Frankreich: Der Westen Korsikas zwischen Calvi und Ajaccio

Offiziell gilt Kolumbus als Entdecker Amerikas. Auch wenn er nur durch Zufall auf den neuen Kontinent gestoßen ist, denn eigentlich wollte er ja nach Indien segeln. Genau genommen hat er Amerika aber nur wiederentdeckt, denn schon 500 Jahre vor ihm war höchstwahrscheinlich schon der Isländer Leif Eriksson dort. Soweit sind sich die Historiker einig, doch bei Kolumbus‘ Geburtsort streiten sie sich, ob er nun Spanier, Italiener, Portugiese oder gar Franzose war. Lange schien Genua die besten Argumente zu haben und verwies auf das Testament des genuesischen Seefahrers in spanischen Diensten.

Doch auch die Korsen sind felsenfest davon überzeugt, dass Kolumbus in Calvi geboren wurde. Sie verweisen auf die angeblichen Reste seines Geburtshauses in der Zitadelle und um ihren Anspruch zu untermauern, haben sie kurzerhand eine Straße und einen Platz nach ihm benannt. Seit dem 550jährigen Jubiläum der Entdeckung Amerikas 1992 gibt es an der Außenmauer der Zitadelle auf dem Place Christophe Colomb eine Bronzebüste in einem halben Boot. Da bis jetzt selbst die gentechnische Untersuchung seiner Knochen keine eindeutige Klärung brachte, darf sich Calvi wohl noch eine Weile als Geburtsort des großen Entdeckers fühlen.

Eigentlich hat Calvi das Heischen nach Aufmerksamkeit gar nicht nötig, denn die Stadt und ihre Umgebung gelten als Côte d’Azur Korsikas. Die mächtige Zitadelle thront weithin sichtbar auf einem ins Meer ragenden Felsen und gilt mit der von Bonifacio als imposantestes Bauwerk aus der Genuesenzeit. Auch der Jachthafen und der Quai Landry am Fuß der Festungsmauern brauchen sich vor der Côte d’Azur auf dem Festland nicht zu verstecken. In den Bars und Restaurants herrscht im Sommer Hochbetrieb, hier trifft man sich am Abend nach einem Strandtag in der Bucht von Calvi. Dass es am Quai eher mondän als volkstümlich zugeht, überrascht nicht bei den meist großen Jachten im Hafen.

Der Garten Korsikas

Zwischen den beiden Touristenzentren Calvi und L’Île Rousse erstreckt sich die Balagne. Eingeklemmt zwischen zwei wüstenhaften Gebieten, im Nordosten der Désert des Agrigates und im Südwesten der Balagne Déserte, breitet sich ein fruchtbares Hügelland bis zu den Gebirgen Zentralkorsikas aus. Dank der guten Böden gedeihen im Garten Korsikas Zitrusfrüchte, Oliven und Vermentinu-Trauben der Spitzenklasse. Doch selbst hier können die Menschen kaum noch von der Landwirtschaft leben, deshalb sind viele in die Städte oder gleich aufs Festland gezogen und haben ihre Felder der Maccia überlassen.

Nur wenige Touristen machen sich von den Stränden ins Hinterland auf, zu den kleinen Dörfern mit uralten, windschiefen Häusern aus Natursteinen, die oft wie Adlernester auf Bergrippen und Hügelkuppen thronen. Früher waren die rund zwei Dutzend Dörfer der Balagne durch den Anbau von Zitronen, Clementinen, Orangen und Mandeln relativ wohlhabend, heute sind die landwirtschaftlichen Erzeugnisse zwar immer noch gefragt, doch eine wirtschaftliche Bedeutung haben sie kaum noch. Nur der Tourismus bietet eine Chance, dass die wunderschönen Dörfer nicht noch weiter überaltern und entvölkern.

Die Küste der kariösen Felsen

Zwischen Porto und Piana schlängelt sich die Straße kurvenreich durch die bizarre Felslandschaft der Calanche de Piana, überall möchte man anhalten und atemlos auf das Gebirge der kariösen Steine schauen. Schon in Porto sind nicht der Ort oder der Strand die größte Attraktion, sondern die roten, zerfressenen Felsen der Steilküste, die bei Sonnenuntergang regelrecht zu glühen anfangen. Noch viel dramatischer sind die Calanche de Piana, hier erreichen die Verwitterungen, die Steine wie Bienenwaben aussehen lassen, ihren Höhepunkt. Je nach Tageszeit erscheinen die Felsen in allen Rot-, Rosa- und Brauntönen, wer nur etwas Fantasie besitzt, erkennt allerlei Gesichter und Figuren. Einer Legende nach sollen die Tafoni sogar ein Werk des Teufels sein. Kein Wunder also, dass sie auch so manchen Literaten beeindruckt haben. Der korsische Dichter Pierre Bonardi schrieb:„ Felsen des Gemetzels, ein letztes Aufbäumen blutverschmierter Gladiatoren, eine ganze Armee von vor Blut triefenden Tieren und Männern sind dort, dem Stoß des Monte-Cinto und des Monte Rotondo Widerstand leistend.“

Die Heimat des Großen Korsen

In Ajaccio begegnet man Napoleon auf Schritt und Tritt. Seine Präsenz ist so auffällig, dass man sich irgendwann fragt, womit der französische Kaiser diese unverblümte Huldigung eigentlich verdient hat. Er wurde zwar hier am 15. August 1769 geboren, doch schon mit neun Jahren verließ er die Stadt in Richtung Festland. Seine weiteren Aufenthalte in Ajaccio waren nicht unbedingt von Liebe geprägt und kurz. Immerhin machte er seine Geburtsstadt 1811 zur Hauptstadt Korsikas, negierte aber gleichzeitig ihre Autonomieansprüche. Nicht gerade beliebt machte er sich durch die Zwangsrekrutierung Tausender Korsen für seine Armee. Auch sein Bruder Lucien war für negative Schlagzeilen gut, als er einen Aufstand blutig niederschlug. Als Napoleon mit all seinen Großmachtplänen gescheitert war und 1814 abdanken musste, war die Freude in Ajaccio groß.

Heute ist sein Geburtshaus in der Rue Saint-Charles ein vielbesuchtes Museum. Interessant ist der weitverzweigte Stammbaum, der verdeutlicht, über welche Macht der Napoleon-Clan einst verfügte. Der gegenwärtige Chef des Hauses Bonaparte, Prinz Charles Napoleon, auch Napoleon VII. genannt, hat nur einige Jahre in der Lokalpolitik mitgemischt und sich dann frustriert auf das Festland abgesetzt. Im Rathaus huldigt man dem großen Korsen mit Devotionalien wie der bronzenen Totenmaske. Auf der Place de Gaulle zeigt er sich mit seinen vier Brüdern als römischer Imperator, auf der Place Maréchal Foch gibt er den Ersten Konsul, mit Löwen zu seinen Füßen. Höhepunkt des Napoleonkults ist die Place d’Austerlitz, die Heldentaten vor ihm in Stein gemeißelt, wacht er am Ende einer Triumphtreppe auf einem Sockel mit strengem Blick und Dreispitz über seine Geburtsstadt. Als Dank an ihn und seine Sippe gibt es auch noch den Cours Napoleon, die Rue Bonaparte, die Rue du Roi de Rome, die Rue Letizia und die Rue du Cardinal Fesch.

Christian Nowak

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