China: Hinter dem herben Charme von Songzhuang blüht die Kunst

China, Songzhuang, Li Xiu Fang und ihre Lampen, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Li Xiu Fang und ihre Lampen, Foto: C. Nowak

Die Industriestadt Songzhuang bei Peking hat sich zum kreativsten Zentrum der modernen Kunst in China gemausert und selbst der Beijing 798 Art Zone, bekannt durch die Kunstikone Ai Weiwei, den Rang abgelaufen. Maler, Bildhauer, Fotografen und Konzeptkünstler haben in Songzhuang Fabrikgelände in Ateliers umgewandelt und können hier von der Staatsmacht relativ unbehelligt arbeiten.

Ein wenig schüchtern steht Li Xiu Fang in ihrer Werkstatt, denn Besuch aus dem fernen Deutschland hat sie noch nie gehabt. So wirkt sie zwischen all den extravaganten Lampen, an denen sie gerade arbeitet, ein wenig verloren. Aus Guandu, der Hauptstadt der Provinz Yunnan, stamme sie und arbeite seit zehn Jahren als Künstlerin. Früher sei die Werkstatt Teil eines kleinen Bauernhofs gewesen, hinter dem Haus liegen noch heute Felder. Für ihre Kreationen verwendet sie viele Naturmaterialien, aber auch Kunststoff und Metall. Sie zeigt auf die gerade Daumennagelgroßen braunen Punkte auf den Lampenschirmen: „Das sind Jadeschmetterlinge, hauchzarte Samen, die im Herbst von jedem Windhauch wie Schmetterlinge über die nahen Felder getragen werden.“ Aber erst, wenn sie das Licht in ihren Lampen anschaltet, erwachen sie zum Leben. Dann erstrahlen sie in warmen Farben, werden zu fast magischen Kunstobjekten, die die Fantasie anregen. Gleich mitnehmen möchte man sie, doch fürs Handgepäck sind sie viel zu groß.

China, Songzhuang, Li Xiu Fang und ihre Lampen, Foto: C, Nowak

China, Songzhuang, Li Xiu Fang und ihre Lampen, Foto: C, Nowak

Songzhuang nennt sich Art Village – Künstlerdorf. Wer jedoch ein pittoreskes Dorf erwartet, wird enttäuscht. Der Ort, gut eine Autostunde östlich des Pekinger Zentrums, ist keine ländliche Idylle sondern eine Industriestadt mit 100.000 Einwohnern. Selbst der künstliche See mit seinen felsigen, nur von spärlichem Grün bewachsenen Ufern wirkt wie eine Industriebrache. Schnurgerade, trostlos und staubig zieht sich die von Industrieanlagen gesäumte Hauptstraße durch den Ort. Nur die vielen, teils meterhohen Skulpturen, die schon von der Straße auszumachen sind, lassen erahnen, welch kreatives Potential in den schmucklosen Lagerhallen und Bürogebäuden am Werke ist.

„Viel Platz, viel Ruhe, erschwingliche Mieten und wenig Kontrolle“ waren für Li Xiu Fang entscheidende Argumente, sich in Songzhuang niederzulassen. Mittlerweile fährt sie nur noch selten mit dem Bus nach Peking, für häufigere Besuche ist ihr der Millionenmoloch zu laut und zu hektisch.

Unbehelligt von der Staatsmacht

Seit Anfang der 1990er-Jahre zieht es Künstler nach Songzhuang und jedes Jahr kommen mehr. Viele auch aus der Beijing 798 Art Zone, wo auch der bekannteste chinesische Künstler Ai Weiwei lebt. Denn mittlerweile ist das ehemalige Fabrikgelände 798 trendgerecht saniert und Anlaufpunkt für Touristen und angesagte Galeristen. Vor allem Kunst teuer zu verkaufen statt Kunst zu produzieren, werfen deshalb immer mehr der Art Zone 798 vor. Ganz anders dagegen Songzhuang: Touristen verirren sich bis jetzt nur ganz selten hierher, dabei organisiert das Sunshine International Art Museum – immerhin eines der größten seiner Art in China – seit 2008 jedes Jahr mehrere hochkarätige Ausstellungen. Da größtenteils private Sponsoren die Finanzierung übernehmen, mischt sich der Staat nur selten ein.

China, Songzhuang, Künstler Wu Zhen Huan, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Künstler Wu Zhen Huan, Foto: C. Nowak

Li Xiu Fang und Wu Zhen Huan sind Nachbarn und Kollegen. Wus Gemälde sind groß – sehr groß, dementsprechend gleicht sein Atelier auch eher einer Lagerhalle. Eimerweise verteilt er schwarze Farbe auf weißen XXL-Leinwänden. Seine Werke kennt man mittlerweile auch außerhalb Chinas. Stolz erzählt er von Ausstellungen in Italien, England und Malaysia. „Moderne Kunst hat in China keine Tradition“, sagt er, „früher habe ich anders gemalt, gegenständlicher und farbiger.“ Mit seinen großformatigen Schwarz-Weiss-Orgien möchte er eine Verbindung zwischen chinesischer Tuschemalerei und westlicher Ölmalerei herstellen.

Ein wahrer Meister dieser klassischen Tuschemalerei ist Wang Tao, der ebenfalls sein Atelier in Songzhuang hat. Auch Wang Taos Werke sind Schwarz-Weiss-Kunstwerke, passen aber noch auf seinen großen Ateliertisch. Mit unglaublich ruhiger, aber erstaunlich flinker Hand setzt er die Pinselspitze auf das Papier. Zurück bleiben unzählige schwarze Striche, die sich schließlich zu Blättern, Ästen und Bäumen vor Bergen und Seen zusammenfügen.

China, Songzhuang, Künstler Wang Tao, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Künstler Wang Tao, Foto: C. Nowak

Es lohnt sich, in Songzhuang auf Entdeckungstour zu gehen, denn Li Xiu Fang, Wu Zhen Huan und Wang Tao sind nur drei von mittlerweile mehr als 2000 Künstlern, die in dem Ort leben und arbeiten.

Impressionen aus Songzhuang

China, Songzhuang, Sunshine Art Museum, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Sunshine Art Museum, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Skulpturen in der Stadt, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Skulpturen in der Stadt, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Skulpturen in der Stadt, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Skulpturen in der Stadt, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Skulpturen in der Stadt, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Skulpturen in der Stadt, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Skulpturen in der Stadt, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Skulpturen in der Stadt, Foto: C. Nowak

Text und Fotos: Christian Nowak

Mehr über Songzhuang lesen Sie HIER

 

 

 

 

 

 

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