Cabo Verde: São Nicolau – Auf der Suche nach den letzten Drachenbäumen

São Nicolau, mit 346 Quadratkilometern die fünftgrößte Insel der Kapverden, wäre sicherlich ein Touristenmagnet, wenn die Verkehrsanbindung nicht so schlecht wäre. Denn landschaftlich hat die Insel viel zu bieten und muss sich nicht hinter der größeren Schwester Santo Antão verstecken.

Die vier- bis fünfstündige Passage von Sal oder São Vicente mit dem betagten Frachtschiff, das sich traditionell an keinen Fahrplan hält, tun sich nur wenige Besucher an. So bleibt nur die Anreise mit dem Flugzeug. Auf dem kleinen Flugplatz landen aber selbst in der Hauptsaison nur selten mehr als 3-4 Maschinen pro Woche. Erschwerend kommt hinzu, dass wegen der kurzen Landebahn selbst die Fokker 50 der TACV São Nicolau nur halbvoll anfliegen können. So ist es nicht verwunderlich, dass die wenigen Sitzplätze in den Maschinen heiß begehrt sind und so mancher Tourist Opfer der nicht immer nachvollziehbaren Buchungspolitik der Fluglinie wird.

Ist man dann aber auf São Nicolau gelandet, sollte man sich mindestens eine Woche Zeit nehmen, denn die Insel bietet exzellente Tourenmöglichkeiten und viel Abwechslung. Klimatisch ist die Insel zweigeteilt, nördlich des Monte-Gordo-Massivs, stauen sich die Passatwolken, deshalb ist es hier feucht und grün. Der weitaus größere Teil São Nicolaus südlich des Monte Gordo und der weit nach Osten reichende Finger sind trocken und wüstenhaft.

Das beste Standquartier ist die charmante, ein wenig verschlafen wirkende Inselhauptstadt Vila da Ribeira Brava mit ihren schönen, pastellfarbenen Kolonialbauten. Der Hauptplatz zählt architektonisch zum Schönsten, was die Kapverden zu bieten haben. Noch ist die touristische Infrastruktur selbst im Hauptort äußerst bescheiden, einige Pensionen und Restaurants sind neben einigen kleinen Läden schon alles. Individualisten, die abseits des Massentourismus wohnen und wandern möchten, werden schnell dem Charme dieses vergessenen Eilandes verfallen und wünschen, sie hätten mehr Zeit eingeplant.

Entlang der Hauptstraße, die von Vila da Ribeira Brava kurvenreich und beileibe nicht auf direktem Weg nach Tarrafal führt, befinden sich die Ausgangspunkte der meisten Wanderungen. Regelmäßig fahren Aluguers zwischen den beiden Hauptorten, so dass man nie lange auf eine Transportmöglichkeit warten muss. Tarrafal, auf der Sonnenseite der Insel gelegen, hat mittlerweile den Hauptort Vila da Ribeira Brava in Bezug auf die Einwohnerzahl überflügelt und besitzt wirtschaftlich wegen des Hafens und der Thunfischfabrik wohl auch die besseren Zukunftsaussichten. Wegen des langen Sandstrandes im Ort und der Nähe zu einem der schönsten Wanderreviere bei Praia Branca lohnt auch Tarrafal einen Aufenthalt.

Die Berge São Nicolaus sind zwar nicht so hoch und die Ribeiras nicht so steil wie auf Santo Antão, was den Vorteil hat, dass die meisten Wanderungen nicht so anstrengend sind. Spektakuläre Ausblicke gibt es aber trotzdem genug. Erstaunlich grün und dank künstlicher Bewässerung intensiv landwirtschaftlich genutzt, ist das weite, dicht besiedelte Fajãtal. Hier kann man relativ einfache Spaziergänge und Wanderungen unternehmen. Spektakulärer ist die Kulisse am Vulkan Monte Gordo, an dessen Nordflanke dank der Feuchtigkeit spendenden Passatwolken üppig grüne Wälder wachsen. Wild, rau und einsam ist die Landschaft zwischen Monte Gordo und Praia Branca sowie an der Nordküste um Ribeira Funda und Ribeira da Prata.

Drachenbäume wachsen zwar auch auf Santo Antão und Brava, aber nirgendwo sind sie so häufig wie auf São Nicolao. Besonders zahlreich und stattlich kommen sie im Fãjatal vor.

Nicht versäumen sollte man einen Abstecher auf den schmalen Finger, der sich weit nach Osten erstreckt. Eine Pflasterstraße führt bis zum einzigen Ort Juncalinho, der nur rund 500 Einwohner hat, ansonsten ist dieser Inselteil verlassen. Sonnenverbrannte, fast vegetationslose Steinwüste soweit das Auge reicht, hier zeigt sich die immer mehr zunehmende Trockenheit der Kapverden, die eine Folge der sich ausdehnenden Sahelzone ist. Denn noch vor einer Generation war dieser Inselteil besiedelt, bewirtschafteten Bauern ihre Felder. Geblieben sind die gepflasterten Maultierpfade, die immer mehr verfallen und verlassene Dörfer wie Morro Alto, die an bessere Zeiten erinnern. Hier kann man endlos durch eine vom Vulkanismus geprägte Wüste wandern, die Aussicht entlang menschenleerer Küsten genießen und an einsamen Stränden baden.

Christian Nowak

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *