Vereinigte Arabische Emirate: Sharjah – Dubais ruhige Schwester

Sharjah - Blue Souk

Wenn Sharifa Madgwich zu sprechen beginnt, kann sich niemand ihrem Redefluss entziehen. Von Kopf bis Fuß eingehüllt in den traditionellen schwarzen Umhang Abaya, den Kopf züchtig bedeckt, erzählt die PR-Managerin des Sharjah Centre for Cultural Communication lebhaft von „ihrer“ Moschee. Es ist die Al Noor-Moschee, die einzige von 400 Moscheen des Emirats Sharjah, die Fremde besuchen dürfen. Dazu hat Sharifa Madgwich ein Programm entworfen, das den Besuchern den Islam und die Funktion einer Moschee näher bringen soll. „Sie können mich alles fragen“, verspricht sie und lässt keinen Zweifel daran, dass sie auch auf Fragen, die von Vorurteilen geprägt sind, keine Antwort schuldig bleibt.

Die gebürtige Britin kennt diese Vorurteile zu genau, die sie Tag für Tag erdulden musste, nachdem sie zum Islam konvertierte und bevor sie der Liebe wegen nach Sharjah zog. Zur einstündigen Führung durch die Moschee, bei der Urlauber sogar fotografieren dürfen, lädt das Sharjah Centre for Cultural Communication stets zu Montag, 10 Uhr ein. Wer nicht sittsam genug angezogen ist, erhält Leihkleidung zum Überstreifen.

Zurück zum Flair der 50-er Jahre

Sharjah   Sheria MadgwickDas Sharjah Centre for Cultural Communications mit einem winzigen Büro in der Altstadt von Sharjah-Stadt ist typisch für Dubais Nachbarland: Das Emirat besinnt sich konsequent auf seine Vergangenheit und steht mitten in der Gegenwart. Die Vergangenheit: Alle Staatsgebäude sind im traditionellen orientalischen Stil errichtet, und das Historische Viertel soll im millionenschweren Programm „Heart of Sharjah“ bis 2025 „zurück zum Flair der 1950-er Jahre“ finden, wie es in einem Prospekt heißt. Damals war Sharjah reich durch die Perlenfischerei.

Die Gegenwart: Der Einfluss des rasant wachsenden Nachbar-Emirats Dubai ist unübersehbar. Auch Sharjah besitzt viele Hochhäuser, doch nicht ganz so viele und so bizarre wie Dubai. In Sharjah wohnt knapp eine Million Menschen; acht von zehn – in Dubai sind es neun von zehn – stammen aus anderen Ländern rund um den Globus, sind also Gastarbeiter und deren Angehörige. Schätzungsweise jeder zweite Bewohner arbeitet in Dubai, wohnt aber wegen der niedrigeren Mieten und Immobilienpreise in Sharjah. Das führt regelmäßig zu gewaltigen Staus auf der Verbindungsstraße zwischen den zwei Emiraten.

Es gibt zu wenige Hotels

Touristen sind erwünscht, aber die Hotelkapazität ist begrenzt. Es gibt zwar über 70 Quartiere, aber nur ein Dutzend internationaler Großhotels. Doch weitere große Hotelketten drängen ins Emirat. Im wertvollsten historischen Gebäude der Altstadt soll bis 2015 ein Boutique-Hotel mit 56 Zimmern eröffnet werden – ein Tropfen auf den heißen Stein. Es handelt sich um das nach seinem früheren Besitzer benannte Majlis Al Midfaa-Haus, einst Treffpunkt für Wissenschaftler und Kaufleute, um über Literatur und Politik zu diskutieren. Ibrahim Al Midfaa diente bis in die achtziger Jahre vier Herrschern des Emirats als Sekretär. Sein Haus wurde auch wegen des runden Windturms berühmt, dem einzigen in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die normalerweise viereckigen Türme fingen früher frische Winde ein und kühlten so die Wohnungen.

Sharjah - teilsanierte Altstadt„Sharjah ist Dubais ruhige Schwester“, sagt Ute Köstle, deutschsprachiger Tourguide mit Lizenz für die gesamten Vereinigten Arabischen Emirate , „hier verläuft die Entwicklung etwas langsamer und konservativer.“ So sollten sich Touristen – auch die Männer – trotz der Hitze relativ bedeckt halten. Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit sind verpönt. Und Alkohol ist auch in Hotels strengstens verboten. Da wundert’s, dass Russen das Hauptkontingent der Besucher stellen. „In einer Viertelstunde sind sie in einer Bar in Dubai,“ stellt Ute Köstle dazu lakonisch fest. Während die Russen „eher Sonne und Sand suchen, genießen die Deutschen, zweitstärkste Besuchernation, auch die Kultur“, sagt sie.

Die fünf Säulen des Islam

Sharjah gilt als das Kulturzentrum der Vereinigten Arabischen Emirate. Der 15. Herrscher des Emirats, Dr. Sultan bin Mohammed al Quasimi, ist der einzige Akademiker unter seinen Kollegen der Golfstaaten. Er ist sehr an Kunst interessiert. In Sharjah gibt es 22 Museen, darunter im größten Altstadt-Haus das intime Heritage-Museum. Schmuck, Keramik, Münzen und Puppen in traditionellen Kostümen erzählen vom Leben in der Region vor der Entdeckung des Öls, als noch Landwirtschaft, Fischerei und Handel das Leben der Araber bestimmte. In einem früheren riesigen Bazargebäude ist das Museum für Islamik untergebracht, das in eine Welt einführt, die den meisten Deutschen fremd ist. Die 5000 Exponate – auch hier wieder Schmuck und Trachten, aber auch Manuskripte, Maschinen und Modelle – dokumentieren die fünf Säulen des Islam und geben, unterstützt von interaktiven Monitoren und klugen Testtafeln auch in Englisch, einen Überblick über 14 Jahrhunderte islamische Kunst. „Wer sich auf das Dargebotene näher einlässt, spürt, wie auch die letzten Vorurteile dahinschmelzen“, sagt Ute Köstle.

Sharjah   Flag IslandNoch in Betrieb ist der erst 1979 eröffnete, in islamischer Bautradition errichtete Blue Souk mit 800 Geschäften auf zwei Etagen. Mit seinen Kuppeldächern, traditionellen viereckigen Windtürmen, ornamentalen Rundbogenfenstern und Mosaiken gehört der Hallenmarkt zu den meistfotografierten Sehenswürdigkeiten auf der Arabischen Halbinsel.

Ganzkörperfön für die Kleinen

Sharjah besitzt drei künstliche Lagunen, feine Sandstrände und noch schönere, schier endlose Strände an den Küsten dreier Enklaven, die im Osten am Golf von Oman liegen. Es gibt kaum eine Urlaubersportart, die hier nicht ausgeübt werden kann. Im Sharjah Ladies Club können Urlauber sogar Schlittschuh laufen. Männliche Kinder müssen dort allerdings jünger als neun Jahre sein. Bei allen anderen Attraktionen sind Jungen jeden Alters zugelassen, im Fort der Hauptstadt, im Oldtimer-Museum oder im Streichelzoo. Kinder sind ausdrücklich willkommen, die Regenten von Sharjah setzen bei Bewohnern und Besuchern betont auf Familien. Das belegen auch Details: Am Riesenrad in der Vergnügungsmeile Al Qasba steht ein „Ganzkörperfön“, mit dem sich kleine Besucher trocknen können, die in den Wasserfontänen der Anlage gespielt haben.

Horst Schwartz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *