Trail durch unberührte Natur wandern.

Ein bisschen lädiert sieht er aus, der Kerl. Trotz der prächtigen Muskeln. Kein Wunder: Herkules – oder besser „Herakles von Perge“ – hat eine weite Reise hinter sich. Zumindest seine obere Hälfte. Der Torso der Gottheit lag viele Jahre in einem Museum in Boston/USA, bevor er an die türkische Südküste zurückgebracht wurde. Grabräuber hatten ihn zuvor über deutsche Hehler an die Amerikaner verschachert. Nicht so den Teil ab Bauchnabel abwärts: Beine, Po und Hüfte des steinernen Griechen sind seit ihrem sensationellen Fund 1980 im antiken Perge im Archäologischen Museum von Antalya ausgestellt. Erst 2011 wurden beide Teile wieder zusammengefügt.Wackelig wirkt die Statue aus dem zweiten Jahrhundert nach Christi dennoch nicht. Anders so mancher Wanderer, der das Taurus-Gebirge quert. Das Bergmassiv zieht sich entlang der türkischen Südküste und lockt mit 3 000er-Gipfeln. Sie zu erklimmen, braucht es allerdings nicht der göttlichen Kraft und übernatürlichen Fähigkeiten, die Herakles, dem unehelichen Sohn des Zeus, einst zugeschrieben wurden.

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Nur Kondition. Gutes Schuhwerk. Trinkwasser. Und vor allem braucht man einen Guide, der sich auskennt. Einen Mann wie Ömer Faruk Gülsen, 60 Jahre alt, Herkules-Statur mit Bauch und eine Stimme wie ein Reibeisen. „Ich habe jeden Berg der Türkei bestiegen“, sagt Gülsen, nicht prahlend, aber stolz, und wer einen Tag mit ihm gewandert ist und seinen Erzählungen lauscht, die Volkan Asli, der Reiseleiter vom DAV Summit Club, übersetzt, glaubt ihm das gerne. Mit 15, sagt Gülsen, ist er losgewandert, „schon der Vater lief als Postbote viel und noch mehr an den Wochenenden.“ Auch wegen dieser Kenntnis hat ihn der Deutsche Alpenverein (DAV) angeheuert, die Taurus-Trails mit zu entwickeln und die Gruppen zu führen. Gülsen kennt auch die Probleme: die fehlende Wegmarkierung, kaum Übernachtungsmöglichkeiten in den Bergen. Auch Wanderkarten gibt es keine. Die erste soll in diesem Jahr auf den Markt kommen. Selbst der rund 500 Kilometer lange Lykische Weg, der erste markierte Fernwanderweg in der Türkei, den die Taurus-Trails an zwei Stellen kreuzen, bietet nur auf einigen Etappen eine Infrastruktur, wie Wanderer sie wünschen: Mit Läden für Verpflegung.Und günstigen Gästebetten mit warmer Dusche.
Und doch könnte sich das Billig-Badeland Türkei mit seinen landesweit 30 Millionen Touristen im Jahr hier, im Taurusgebirge, zu einem Wander- und Bike-Paradies mausern. Es liegt inmitten von kleinen bewirtschafteten Almen. Seine Wege sind von Orchideen, Alpenveilchen oder Pfingstrosen gesäumt. Es ist damit ein Urlaubsziel, bei dem sich zwischen April und November Chillen am Strand und Aktivurlaub in kühler Höhe wunderbar verbinden lassen – in absolut unberührter Natur. Die Voraussetzungen erfüllt das Taurusgebirge: Unterhalb der Vegetationsgrenze liegen Almen und dichte Zedernwälder – vor allem von der Libanon-Zeder „gibt es an anderen Orten nicht mehr viele“, sagt Gülsen.

©Achim Chwaszcza/DAVOberhalb der Vegetationsgrenze locken Karstberge und Ausblicke bis hin zum Gipfel des Olympos (2 318 Metern), zum Mädchengipfel Kizlarsivrisi (3 086 Meter) oder zur weißen Küstenlinie südlich von Kemer. Wanderwege gibt es in der Türkei, die zweieinhalbmal so groß ist wie Deutschland, zuhauf: „Hier, im östlichen Mittelmeerraum, wo sich Afrika, Asien und Europa treffen, verliefen schon in der Antike viele Handelswege“, sagt Yusuf Örnek, in Deutschland habilitierter Philosoph und Chef der türkischen Partneragentur TrailTravel. „Perser,Hethiter, Alexander der Große, das hellenistische, römische, byzantinische und osmanische Reich – sie alle haben Kleinasien geprägt und in Architektur, Essen, Sprache, Landwirtschaft ihre Spuren hinterlassen“. Auch das, sagt Örnek, mache die Region so spannend. Es sind Leute wie Gülsen, Örnek oder Volkan, die dem Gast eine Türkei zeigen, wie man sie aus den Abendnachrichten nicht kennt. Oder aus dem nahen Deutschland – der Flug ab München dauert keine drei Stunden – zumindest nicht erwartet: Ein Land jenseits der Touristenhochburgen und Allinclusive-Armbändchen. Ein Land auch jenseits religiöser Klischees: In den Dörfern,die wir passieren und in denen der Muezzin fünfmal am Tag vom Minarett der Moschee aus zum Gebet auffordert, schlendern junge Mädchen in Jeans und T-Shirt mit gleichaltrigen Jungs durch die Gassen.Verkauft der Besitzer eines Kiosk Bier an die durstigen Wanderer. Kichern drei ältere Frauen in langen schwarzen Röcken, ein Kopftuch überm Haar, mit dem heftig flirtenden, kaum jüngeren Gülsen. Hier trifft man auch auf dem Land, fern der Metropolen wie Istanbul oder Ankara, auf die Moderne: Auf neu asphaltierte Straßen oder kleine Einkaufszentren, Folgen eines Wirtschaftsbooms, der auch Mädchen dazu animioerte zu studieren. Etwa Yüksel. Drei Monate im Sommer arbeitet die 20-Jährige auf der Alm ihrer Eltern. Melkt dort Kühe, schleudert Honig, hütet 200 Schafe und Ziegen – und verkauft Käse an die Wanderer.

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Im Hinterland von Antalya wird lecker und scharf gekocht –eben nicht nur Dürum oder Döner.Ackerbau und Viehwirtschaft: Das Leben der Bauern im Taurusgebirge ist hart. Pausiert wird über Mittag im Schatten. Zeit studiert sie Betriebswirtschaftslehre in Isparta. Ein Leben in zwei Welten. Für Yüksel kein Problem. Im Gegenteil: „Ich will meine Wurzeln pflegen“. Zu diesen Wurzeln zählt auch die Religion. Im bergigen Hinterland von Antalya spürt man derzeit durchaus die Entwicklung hin zu einem strengeren Islam – kontrolliertvon einem Staat, der 2013 erstmals seit Ende der Diktatur wieder sein herrisches Gesicht zeigte. Nicht in den sauberen, von Cafés gesäumten Gassen der pittoresken Altstadt von Antalya – „hier blieb es selbst ruhig, als der Taksim-Platz brannte“, sagt Reiseleiter Volkan. Aber etwa in Elmali,ein geschäftiges Städtchen mit vollem Bazar und vielen Apfelplantagen, wohlhabend auch, „kaum einer wohnt zur Miete“,sagt Asli. Hier, 120 Kilometer von Antalya entfernt, liegt das Weingut Likya. Noch vor wenigen Monaten hielten täglich Busse mit Touristen an. Jetzt ist Ruhe eingekehrt. Nicht in den Hallen, in denen Frauen und Männer Flaschen für den Export etikettieren. Sondern auf der Terrasse mit herrlichem Blick auf die Rebstöcke. An den Holztischen nehmen kaum mehr Gäste Platz. Die Regierung hat im Sommer jede öffentliche Weinverkostung verboten. Was würde Atatürk dazu sagen? Das Porträt des ersten Präsidenten der nach dem Ersten Weltkrieg aus dem Osmanischen Reich hervorgegangenen modernen Republik hängt im Speisesaal des Gül Mountain Hotels, in der Nähe des Orts Ovacik. Alles im Haus ist mit Holz vertäfelt, zum Abendessen werden leckere Speisen aufgetischt: Käsestangen, Pitabrot, Hühnchen, Lamm, Fisch. Auch Salate, Nüsse undWassermelone. Früchte und Gemüse wachsen en masse in der Türkei. Atatürk, sagt Volkan, „war ein Visionär.“ Er setzte auf Industrie. Und mit ihm das Land – zuerst auf die Herstellung von Lebensmitteln, dann von Autoteilen, Kleidung, Ferienressorts.

Panoramablick_im_Zedernwald_2Es ist kühl auf 1 300 Metern Höhe, die Nacht wird sternenklar. Acht verschiedene Klimazonen, 65 Prozent des Landes Gebirge, eine Durchschnittshöhe von 1 132 Metern – auch das ist die Türkei.
Wir blicken müde, satt und zufrieden auf den Olympos, der sich in der Ferne am Horizont abzeichnet, und denken: Nur eines hat Atatürk, der Visionär und Vater aller Türken, damals vergessen: Die Wanderer.

Martina Hahn

 

 

 

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