Portugal: Die Azoren – Vulkane, Wetterkapriolen und Wanderlust

Azoren_Das Innenleben des Kraters erkunden auf Corvo_Ines Klima

Das Kraterinnere auf Corvo

Sie haben sich durch den Wetterbericht einen Namen gemacht und sind auch unter Seglern ein Begriff. Die neun Inseln der Azoren ragen 1500 km von Portugal und 3500 km von der amerikanischen Küste entfernt aus dem Atlantik – vulkanisch, grün, still und von unbeschreiblichem Zauber.

Unter uns das rauschende Rollen des Atlantiks, vor uns der Wanderpfad am wirklich aüßersten Ende Europas. Wir sind auf der Insel Flores, die westlichste der Azoren-Inseln, die niederschlagreichste, die grünste. „Wir gehen heute die Traumvariante von Norden nach Süden,“ Oliver ist unser Azorenbegleiter für die nächsten zwei Wochen und strahlt. „Das geht nur bei trockenem Wetter, wenn es nicht zu glitschig ist.“ Und bald wissen wir auch, warum. Bis zu 200 Meter tief fallen die überwucherten Klippen ins Meer. Der Saumpfad zwischen Ponta Delgada und Faja Grande ist so etwas wie ein Pflichtprogramm für Azoren-Wanderer.

Rund 10 km Länge hat der ehemals einzige Verbindungsweg vom Norden in den Süden der Insel, am Anfang Hortensien-gesäumt und sattgrüne Weiden durchquerend, später hoch über türkisblauem Meer. Über uns ragen die üppig bewachsenen Hänge steil in den Himmel, bis zu 700 Meter über Meeresniveau, immer wieder durchziehen Rinnsale den Weg. Mit einem Auge also jeden Tritt kontrollieren, mit dem anderen auf das unendliche Meer schauen. Ein Blick in die Weiten des Atlantiks, wir sind hier 2000 km von Europa und rund 3000 von der amerikanischen Küste entfernt. Und weil heute die Sicht so gut ist, zeigt sich auch der absolut westlichste Punkt von Europa, die winzige vorgelagerte Insel „Ilheu de Monchique“.

„Und wenn man jetzt eine gerade Linie nach Norden zieht, wo würden wir dann herauskommen?“ Wir haben wieder einmal in Geografie nicht aufgepasst. „An der Ostküste Grönlands“. Oliver liebt solche Fragen und „seine Azoren“. Vor einigen Jahren ist er aus Österreich hierher gekommen und will nie mehr woanders leben, er ist dem Zauber der Inseln erlegen. Zwischen Papyrus, Girlandenblumen, Lorbeerbäumen und Riesenhahnenfuß schlängelt sich der letzte Teil des Weges am Bergrücken über dem Atlantik dahin.

Azoren_Wir sind die einzigen Wanderer entlang dieser Route auf Sao Jorge_Ines Klima

Wandern auf Sao Jorge

Nach rund drei Stunden Gehzeit taucht die Kirche von Ponta de Faja vor unseren Augen auf, ein leuchtend weißer Akzent im Grün der Wiesen. Das Azorentief ist heute (welch ein Glück!) wo anders zu Gast. Faja Grande, der westlichste Ort Europas, heißt uns im sanften Abendlicht mit den letzten Strahlen der Sonne willkommen. Ein Esel und ein paar Kühe säumen den Weg zum Abendessen im einzigen Restaurant des Ortes (200 Einwohner), dort wartet ein typisches Gericht auf uns – der Bacalhau (Stockfisch), von dem man auf den Azoren mehr als 100 Zubereitungsarten kennt.

Corvo ist ein Krater mit Stadt

Am nächsten Tag schon wieder Wetter-Glück, beim Frühstück reißt es auf und im Nordosten ist die Nachbarinsel von Flores zu sehen. Corvo ist die kleinste der Azoren-Inseln und hat so ihre Eigenheiten. Sie besteht erstens praktisch nur aus einem Vulkan mit riesigem Krater und ist zweitens nur bei relativ ruhigem Seegang zu erreichen. „Optimales Wetter heute.“ Carlos, unser Bootsmann zwinkert uns aufmunternd zu und so genau wissen wir noch nicht, was er damit meint. Wasserfest gekleidet und mit Rettungsjacken versehen sitzen wir im 20-Mann-Boot, die Finger festgekrallt am Haltegriff, doch nach kurzer Zeit legt sich die Anspannung und wir schippern durch die leichte Brise. Hin und wieder ein paar Gischtspritzer, Carlos hat alles im Griff und in einem perfekten Tanz mit den Wellen bringt er uns 25 km nach Vila Nova do Corvo.

Das ist die Haupstadt der Insel und zugleich auch der einzige Ort der Insel (mit gezählten 490 Einwohnern). Die einzige Straße bringt es auf stattliche sieben Kilometer Länge. Das reicht, denn am Ende der Straße wartet der „Caldeirao“, der übermächtige Riesenkrater mit seinem grünen Schlund, in den man hinabsteigen kann zu den schillernden Kraterseen. „En la terra e nao en la luna“ (Auf der Erde und nicht auf dem Mond), so wird der Riesenkrater von Corvo (rund 3,5 km Umfang) beschrieben. Beim Abstieg in den Kratergrund ziehen Sonne und Wolken über den Krater und setzen Lichtakzente in die grünen Moose, Gräser und Flechten. Staunend beobachten wir das Schauspiel, so schön, dass es fast unwirklich erscheint.

Azoren_Zufriedene Kühe auf Flores, im Hintergrund die Nachbarinsel Corvo_Ines Klima

Zufriedene Kühe auf Flores, im Hintergrund die Nachbarinsel Corvo

Rund 200 Höhenmeter geht es bergab zu den fünf Vulkanseen, vorbei an weidenden Kühen und einzelnen Felsblöcken. Wenn das Kameraklicken unserer Gruppe den Highlight-Faktor wiedergibt, dann liegt dieser Krater gut im Rennen. Wieviele Fotos muss man eigentlich machen, um diesen Anblick festzuhalten? Am besten die Augen schließen und für immer ins Gedächtnis brennen. Der Wolkenkranz am Haupt des Caldeirao sitzt auch heute fest und beim Aufstieg bekommen wir ein weiteres Krater-Phänomen zu spüren – der Wind jagt mit rund 80 Stundenkilometern über den Rand hinweg. Auf den Azoren sind Wind und Wetterwechsel allgegenwärtig, die archaische Kraft der Natur und ihre Schönheit sind selten so intensiv zu spüren wie hier auf den Inseln. Corvo ist nicht nur die nördlichste, sondern auch die kleinste der Azoren-Inseln, geboren aus einem einzigen Vulkan, der vor zwei Millionen Jahren das letzte Mal aktiv war.

Der höchste Berg von Portugal – eine launische Diva

Oliver, unser Wanderführer, ist zufrieden. „Für morgen ist gutes Wetter angesagt, ganz so wie wir es brauchen – für den Pico“. Wir sind inzwischen auf der Insel Pico angekommen und am Abend zeigt sich der gleichnamige Gipfel von seiner besten Seite. Am nächsten Tag werden wir den höchsten Berg Portugals erklimmen. 2351 Meter ragt er über dem Meer auf, eine imposante Erscheinung auf der gebirgigen Insel. Seine Flanken reichen bis weit ans Meer hinunter und auch am nächsten Morgen bei der Anfahrt zeigt uns der Pico sein schönstes Lächeln – an seinen Schultern trägt er einen Wolkenflausch wie eine Stola. „So schön und klar hab ich den Pico noch selten gesehen“, Oliver ist guter Dinge und wir sind früh dran, der prognostizierte Schlechtwettereinbruch am späten Nachmittag ist in weiter Ferne. Im neuen Schutzhaus auf 1225 Metern (Casa da Montanha) herrscht um neun Uhr Himalaya-Atmosphäre.

Wir Pico-Besteiger müssen uns (mit Passnummer) in eine Liste eintragen, letzte Kontrollen von Oliver – genug zu Trinken und zu Essen, gute Schuhe, Kleidung zum Wechseln, Stöcke. Kondition und Bergtauglichkeit hat er bei den anderen Wanderungen schon (unauffällig) gecheckt – immerhin sind mehr als 1000 Höhenmeter zu bewältigen, auf teils losem Vulkangestein. Wir sind mit GPS ausgerüstet, nur für den Fall, also alles ok. Und dass wir mit einem leichten Wolkendunst losgehen ist auf dieser Höhe auch ganz normal. „Oberhell“ lautet die fachgemäße Devise unserer Gruppe, als wir später in ein Wolkenband eintauchen, „spätestens am Krater scheint dann wieder die Sonne“. Nicht nur ich bin felsenfest von dieser Theorie überzeugt, auch Barometer und Satellitenwetter waren dieser Meinung.

Azoren_Traumhafte Wanderpfade mit Blick auf die Fajas, Sao Jorge_InesKlima

Traumhafte Wanderpfade mit Blick auf die Fajas, Sao Jorge

Wie es der unberechenbare „Pico“ dann geschafft hat, innerhalb von kürzester Zeit sein sonniges Antlitz zu verdunkeln, ist eine dieser aufregenden Azoren-Geschichten. Innerhalb kürzester Zeit brauen sich graphitgraue Wolken über uns zusammen. Regengüsse von oben, unten, hinten und vorne zugleich, Windböen aus allen Richtungen – auf 2150 Metern war jedenfalls Schluss mit der Tour. Die Temperatur abrupt gesunken, Kraterrand und Gipfel in einem Gemisch aus Regen, Nebel, Wolken verschwunden. Azorentiefgebräu in Reinkultur und wir mittendrin. Unsere wasserfeste Kleidung hat da wohl etwas missverstanden, sie klebt nun direkt an der Haut und regnet es mich jetzt von innen heraus an oder fühlt sich das nur so an?

Im Gänsemarsch folgen wir Oliver zurück zum Schutzhaus, er ist azoreanisch geeicht, bewahrt Ruhe, sieht die Markierungspfosten (auch im Nebel), reicht uns die Hand an nunmehr rutschigen Abstiegsstellen und im Schutzhaus angekommen fühlt sich der Wetterumschwung gleich wieder halb so schlimm an. Immerhin haben wir die Kraterhöhe erreicht, den Pico gesehen (bei der Anfahrt!) und zurück in unserem Ort Lajes (rund 20 km entfernt) scheint schon wieder die Sonne, als wäre nichts geschehen.

Vielfalt am Ende Europas

Wir sind verwundert und beeindruckt zugleich, die Intensität und die Vielfalt der Natur auf den Azoren ist unvergleichlich. Dank Oliver können wir mittlerweile nicht nur Girlandenblumen, japanische Sicheltannen, Baumheide und den krausblättrigen Klebsamen voneinander unterscheiden, sondern sind auch kulinarisch in den Variantenreichtum der Inseln eingedrungen. Fische (Thunfisch, Drückerfisch, Zackenbarsch, Haifisch, Degenfisch), Herzmuscheln und „Lapas“ (Napfschnecken“) werden verkostet und natürlich der Klassiker der Hauptinsel Sao Miguel – der „Cozido das Furnas“. Nie gehört? Es handelt sich dabei um eine Spezialität, die den rauchenden heißen Quellen von Furnas entsteigt.

Azoren_Stromsparend  kochen im Cozido auf der Insel Sao Miguel_Ines Klima

Stromsparend kochen im Cozido auf der Insel Sao Miguel

Ein Eintopf aus diversen Fleisch- und Gemüsesorten, der sechs Stunden lang in einem Erdloch mit Vulkanhitze gegart wird. Den Cuzido gibt es nur in Furnas, ein eigener Gemeindebediensteter bewacht die versenkten Töpfe, damit jeder auch seinen richtigen zurückbekommt. Wenn es was Besonderes zu feiern gibt, kommt die Familie nach Furnas und versenkt einen Topf fürs Festmahl. „Als mein Onkel aus Boston neulich zu Besuch war, erzählt uns Nuno, unser Busfahrer, „haben wir den ganzen Tag und die halbe Nacht hier verbracht – mit unserem Cuzido. Bei einer richtigen Familienfeier gehört das einfach dazu.“ Unser Topf wird ins Restaurant geliefert und dort verspeist. Ein Augen- und Gaumenschmaus und eine Riesenfreude für alle. Apropos Freude – die unglaubliche Lebendigkeit und Freundlichkeit der Azoreaner ist mindestens so intensiv zu spüren wie die ungezähmte Natur und die Farbenpracht jeder Insel.

Die Fajas – ein fruchtbares Schauspiel im Meer

Und weil jede Insel ihren speziellen Reiz hat, noch ein Blick auf Sao Jorge, die Wanderinsel schlechthin. Wie ein langgestrecktes Meeresungeheuer liegt die 56 km lange und nur 8 km breite Insel da, der Bergrücken in der Mitte erreicht Höhen bis zu 1000 Metern. Der Reiz der Insel liegt jedoch in ihrer Küstenformation, rund 70 „Fajas“ gibt es auf Sao Jorge. So werden die vorgelagerten Schwemmkegel genannt, die vom Meer aus besiedelt wurden und lange Zeit nur über steile Saumpfade erreichbar waren. Heute sind die Fajas begehrte Wanderziele. Unsere Tour von der Faja dos Vimes an der Südküste der Insel zur Faja de Sao Joao führt uns über rund 10 km im Auf und Ab quasi durchs Paradies.

Zum Start ein Kaffe von Senor Nunes (der Kaffee stammt aus der hauseigener Kaffeeplantage). Zwischen Drachenbäumen, Weinreben, Feigen und Bananen sowie Wasserfällen mit Quellwasser geht es rund vier Stunden lang bis zur Faja des Sao Joao. Und dann steht plötzlich Manuel vor uns , 77-jährig und mit lachenden Augen und nimmt die ganze Gruppe einfach mit zur Privatverkostung in sein Häuschen. Sein wundervoller Rebensaft paart sich mit der Sonne und dem Wohlgefühl der Wanderlust. Azoren Lebensfreude und Gastfreundschaft pur.

Text und Fotos: Ines Klima

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *