Indien: Ladakh – das Land der Langsamkeit

Knoller Das Hochland von Ladakh

Ladakh, die Region im Norden Indiens, ist kein Ziel für eilige Reisende. Wer hierher kommt, muss sich Zeit nehmen, und lernt, die Dinge anders zu sehen.
Der Flughafen der Hauptstadt Leh liegt 3600 Meter über dem Meer. Schon der Anflug lässt empfindlichen Passagieren den Atem stocken. Verwegen stürzt sich der Pilot zwischen den Gipfeln des Himalayas in das enge Tal hinab, die Flügelspitzen scheinen fast die Berghänge zu streifen. Die Aussicht ist grandios. Die Gipfel des mächtigsten Gebirgszuges der Welt sind zum Greifen nah. Das Flugzeug folgt unbeirrbar seinem Weg und setzt sicher auf der Landepiste auf. Angst muss man trotz der waghalsigen Manöver keine haben. Zumindest wenn man der Statistik glaubt. Zu gefährlichen Zwischenfällen, geschweige denn Abstürzen, ist es hier noch nie gekommen. Das mag auch daran liegen, dass alle Piloten die auf dem Flughafen in Leh landen, eine Zusatzausbildung absolvieren müssen. Oder daran, dass sich die Ladakhis darauf verstehen, böse Geister zu vertreiben. Obwohl der Buddhismus weit verbreitet ist, spielt hier der animistischen Volksglaube nämlich nach wie vor eine große Rolle.

Knoller, Chörte mit Gebetsfahnen
Kaum angekommen, ergreift den Reisenden Schwindel. Jeder Meter, den man zurücklegt, scheint ein Kilometer zu sein. Selbst wenn man sich nur die Schnürsenkel binden will, wird das zur Herausforderung. Doch auch hier muss sich der Reisende nicht sorgen. Es sind keine bösen Geister, die ihn schwächen, es ist die Höhe, die ihm Probleme macht. Und wer seinem Körper Zeit zur Anpassung gönnt, den macht bald nur noch die Schönheit des Landes schwindelig.

Knoller Wandern in Ladakh
Ohnehin ist Ladakh ein Land, das seine Besucher zur Langsamkeit erzieht. Die Straßen sind holprig, die Berge steil und meist ohnehin nur zu Fuß zu bezwingen. Die Langsamkeit gibt einem aber die Möglichkeit, viel genauer hinzusehen. Die grandiose Landschaft rast nicht vor dem Autofenster dahin, man muss sie Schritt für Schritt erobern. Auf den Wanderpfaden begegnet man nur wenigen Touristen, dafür Einheimischen, die gerne anhalten, um mit dem Fremden ein paar Worte zu wechseln. In den Klöstern – wie dem in Thiksey, nur wenige Kilometer von Leh entfernt – bleibt Zeit, den Gebeten der Mönche zu lauschen oder mit ihnen in die Meditation zu versinken. Hier zählen nicht Minuten und Stunden, hier geht es um größere Zusammenhänge – die sich beständig wiederholende Reise aus Leben, Tod und Wiedergeburt.

Text und Bild: Rasso Knoller