Vietnam: Ein Land zwischen Tradition und Moderne

P1040648

Mopeds, überall Mopeds ….ist unser erster Eindruck von Saigon. Wie Bienenschwärme ergießt sich eine endlose Zweiradkarawane durch die Stadt. Als Fußgänger eine Straße zu überqueren wird zum Hindernislauf. Bleiben Sie ruhig und zusammen, beruhigt Reiseleiter Thang und schleust uns wohlbehalten durch das knatternde Chaos. Mehr als 5 Millionen Mopeds, Motorräder, Luxuskarossen und Autobusse verstopfen die Straßen der acht Millionen Metropole, die offiziell Ho-Chi-Minh-Stadt heißt. Doch die Einheimischen nennen sie nur selten bei ihrem Namen, weiß Thang. Sie sagen Saigon. Wie ein Magnet zieht die größte Stadt des Landes immer mehr Menschen an, schon jetzt lebt fast jeder zehnte Vietnamese hier.

P1040486
Jung und bunt, glitzernd und laut, atemlos und leichtlebig – so ist Saigon. Aufregend und unglaublich faszinierend. Wolkenkratzer und Hochhäuser ragen in den Himmel, breite freundliche Boulevards schmücken sich mit Designerläden, Nobeldiskotheken und trendige Cafes sind Symbole wirtschaftlichen Booms. Jüngstes Wahrzeichen Saigons ist der 265 Meter hohe Bitexo Tower mit Helikopter-Landeplatz. In den schmalen Straßen der alten Chinatown mit ihren Tempeln und Pagoden brodelt das Leben, staut sich der Verkehr. Dennoch ist etwas vom Charme des ehemaligen „Paris des Ostens“ zu spüren. Beim Bummel durch die quirligen Straßen bezaubert manch koloniales Schmuckstück: so die geschichtsträchtigen Nobelherbergen Majestic und Continental, die türmchenreiche Fassade des Hotel de Ville, in dem heute das Volkskomitee tagt. Unweit davon die Oper, erbaut nach dem Vorbild des Pariser Petit Palais und die backsteinrote Kathedrale Notre Dame mit ihren schlanken Zwillingstürmen. Sie sollten unbedingt einen Blick in das Hauptpostamt werfen, empfiehlt Thang. Mit seiner himmelhohen gusseisernen Deckenkonstruktion nach Gustave Eiffel, alten Landkarten und Kronleuchtern ist es wirklich beeindruckend. Wenn es Abend wird, erstrahlt Saigon in gleißendem Neonlicht, Menschentrauben bevölkern Straßen und Plätze, das bunte Leben geht weiter.
Im Mekongdelta
Von der Hektik der Riesenstadt ist im nahen Mekondelta nichts mehr zu spüren. Hier entfaltet sich der ganze Zauber dieser alten Kulturlandschaft mit ihrer üppigen Vegetation, tropischen Früchten und endlosen Reisfeldern. An einem der unzähligen Kanäle und Nebenarme des mächtigen „Fluss der neun Drachen“ besteigen wir unser Longtailboot, gleiten entlang des grünen Mekonufers, sehen Häuser die auf Pfählen im Wasser stehen und erleben, wie auf dem schwimmenden Markt von Boot zu Boot gehandelt wird. Dicht an dicht liegen Lastkähne, Haus- und Longtailboote, schwer beladen mit Gemüse, Früchten und vielem anderen, was täglich gebraucht wird.

P1040624 An einer der Inseln gehen wir an Land, wandern bei Saunatemperaturen auf schmalen Pfaden durch Palmen- und Bananenplantagen, durch kleine Dörfer und mitten durch das Leben der Menschen, die hier vom und mit dem Wasser leben.
Ein Kapitel junger vietnamesischer Geschichte wird lebendig, als wir Cu Chi besuchen. Nordwestlich von Saigon erstreckt sich die vielleicht größte unterirdische Stadt der Welt: ein 200 Kilometer langes, bis zu zehn Meter tiefes weitverzweigtes Geflecht von Tunneln und Gängen mit Schulen, Krankenhäusern, Büros und Schlafgelegenheiten, das in den 60ger und 70ger Jahren von Partisanen gegraben wurde. Im Schutz der Tiefe hatten Männer, Frauen und Kinder sich dort oft wochenlang aufgehalten. Nach einem Rundgang durch das riesige Gelände in Begleitung eines Guide im Vietcong-Look kann man verstehen, wie das kleine Vietnam den mächtigen Gegner USA mit all seinem Napalm besiegen konnte.
Stadt der Lampions
Nach gut einer Flugstunde ist Da Nang erreicht, das wirtschaftliche Zentrum in der Mitte Vietnams mit Tiefseehafen und internationalem Airport. Touristisch hat die Stadt nicht viel zu bieten außer einigen Luxushotels an palmengesäumten Stränden. Doch an dem fast fünfzig Kilometer langen China Beach drehen sich unzählige Kräne und so wird dort schon in kurzer Zeit ein neues Urlauberparadies aus dem Boden gestampft sein. Mit mediterranem Flair bezaubert das unweit gelegene Hoi An, ein Städtchen wie aus dem Bilderbuch. Einst war es eine bedeutende Hafenstadt, in der chinesische und japanische Kaufleute einen schwungvollen Handel mit Gewürzen, Edelhölzern und Stoffen betrieben. Mit seinen mehr als 800 historischen Gebäuden aus dem frühen 17. Jahrhundert ist Hoi An ein architektonisches Kleinod und Weltkulturerbe. Es macht Spaß, durch die engen Gassen zu schlendern in denen unzählige Geschäfte, Souvenirshops, Galerien und Kunsthandwerkläden zum shoppen locken.

P1040628Seinen Ruf als „Schneiderwerkstatt“ hat sich Hoi An bewahrt – über Nacht kann man sich in Maßarbeit Seidenanzüge, Kleider und Hosen anfertigen lassen. Doch am Schönsten ist es am Abend, wenn die Uferpromenade voller Menschen ist und die Stadt in einem Meer aus bunten Laternen und Lampions erstrahlt.
Königliches Hue
Weiter nordwärts über den Wolkenpass, der uns aus der Höhe traumhafte Aussichten über die Lagune im Norden und die weite Bucht von Da Nang beschert. Dann ist Hue erreicht, die alte Königsstadt, eingebettet in eine malerische Hügel- und Gebirgslandschaft. Glanz und Pracht der einstigen Herrscher der Ngujen-Dynastie werden lebendig bei einem Spaziergang durch die Zitadelle. Die 520 Hektar große Anlage – eine Stadt in der Stadt mit Palästen, Tempeln, Pagoden, Ziergärten, Hallen und umschlossen von einer 11 Kilometer langen Mauer – war jahrhundertelang für das Volk verschlossen. Heute strömen Touristen aus aller Welt durch das prächtige Mittagstor in die Königsstadt mit dem Kaiserpalast in der „Verbotenen Stadt“. In leuchtendem Rot und Gold, den Farben der Ngujen-Herrscher, erstrahlen die Halle der Höchsten Harmonie, der Thron, das herrschaftliche Theater, Flure und Gänge.

P1040701Seitdem die UNESCO 1993 die wichtigsten Anlagen in die Welterbeliste aufgenommen hat, ist vieles aufwendig restauriert worden. Dennoch sind die Wunden, die der Krieg in diesem riesigen Areal geschlagen hat, deutlich sichtbar. Bis 2020 soll das Palastgebäude wieder in alter Pracht zu besichtigen sein, weiß Reiseleiter Thung, einiges werde jedoch wohl für immer verloren sein. Nach einem Bummel über den quirligen Straßenmarkt gehen wir an Bord unseres Hausbootes auf dem Parfümfluss und erleben eine stimmungsvolle Landschaft mit üppig grünen Ufern. Bei einer Fahrradtour an Land sehen wir Pagoden und Tempel, in den kleinen Dörfern begleiten uns Kinder mit ihren Hello-Hello-rufen. Abends werden wir bei einem Kochkurs an Bord in die Geheimnisse der vietnamesischen Küche eingeweiht.
Text und Fotos: Christel Seiffert