Deutschland/Usedom: Sommerfrische wie zu Kaisers Zeiten

Seufert Usedom

Usedom: Die Ostseeinsel zieht ihre Besucher nicht nur mit dem Charme des Wilhelminischen Zeitalters in den Bann

Der Wind haucht nur ganz zart über die schlanken Gräser der Dünen und die Ostsee, die sich leicht kräuselt. Gemächlich plätschern die Wellen an den Strand. Die Stille wird jäh vom Gekreisch der Möwen unterbrochen. Majestätisch lassen sich die Vögel auf dem Geländer nieder und inspizieren neugierig die Besucher. Zu so früher Stunde haben sich nur wenige Touristen auf die sonst sehr belebte Seebrücke gewagt, um die ruhige Stimmung zu genießen. Auch ausgesprochene Morgenmuffel lassen sich von der Atmosphäre verzaubern. Und ganz Mutige zieht es in die kühle See zum ersten Bad des Tages. Im Dunst sind schwach die Frachter auszumachen, die direkten Kurs auf die polnische Nachbarstadt Swinemünde nehmen. Das Seebad Ahlbeck und die Insel Usedom im Rücken, verliert sich die Weite des Meeres am Horizont. Usedom, im nordöstlichen Zipfel der Republik gelegen, zieht seine Besucher auf besondere Weise in den Bann.
Seufert  Usedom Die Kaiserbäder Alhbeck, Heringsdorf und Bansin haben sich ihren Charme als Seeheilbäder bewahrt. An der Uferpromenade funkeln die historischen Villen um die Wette und buhlen um die Gunst der Betrachter. Schon im 19. Jahrhundert waren die kleinen Orte an der Ostsee ein beliebtes Reiseziel – nicht nur für die Berliner. Die frische Meeresluft zu genießen, war schon etwas Besonderes. Und so lässt sich die Bäderarchitektur der Wilhelminischen Zeit noch immer bestaunen. Und auch bewohnen, denn so manches Haus beherbergt eine Pension oder ein Hotel. Wer Luxus und Eleganz liebt, steigt im Ahlbecker Hof ab, was auch Kaiser Franz-Josef von Österreich, Königin Silvia von Schweden oder auch Kurt Masur, der Dirigent und Ehrenschirmherr des Usedomer Musikfestivals, schon getan haben. Anhand von Fotografien ließ man den alten Glanz von 1890 wieder aufleben, wie Hotelier Rolf Seelige-Steinhoff seinen Gästen stolz erzählt. Der Chef der Seetel-Gruppe, die 15 Häuser der unterschiedlichsten Kategorien vereint, schwärmt von seiner Insel, der Schönheit, der Natur, die sich vielfältig erkunden lässt, aber auch von der wechselvollen Geschichte. So manches Haus, das zu Zeiten der DDR als Erholungsheim fungierte, wurde nach der Wende restauriert. Und einige Feriendomizile brachten beim Umbau Erschreckendes hervor: Doppelte Wände mit versteckten Mikrofonen, um die eigenen Bürger zu bespitzeln.
Heute scheint das auf Usedom weit weg. Auch wenn die Reste der ehemaligen Hubbrücke bei Karnin, als südwestliche Verbindung zum Festland, ein noch schlimmeres Kapitel der Geschichte offenbaren. Die Bahnlinie verband die Insel mit dem Festland.

Usedom SeufertDie 1933 errichtete Hubbrücke über den Peenestrom war eine technische Meisterleistung. Nur zwei Minuten dauerte das Anheben der Gleise, damit die Schiffe darunter durch fahren konnten, die stets Priorität hatten. 1945 wurde die Konstruktion von den Nazi gesprengt.
Das dunkelste Kapitel der Insel wird auch im Historisch-Technischen Museum in Peenemünde deutlich. Hier hatten die Nationalsozialisten ihre Raketenforschung intensiviert und unter Wernher von Braun die V1 und V2 geschaffen und eingesetzt. Mit Brauns Rolle, den Tausenden von Zwangsarbeitern und den todbringenden Waffen setzt sich das Museum kritisch auseinander. Und man nutzt die noch erhaltenen Räume, wie beispielsweise das Kraftwerk, zur Versöhnung: Dort findet seit 20 Jahren das Usedomer Musikfestival mit hochkarätigen Musikern statt.
Wer einfach nur Entspannung auf der Insel sucht, schlendert an der Ostsee entlang von einem Seebad zum nächsten. 42 Kilometer perfekter Sandstrand sind ein riesiger Spielplatz für Klein und Groß zum Buddeln und Beobachten.
Die frische Brise und die salzige Luft tun einfach gut. Da lässt sich kaum einer vom plötzlich einsetzenden Nieselregen abhalten. Denn ein gemütlicher Kaffee oder Tee sind am Nachmittag allemal drin. Vielleicht auf der Seebrücke bei Heringsdorf mit dem pyramidenähnlichen Gebäude. Und am Abend darf’s gerne ein kühles Bier sein. Seufert  Usedom Braumeister und Biersommelier Thiemo Schreieder hat als Bamberger 2004 auf der Insel eine neue Heimat gefunden. Und eine Berufung: 1700 Hektoliter süffigen Gerstensaft stellt er her – vom Schwarzbier bis zum Pils. „Biere mit Charakter“ verspricht der Wahl-Usedomer und serviert die fünf Sorten im zünftigen Brauhaus mit dem glänzenden Sudkessel als Mittelpunkt. Bei einer Führung durch den kleinen Gärkeller weiht er die Gäste in die Braukunst ein, ehe es an die Verkostung der Biere in den klassischen Bügelflaschen geht.
Kosten muss man auf der Insel übrigens auch den Räucherfisch. In Rankwitz, zwischen Peenstrom und Achterwasser, führt Juniochefin Christin Reschke durch die Verarbeitungsräume und bis zur Räucherkammer des kleinen Familienbetriebs. Der Anblick der frisch aus dem Rauch geholten Fische lässt schnell das Wasser im Mund zusammenlaufen. Und während draußen die Sonne buchstäblich ins Achterwasser fällt und vereinzelte Angler ihre Ruten aufwerfen, darf man den Tag mit dem Blick auf die herumschwirrenden Möwen ausklingen lassen.

Text und Fotos: Diana Seufert
Interessantes über Usedom
Die Insel Usedom in der Pommerschen Bucht ist durch den Peenestrom und das Stettiner Haff vom Festland getrennt. Die Stadt gleichen Namens ist geprägt von der spätgotischen Marienkirche und dem historischen Stadttor.
Usedom ist mit 1900 Stunden im Jahr sehr sonnenreich. Hier findet sich auch der nördlichste Weinberg Deutschlands und eine Weinkönigin wird wählt.
Einen Abstecher wert sind auch das Wasserschloss Mellenthin und Zempin, das kleinste Seebad, das an der schmalsten Stelle der Insel liegt.
Bequem ist Usedom mit dem Flugzeug zu erreichen. Jeden Samstag gibt es Linienflüge auf die Insel.